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(Signierstunde)
von Thomas Kögel Dienstag, 30. Dezember 2008
Hört man das Stichwort Piraten, so fallen einem entweder die aktuellen Ereignisse vor der Küste Somalias ein, oder jene Piraten, die wir aus dem Kino kennen: die verwegenen Freibeuter der Meere, nur echt mit Augenklappe, Holzbein und Papagei auf der Schulter. Die Piraten, von denen Lewis Trondheim in seinem neuen Comicroman Insel Bourbon 1730 erzählt, gehören weder zur einen noch zur anderen Fraktion. Gemeinsam mit dem Szenaristen Appollo versucht er ein realistisches Bild von der Zeit zu zeichnen, als die große Ära der Piraterie zu Ende ging.
Die Insel Bourbon, die dem Buch ihren Namen gibt, heißt heute La Réunion, liegt in der Nähe von Madagascar und gehört zu Frankreich. Appollo, der die Geschichte zusammen mit Trondheim geschrieben hat, lebt seit Jahren auf dieser Insel. Ausgehend von zahlreichen historischen Fakten (die in einem aufschlussreichen Glossar erklärt werden), erzählen Appollo und Trondheim in mehreren parallelen Handlungssträngen von den letzten Tagen der Piraterie in dieser Region: Ein Ornithologe aus Frankreich und sein junger Assistent sind auf der Suche nach dem Dodo, die Marrons (ins Bergland geflohene Sklaven) sind auf der Flucht vor Kopfgeldjägern, die Gouverneurstochter Virginie sucht Freiheit und Abenteuer. Und dann ist da noch La Buse, ein legendärer Pirat, der auf Bourbon im Gefängnis sitzt und auf seine Hinrichtung wartet. Einige Kollegen wollen ihn befreien, doch die meisten ehemaligen Piraten haben diesen Beruf an den Nagel gehängt und verdienen, nach einer Amnestie der Regierung, gutes Geld als Plantagenbesitzer.
Aus einer Vielzahl unterschiedlicher Blickwinkel kann sich der Leser ein Bild davon machen, wie sich das Leben zu jener Zeit auf der Insel abgespielt hat. Es geht dabei weniger um eine geschlossene, zielstrebig erzählte Handlung, vielmehr setzen Appollo und Trondheim einzelne Schlaglichter, die nach und nach geschickt miteinander verknüpft werden. Insofern ist Insel Bourbon 1730 eher eine Sammlung von Episoden als ein großes, durchgängiges Epos. Trotz der großen Faktentreue ist dies kein dokumentarischer Comic, die Autoren erlauben sich viele künstlerische Freiheiten und nicht zuletzt sorgt Trondheims typischer Zeichenstil für einen Verfremdungseffekt.
Wie üblich zeichnet Trondheim alle Figuren als Personen mit menschlichen Körpern, aber tierischen Köpfen. So erschafft er mit wenigen Strichen unterscheidbare Charaktere - dabei ist immer wieder erstaunlich, wie gut es ihm gelingt, mit (scheinbar) einfachen grafischen MItteln äußerst ausdruckstarke Figuren zu kreieren. Die Zeichnungen in diesem Band sind noch einen Tick krakeliger als man es von Trondheim kennt, die meisten Seiten entstanden ohne jede Vorzeichnung. Nur durch diese unglaublich schnelle und effiziente Arbeitsweise ist es überhaupt möglich, dass der vielbeschäftigte Zeichner zwischen seinen unzähligen Projekten mal eben in kurzer Zeit einen knapp 280 Seiten langen Comic abliefern kann; eine Strecke, mit der andere Zeichner jahrelang beschäftigt wären.
Es fällt schwer, diesen Comic in Genre-Schubladen einzuordnen, Eine klassische Abenteuergeschichte ist er mit Sicherheit nicht, eher ein historischer Roman, ein Zeiten- und Sittenbild. Der Humor spielt eine kleinere Rolle als in den meisten anderen Werken Trondheims, schimmert aber immer durch. Selten in Form von offensichtlichen Gags, meist in Gestalt von subtilem Dialogwitz oder skurillen Schlenkern in der Handlung.
Ob man zu Insel Bourbon 1730 greift, weil man an der Geschichte der Piraterie interessiert ist, oder ob man es als Fan von Lewis Trondheim tut: Die Lektüre lohnt sich in jedem Fall. Man bekommt ein sehr eigenständiges Werk, das auf originelle und unterhaltsame Weise von einer Welt erzählt, die man sonst allenfalls als verzerrtes Klischeebild kennt.
Insel Bourbon 1730
Reprodukt, Oktober 2008
Text: Appollo, Lewis Trondheim
Zeichnungen: Lewis Trondheim
Softcover mit Klappenbroschur; schwarz-weiß; 288 Seiten; 17,- Euro
ISBN: 978-3938511879

Bildquelle: reprodukt.com















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Man sollte meinen, über manche Dinge sei alles gesagt, was man darüber sagen kann. Zum Beispiel über Tim und Struppi. Hergés berühmte Abenteuerserie gilt gemeinhin als der Beginn der europäischen Comic-Tradition und wurde bereits vielfach untersucht und betrachtet. Dem fügt jetzt der Brite Tom McCarthy eine neue Lesart hinzu.
Eine hervorragende Coveridee stimmt gut auf das Album ein. Das Tuch,
welches der Indianer trägt, weist Lilien auf, die zum französischen
Königshaus gehören, sowie den britischen Union Jack. Beides fließt am
Boden zur amerikanischen Flagge zusammen. Da die Handlung während des
Krieges zwischen England und Frankreich spielt, wobei jede Seite
verschiedene Indianerstämme auf ihrer Seite hat, ist das Cover ein
wirklich gelungenes Symbol.
- 09.07.2010

Die große Kunst bei der Schaffung von Comics liegt darin, Lücken zu
füllen. Und damit sind die Lücken zwischen den Bildern gemeint. Erst
durch den Lesefluss des Betrachters werden die Bilder inhaltlich
miteinander verknüpft und im Kopf des Lesers entsteht nicht nur eine
zusammenhängende Story, sondern auch eine Dynamik, die im Kopf einen
Film ablaufen lässt. Die Kunst der Schöpfer besteht unter anderem darin,
Story und Dynamik adäquat zu gliedern. Warum diese allgemeine These,
die eher zu einer theoretischen Abhandlung zu Comics gehört, hier in
einer Rezension steht? Weil diese Lücken im ersten Band der Reihe Die Korsaren der Alkibiades
einen Tick zu groß geworden sind. Es holpert und stolpert an allen
Ecken und Enden, wie eine Dampflok, die zu wenig Holz als Antrieb zu
fressen bekommt.
- 05.10.2010
Neben den drei Hauptreihen der Donjon-Serie schufen Joann Sfar und Lewis Trondheim auch noch die Nebenserien Parade und Monster. Von letzterer sind die ersten beiden Bände frisch auf deutsch erschienen. Donjon Monster hat
keinen Stammzeichner - hier wird jeder Band von einem anderen Künstler
umgesetzt, und so bekommt jedes Album seinen ganz eigenen Charakter.
Band 1 und 2, die gleichzeitig erschienen sind, machen dies sehr
deutlich, denn die beiden Geschichten sind so verschieden wie Tag und
Nacht.
- 01.01.2007