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von Andreas Fisch Samstag, 22. November 2008
Wo viele Filme trotz historischer Kostüme oft den Werthaltungen nach im Heute spielen müssten (um ein heutiges Publikum anzusprechen), da ist Che frei vom gegenwärtigen Zeitgeist, aber selbstredend durchtränkt vom Denken und Fühlen seines sozialen Umfelds - ein Beleg des Konflikts zwischen Arm und Reich während des Kalten Krieges: Die US-Regierung stuft sozialdemokratische und sozialistische Regierungen in Latein- und Mittelamerika als Sicherheitsrisiko ein, die CIA - heute offen dokumentiert - fördert rechte Putschisten in nahezu allen Ländern Lateinamerikas: Guatemala, Chile, El Salvador, Argentinien usw. (vgl. zum Beispiel Chile http://de.youtube.com/watch?v=iMFmKg0k8cY). In Guatemala wurde der demokratisch gewählte Präsident Arbenz Guzmán mit Hilfe der CIA geputscht, weil er die United Fruit Company (heute: Chiquita Brands International Inc.) enteignen wollte. In Chile „verschwanden" nach dem Putsch Augusto Pinochets gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende in den 70er-Jahren über 3000 Oppositionelle, Gewerkschaftler und Sozialisten. In El Salvador wurden Favelas (Slums) bombardiert, die Arbeit der Kirche gegen Gewalt und gegen Armut führte zu dem rechten Slogan „Sei ein Patriot, töte einen Priester!" Die Geschichte Ches in den 50er- und 60er-Jahren reiht sich ein in diese Konflikte mit immer gleichem Muster, das in Kuba als einziger Ausnahme einen anderen Verlauf genommen hat.
In der Lebensgeschichte Guevaras ist seine Sorge um die verarmte Bevölkerung und ihr karges Leben im Elend ergreifend herausgearbeitet - Symbol für die allgegenwärtige Armut ist in der verdichteten Sprache Oesterhelds „die Laus, die dürren Arme, der geschwollene Bauch". Die Armut der Mehrheit der Bevölkerung und die ungerechten Verhältnisse der Landverteilung angesichts großen Reichtums sind die Ursachen für die Konflikte, die diese Gewalt heraufspülen. Der Kalte Krieg und die sich daraus ergebenden Koalitionen haben zusätzliches Öl in dieses Feuer geschüttet. Und nicht zu vergessen: Die USA feierten die Revolution Fidel Castros unmittelbar nach dessen Machtübernahme. Das bis heute andauernde Embargo begann erst mit der Agrarreform und der Verstaatlichung von Vermögenswerten, also der Enteignung von US-Firmen und US-Bürgern.
Diese Durchsicht hinterlässt bei mir widerstrebende Gefühle: Einerseits bin ich froh, dass die Kampf- und Tötungsszenen nicht glorifiziert und ästhetisiert werden (wie in nahezu allen Comics und Filmen der Genres "Krieg" und "Action"). Andererseits ist diese durchgängige Grundhaltung des bewaffneten Kampfes und der freiwillig zu bringenden "Menschenopfer" als vermeintlich unumgängliche Mittel auch dann widerwärtig, wenn es als Propaganda auf den Leser sanft einplätschert. Die bewusste Parteilichkeit der Autoren für Guevara und seine Sache ist im Kontext ihrer Zeit verständlich - die konfliktreiche Zeit war einfach nicht geeignet, um eine sachliche und unparteiische Biografie zu verfassen. Wer sich für die andere Sicht der Dinge interessiert, kann sich einfach den US-Spielfilm Thirteen Days ansehen, der die sog. "Kubakrise" aus US-amerikanischer Sicht darstellt.
Dennoch: Etwas mehr Reflexion, ob tatsächlich alle friedlichen Mittel ausgeschöpft sind, oder Transparenz hinsichtlich dieser damaligen Einschätzung hätte - aus heutiger Sicht! - an diese Stelle gehört. Für eine sachliche und beide Seiten kritisch durchleuchtende Darstellung kommt man um ein klassisches Buch wohl nicht herum ...
[Anmerkung: Aktualität und Gegenwartsbezug erhält Che durch die Einblicke in das Bolivien der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. In seiner poetischen Sprache beschreibt Oesterheld in aller Prägnanz die Situation des damaligen Boliviens: "La Paz, Bolivien, das Amerika, vor dem Buenos Aires den Blick verschließt, das die Erde unfruchtbar macht, das die Minen in die Berge treibt, der Profit gehört anderen, die Staublunge uns, alt mit 30 Jahren, nicht mal eine Frau, nur Koka und Schnaps." Indigene waren in Bolivien die Ausgebeuteten der reichen Oberschicht. Damals verweigerten sich die indigenen Bolivianer dem gewaltsamen Umsturz, den Guevara herbeiführen wollte. Über 40 Jahre später steht mit Evo Morales erstmalig dem Staat ein Indigener als Präsident vor und versucht mit demokratischen Mitteln eine gerechtere Verteilung des Reichtums des Landes zu erwirken, die der armen Bevölkerungsmehrheit zu Gute kommen soll und damit Entwicklungshilfe überflüssig machen könnte. Doch der Widerstand der wohlhabenden, weißen Oberschicht geht bis zu Schlägertrupps und Abspaltungsdrohungen. Derzeit (September 2008) wird wieder verhandelt. Diese Entwicklungen lassen sich mit mehr Verständnis verfolgen, wenn man Che gelesen hat. Sollte der aktuelle Dialog friedlich und mit einer gerechteren Staatsordnung zu Gunsten der indigenen Mehrheitsbevölkerung enden, dann wäre auch die Polemik Oesterhelds widerlegt, die er Che im Gespräch mit Arbenz Guzmán in den Mund legt: "Reden, diskutieren, werden wir je etwas anderes tun als reden? In Guatemala passiert was, da kann man was tun, Arbenz, ernsthafte Revolution." Wenn die Gespräche in Bolivien ohne faires Ergebnis enden, muss ich Che noch einmal lesen.]
Che
Carlsen Comics, April 2008 (bzw. original 1968)
Text: Héctor Oesterheld
Zeichnungen: Alberto Breccia / Enrique Breccia
95 Seiten, s/w, Hardcover; 16,90 Euro
ISBN: 978-3551776549

Abbildungen Che © dt. Ausgabe 2008 Carlsen Comics
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