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T e i l e n

Interview mit Max (OmU) Drucken
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Donnerstag, 4. Dezember 2008
Beitragsinhalt
Interview mit Max (OmU)
Interview with Max (English)




Max beim Interview in Erlangen Die Comicwelt ist manchmal größer als man denkt. Aus diesem Grund hat es auch etwas länger gedauert, bis dieses Interview endlich fertig gestellt wurde. Nach einem kurzen Treffen auf der Frankfurter Buchmesse 2007 und dem Termin beim Comic-Salon in Erlangen 2008 erscheint nun endlich das Interview mit dem spanischen Comickünstler Max (alias Francesc Capdevila), der seit den 70er Jahren Europa mit seinen Comics bereichert. Er erklärt Comicgate, wie man unter dem Regime von Franco Comics veröffentlicht und durch Comics mit streng katholischer Erziehung fertig wird.



Wir bieten Euch das Interview im Original auf Englisch und übersetzt auf Deutsch an.

Für das Originalinterview bitte hier klicken - please click here for the English version.


EspiaSueños Comicgate: Max, du bist Comic-Künstler, du arbeitest als Illustrator, du gestaltest Cover für CDs und dann bist auch noch Verleger. Würdest du dennoch sagen, dass Comics dein Hauptbetätigungsfeld sind?

Max: Ja, Comics sind auf jeden Fall mein Hauptinteresse. Nur leider kann ich nicht die ganze Zeit an meinen Comics arbeiten.

CG: Was nimmt dann die meiste Zeit ein?

Max: Viel Zeit verbringe ich damit, als Illustrator zu arbeiten, denn damit verdiene ich mein Geld. Mit Comics lässt sich sicherlich nicht so viel Geld verdienen.

CG: Dennoch hast du ursprünglich als Comic-Künstler angefangen. Als du gerade mal 17 Jahre alt warst, hast du dich der Comic-Gruppe “El Rrollo enmascarado“ angeschlossen. Hast du damals irgendeine Art von künstlerischer Ausbildung genossen?

Max: Nein, damals gab es keine Ausbildung zum Comic-Zeichner oder etwas dergleichen. Ich habe als kleiner Junge schon immer Comics geschrieben und gezeichnet. Für mich war das also etwas Natürliches. Als ich dann die Leute von “El Rrollo” getroffen haben und sie mir die Comics von Robert Crumb zeigten, da war klar: „Oh ja! Genau das will ich machen!“

“El Rrollo enmascarado“ bestand aus einem Haufen Leute in Barcelona, die so um 1973 anfingen Comics zu zeichnen. Da Spanien damals noch vom Diktator Franco regiert wurde, mussten die Comics heimlich gedruckt und verkauft werden.

Gustavo contra la actividad del radio, 1982 CG: In den 70ern Comics zu zeichnen, hieß unter Francos Regime zu arbeiten. Kannst du kurz beschreiben, wie die Szene damals aussah?

Max: Ja, natürlich gab es damals schon eine Comicszene. Aber es wurden hauptsächlich Kinder- und Abenteuercomics verlegt. Viele talentierte Künstler arbeiteten aber für den europäischen oder auch den amerikanischen Markt. Spanische Comics wurden zensiert, was es unmöglich machte über Themen wie Politik, Religion und Sex zu schreiben. Erst meine Generation begann damit zu brechen. Inspiriert durch die amerikanischen Independent-Comics beschäftigten wir uns in unseren Comics mit eben diesen Tabus. Einige von uns mussten sogar vor Gericht; man warf uns Obszönität vor. Erst als Franco 1975 starb, entstanden kulturelle Explosionen in allen Feldern gleichzeitig. Dieser Moment war einfach großartig, man hatte das Gefühl, alles sei möglich! Ein paar Jahre lang konnte man wirklich alles machen; jeder war offen für alles Neue, Alternative und Experimentelle. Comics spielten damals eine wichtige Rolle; 1979 entstand diese neue Szene und mitten drin das monatliche Magazin El Víbora. Dort waren wirklich alle alternativen Comickünstler Spaniens vertreten. Das war die erste Renaissance der Comics nach dem Bürgerkrieg.

CG: Wie kamst du dann auf die Idee, mit Nostros somos los muertos deine eigene Anthologie herauszugeben?

Monólogo y alucinación del gigante blanco, 1996 Max: Die 80er waren super, aber gegen Ende des Jahrzehnts begann alles zusammenzubrechen. In den Neunzigern gab es dann fast gar nichts. Deshalb habe ich mir überlegt, was dagegen zu tun. Ich folgte dem Beispiel der französischen Künstler von L'Association, obwohl es sich schwer vergleichen lässt: Wir waren keine Gemeinschaft, keine Gruppe wie sie. Es gab am Anfang nur mich und Pere Joan. Deshalb haben wir uns zur Aufgabe gemacht, die Werke unserer Kollegen zu präsentieren, die nicht in der Lage waren, ihre Arbeiten zu veröffentlichen, Wir mussten Spanien einfach die Comics dieser Künstler zeigen, die man sonst nicht sehen konnte.

CG: Künstler wie Mattotti?

Max: Nein, Mattotti war zu dieser Zeit bereits sehr bekannt in Spanien. Ich meine eher Künstler wie Julie Doucet, Chris Ware und David B. Wir waren die ersten, die ihre Comics in Spanien veröffentlichten.

CG: Neben deiner Arbeit im Comicbereich, hast du gesagt, dass Illustrationen den Künstler am Leben erhalten. Du hast viele Illustrationen gemacht, zum Beispiel eine Werbekampagne für Swatch, aber du hast auch das neue Maskottchen für den Fußballclub FC Barcelona kreiert. Wurdest du speziell dafür von den Offiziellen des Klubs ausgesucht oder wie hat man sich diesen Prozess vorzustellen?

Max: Der Verein hat damals einen kleinen Wettbewerb ausgerufen. Dazu haben sie sich drei Illustratoren ausgesucht und ich habe am Ende gewonnen. Ich bin gegen zwei gute Bekannte von mir angetreten: Einer der beiden war der Graphik-Designer Peret und der andere war Jordi Labanda, der angesagteste Illustrator in Spanien zu der Zeit.

Bardín, Cover der englischen Ausgabe CG: Dann kannst Du diesen Job ja sicherlich als Erfolg verbuchen, als Wertschätzung deiner Fertigkeiten als Künstler? Wenn du jetzt auf dein ganzes Werk zurückblickst, würdest du es als Entwicklung bezeichnen, an deren Ende Bardín der Superrealist als Höhepunkt steht?

Max: Obwohl ich sehr stolz auf meine Arbeit bin, würde ich sicherlich nicht von einem Höhepunkt meiner Fähigkeiten sprechen. Ich klettere immer weiter. Dennoch steht Bardín für eine ganz wichtige Phase in meinem Leben als Künstler. In den Neunzigern habe ich größtenteils als Verleger gearbeitet, nicht als Künstler; Bardín hat das geändert. Auf einmal zeichnet Max wieder Comics. Man kann den Band also eher als mein persönliches Comeback sehen. Das einzige Buch, das ich in den Neunzigern noch gestaltet habe, war Der lange Traum des Herrn T. – habe ich das richtig ausgesprochen? – und dann hat es zehn Jahre gebraucht bis ich Bardín gemacht habe. Ich war sehr zufrieden mit der großen Resonanz.

CG: Bardín ist eine Sammlung von kürzeren Episoden; hast du die vor der Erscheinung des Comics anderswo veröffentlicht?

Max: Ich habe Bardín an den verschiedensten Stellen veröffentlicht. Immer wenn mich jemand gefragt hat, ob ich nicht etwas für ihn machen könnte, ist eine kleine Bardín-Geschichte draus geworden. Aus diesem Grund erschienen die einzelnen Geschichten in Comicmagazinen, in Anthologien und manchmal auch in der Tageszeitung.

CG: Lass uns ein bisschen über die Hommage an Dalí, Buñuel and Magritte in Bardín reden. Wie bist du darauf gekommen  Spielst du schon länger mit der Idee des Surrealismus, die ja sehr präsent in dem Comic ist? Glaubst du, dass der Surrealismus zurückkommt oder das wir etwas Ähnliches zu erwarten haben, das seinen Platz einnimmt?

Seite aus Bardín, spanische Ausgabe Max: Nein, ich glaube, dass es Surrealismus schon immer gab, selbst bevor es einen Begriff dafür gab. Wenn man sich die Kunstgeschichte einmal anguckt, dann wird man zu jeder Zeit komisches, abgedrehtes Zeug finden. Den Surrealisten ist es während der Jahrhundertwende nur gelungen, dem ganzen einen Namen zu geben und eine Theorie dazu anzufertigen. Aber das Gefühl, die Wahrheit der Menschheit durch Träume auszudrücken, diesen automatischen Weg des Schreibens, das gab es schon immer. Selbstverständlich waren sie nur in der Lage eine Theorie aufzustellen, da es auch die Zeit von Sigmund Freud war, die Zeit der Psychoanalyse. Die Entdeckung der Untiefen des menschlichen Gehirns hat zu diesen Gedanken geführt.

CG: Wenn wir schon über Träume sprechen, müssen wir noch einmal auf deinen Comic zu sprechen kommen, der ja voll von Träumen, aber auch von Alpträumen, ist. In der deutschen Ausgabe von Bardín der Superrealist haben sie dich sogar den neuen Winsor McCay genannt.

Max: Wer hat das gesagt?

CG: Hier steht es, im Vorwort der Reprodukt-Ausgabe.

Max: Oh Mann, dass wusste ich ja gar nicht!

Peter Pank, 1985 CG: Ich werde es dir übersetzen: “[…] hat der spanische Comiczeichner Max eine moderne Version von Winsor McCays legendärem Traumbuch The Rarebit Fiend veröffentlicht”. In McCays Comics wurden diese Träume, die wilden Alpträume, meist durch den Verzehr von warmem Käsetoast hervorgerufen. Gab es bei dir einen ähnlichen Katalysator für deine Träume?

Max: Nein, nein, nein … all diese Träume sind ja nicht meine, die sind nur ausgedacht. Aber die Atmosphäre, die Träume bieten, erlaubt es mir, die Realität aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Diese Technik habe ich schon immer benutzt, auch in der Zeit von Peter Pank. Peter Pank handelt eigentlich von den jungen städtischen Banden zu dieser Zeit in Spanien. Aber die Geschichten spielten nicht in einem städtischen Umfeld, sondern fanden im Dschungel statt. Das mag irgendwie komisch wirken, aber ich wollte die Dinge immer aus der absoluten Realität herausnehmen und sie in ein ganz anderes Setting setzen, damit man einen neuen Blickwinkel dafür bekommt. Aus diesem Grund benutzte ich auch die Träume. So kann dieses verrückte Zeug dennoch als Kritik am echten Leben verstanden werden.

CG: Wie sieht es dann mit anderen Themen in Bardín aus, die du ganz explizit beim Namen nennst, wie zum Beispiel die Religion? Ist das jetzt dein neues Thema, oder hast du dich bereits länger damit beschäftigt?

Max: Das kommt ohne Umwege aus meiner Kindheit. Ich habe eine verfickt katholische Ausbildung während Francos Regime genießen dürfen. Man kann sich das heute wahrscheinlich nicht mehr vorstellen. Aber es war ziemlich fies! Das hier ist meine Rache, mein Weg damit klar zu kommen.

Die tollen Hefte 27: Ein Hund ... CG: Wir haben bisher viel über Spanien gesprochen; siehst du dich eigentlich selbst als spanischen Künstler oder würdest du die Bezeichnung katalanischer Künstler bevorzugen? Du wurdest ja auch noch zur Ausstellung Masters of European comic artists eingeladen. Macht dich das dann nicht automatisch zum europäischen Künstler?

Max: Um dir die Wahrheit zu sagen, fühle ich mich nirgendwo zugehörig, außer vielleicht zu Barcelona, der Stadt, in der ich zur Welt kam und Mallorca, dem Ort, an dem ich seit 24 Jahre lebe. Ich fühle mich mehr mit Orten verbunden anstatt mit einem besonderen Gefühl, das man in Deutschland wohl "Heimat" nennen würde. Dennoch ist meine kulturelle Heimat auf eine Art schon Katalonien und ich drücke mich selbst auf Katalan aus. Aus diesem Grund gehöre ich wohl mehr zur katalanischen Kultur als zu jeder anderen. Aber das schreibe ich mir nicht auf irgendeine Fahne.

CG: Du wurdest dieses Jahr als Dozent zum deutsch-französischen Zeichner-Seminar nach Erlangen eingeladen. Sprichst du überhaupt Französisch?

El prolongado sueño del Sr. T Max: Ja ich spreche zwar schon Französisch, aber vielleicht sollten sie demnächst den Namen des Seminars ändern. Es hat auf jeden Fall riesigen Spaß gemacht, mit diesen aufstrebenden Künstlern zusammenzuarbeiten.

CG: Was würdest du selbst als deinen größten Erfolg bezeichnen?

Max: Eine meiner Zeichnungen hat es einmal auf das Cover des New Yorker geschafft. Eigentlich waren es zwei Cover, aber diese Jobs sind wirklich sehr schwer zu kriegen. Ich glaube, das Magazin existiert seit 1921 oder so was, und seitdem waren nur die besten Illustratoren auf dem Cover dieses wöchentlichen Magazins. Erst seit kurzem sind Comic-Künstler dort regelmäßiger vertreten. Für mich war es wie die Besteigung des Olymps der Illustration!

CG: Úna ultima pregunta, por favor: Könntest du uns verraten, was du zur Zeit so liest? Welche Comics würdest du unseren Lesern empfehlen?

Totentanz Jukebox Max: Ich lese immer noch die Comics der Leute am liebsten, die ich auch früher schon gerne mochte; diese ganze Generation der amerikanischen Independent-Künstler: Robert Crumb, Art Spiegelman, Charles Burns und Chester Brown. In Europa mag ich die Arbeit von David B, er ist mein persönlicher Favorit, und Christophe Blain. In Deutschland habe ich gleich eine ganze Liste von Favoriten: Angefangen bei Hendrik Dorgathen, der ein sehr guter Freund von mir ist, bis hin zu Anke Feuchtenberger. Wenn man es mal genau betrachtet, haben wir die alle in Nosotros somos los muertos veröffentlicht. Markus Hubers Werk (auch Lehrer am diesjährigen Comicseminar in Erlangen) ist sehr interessant und Thomas Otts Stil ist einfach wundervoll. Ich halte die deutsche Independent-Comicszene gerade für stärker als die französische. Ich habe auf jeden Fall mehr Favoriten hier als in Frankreich.

CG: Das hört sich ja wirklich sehr positiv an, denn obwohl wir mit Wilhelm Busch zwar einen der Comicpioniere haben, sah es in den vergangen Jahre nicht so gut um die deutsche Comiclandschaft bestellt aus, verglichen mit Nationen wie Frankreich. Schön zu hören, dass du deutsche Comics wieder auf der Landkarte hast. Blicken wir noch einen Augenblick in die Zukunft. An was für Projekten arbeitest Du gerade?

Max: Ich arbeite gerade an einem neuen Bardín-Buch, aber das wird wahrscheinlich noch ein ganzes Jahr auf sich warten lassen. Ich habe bereits das gesamte Skript im Kopf, jetzt muss ich nur noch mit dem Zeichnen anfangen.

Daniel und Max beim Interview in Erlangen CG: Hoffentlich werden wir das dann auch bald in Deutschland zu sehen bekommen.

Max. Ich denke schon, dass die Jungs von Reprodukt daran interessiert sein werden, das zu veröffentlichen.

CG: Dann bleibt mir nichts mehr übrig, als mich bei dir für das Gespräch zu bedanken, Max.

Max: Danke dir.



maxbardin.com : Die offizielle Website von Max
Max
in der Wikipedia
Max bei Reprodukt

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© für alle Abbildungen: Max
Fotos: © Thomas Kögel





 
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