Partner von Fantastic Zero
Aktuelle Rezensionen


Marvel Noir - Wolverine


Gift


Heiligtum 1 - USS Nebraska


Faust - Der Tragödie erster Teil


Die Bielefeld Verschwörung


R.I.P. Best Of 1985-2004


Ein Zoo im Winter


Bravesland 1 - Constant


Comix 1


Auf dunklen Wegen 1
Anzeige
Home arrow Rezensionen arrow ausführlich arrow Comic-Analyse  
Comic-Analyse Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Sonntag, 16. November 2008

Comic-Analyse CoverDie Geschichte der Comic-Wissenschaft ist eine Geschichte vieler Missverständnisse. Sicherlich verdient jede Bemühung, diese Missverständnisse aufzuklären, zunächst einmal unser Lob, ohne dabei auf Onomatopoesie im Titel („Pow! Peng! Die Welt der Comics") zurückzugreifen. Jabok F. Dittmar hat gerade einen solchen Versuch mit dem simplen Titel Comic-Analyse bei der UVK Verlagsgesellschaft veröffentlicht. Bereits auf dem Klappentext verspricht der Verlag "eine Systematisierung des Blicks auf den Comic", was ja im Prinzip eine gute Sache ist, doch leider vollzieht Dittmar diesen Blick nicht ganz so systematisch wie angekündigt.

Im Vorwort widmet sich der Autor erst einmal der wichtigsten Aufgabe: Er beschreibt, was er alles nicht mit seinem Buch bewerkstelligen möchte. Es soll also nicht um die Unterschiede zwischen Manga und europäischen Comics gehen. Auch wird "keine weitere Geschichte des Comics" geschrieben. Die schwer zu beantwortende Frage, ob Comics nun Kunst sind, wird ebenso ausgeklammert wie "der subjektive Umgang mit Quellen". Im Zentrum des Buches soll vielmehr "eine umfassende gemeinsame Grundlage für die Analyse von allen Arten von Comics" stehen. Wir dürfen uns also auf eine wissenschaftliche "Auseinandersetzung mit dieser Erzählform" freuen.

Leider wählt Dittmar für seine "Auseinandersetzung" einen recht ungewöhnlichen Einstieg; um die allgemein sehr unliebsame Frage der Definition von Comics zu umgehen, entscheidet sich der Autor dazu, auf zwanzig Seiten das Verhältnis von Comics zu anderen Medien zu beschreiben. Es werden verschiedene Trägermedien und Erscheinungsformen  (Zeitungsstrips, Comic-Hefte oder auch Graphic Novels) besprochen, zeitliche Abstände in der Rezeption von Comics hinterfragt und auf moderne Inkarnationen, wie den digitalen Comic, hingewiesen. Was Dittmar nachzeichnet ist aber nichts anderes als eine "weitere Geschichte des Comics", die sich zwar unter dem Deckmantel der Medienoberservation präsentiert, aber dennoch eben nur eine historische Einordnung eines medialen Gegenstandes ist. In epischer Breite wird beschrieben, wie der Rahmen eines panels (dieses Wort taucht komischerweise das erste Mal auf Seite 68 auf) den Bildschirm eines Fernsehers simuliert. Wie soll aber eine "Systematisierung des Blicks" beim Leser stattfinden, wenn der Autor mediale Diskurse führt, ohne zuvor die einzelnen Bestandteile eines Comics erläutert zu haben?

Obwohl der Titel des nächsten Kapitels eine Definition verspricht, wird zunächst mit Zitaten von Wissenschaftlern und Kritikern etwas über das Erzählen als solches gefachsimpelt. Interessant ist hier zu beobachten, welchen Stimmen Dittmar Gehör verschafft. Neben bekannten Namen von Comic-Künstlern wie Will Eisner und Scott McCloud kommen vor allem Filmwissenschaftler wie David Bordwell, Knut Hickethier und James Monaco zu Wort. Selbstverständlich treffen ihre allgemeinen Aussagen über das Erzählen den richtigen Ton, doch verwendet Dittmar die Aussagen selbiger Autoren auch als direkte Zitate in Bezug auf die genuine Form des Comics. Während er selbst auf die Unterschiede zwischen den einzelnen Medien hinweist, scheinen diese für ausgewählte Fachleute nicht zu gelten.

Neben den Diskursen über verschiedene Erzählformen vergisst der Autor beinahe, seinem Leser eine passable Definition zu bieten. Ganz unprominent lässt er wissen, was einen Comic ausmacht: "Comic ist eine Sequenz von Bildern oder Bildelementen, die einen Handlungsstrang oder Gedankenflug erzählen." Ohne genauer darauf einzugehen, werden Gegenpositionen negiert, werden über 30 Jahre alte Definitionen des Comics hervorgekramt und kritisiert und es wird über den Status von Sprechblasen lamentiert. Nach der Gegenüberstellung der einzelnen Positionen ist eine eigene Definition einfach unabdingbar.

Die beiden nachfolgenden Kapitel "Rahmen" und "Bild" erfüllen zum ersten Mal die Absicht des Autors und setzen sich interessant mit dem gut gewählten Bildmaterial auseinander. Form und Gestaltung von Rahmen und Bildern werden an Fallbeispielen durchdekliniert. Doch auch hier lässt sich Dittmar zu Aussagen hinreißen, die nicht ganz nachzuvollziehen sind:

„Text und Bild stehen in Ergänzung zueinander, beides sind Elemente der Erzählung, die gemeinsam die Narration tragen. Wo eine Konkurrenz zwischen beiden festzustellen ist, bedeutet das eine entsprechende kompositorische Schwäche des Comics."


Eine solch eingeschränkte Sichtweise bietet sich nicht zur strukturellen Analyse von Comics an, sondern verbaut die Möglichkeit, ein Medium mit sich ständig erneuernder Systematik zu verstehen und entsprechend zu erläutern.

Seine teils sehr komplexen Kommentare und teils widersprüchlichen Aussagen ergänzt der Autor durch das Fachwissen bekannter Medienkritiker. Leider wirken die Zitate von Jan Assmann oder auch Susan Sonntag aus dem Zusammenhang gerissen und Dittmar selbst kann diese durch kurze ergänzenden Bemerkung nicht ausreichend in seine Argumentation einbauen, beispielsweise Sonntags Zitat aus ihrem bekannten Werk On Photography: „Jedes Darstellen hat eine ästhetische Wirkung, völlig unabhängig von den dabei festgehaltenen Themen und Handlungen." Selbstverständlich lässt sich Sonntag kaum widersprechen, doch schafft es Dittmar nicht, dieses Zitat homogen mit seinen Argumenten zu verbinden. Der Leser wird mit dem Ausspruch alleingelassen.

Während auch Meinungen von Künstlern sicherlich wichtige Beiträge zur Debatte über den Comic darstellen könnten, nutzt Dittmar die Kommentare von zu vielen verschiedenen Künstlern, wobei deren Beiträge im Gehalt variieren. So meint z.B. Zeichner Dave Gibbons zu Comics, die von Text nur so überlagert sind: „Wichtig ist, dass die Geschichte stimmungsvoll transportiert wird." Ein Allgemeinplatz, der das Projekt der "Systematisierung des Blicks" nicht wirklich voranbringt, da Comic-Analyse ja kein „How to"-Buch sein soll.

Es ist vor allem die Unschärfe, die das ambitionierte Projekt nicht gut aussehen lässt. Über das "Lesen von Bildern" von links nach rechts wird zwar in aller Breite referiert, doch fehlt ein kurzer Satz, der dem Leser zu verstehen gibt, dass in Ländern wie Japan die Leserichtung eben von unten nach oben und von rechts nach links verläuft. Diese Tatsache wird als Allgemeingut angenommen und immer wieder als Verweis an späteren Stellen benutzt. Fachbegriffe wie lettering werden erst drei Seiten nach der eigentlichen Diskussion über verschiedene Wirkungen von Schrifttypen im Comic genannt. An anderer Stelle attestiert Dittmar zu Beginn eines Unterkapitels: "Texte in Blasen sind Denk- oder Sprechakte und damit nicht Teil der Bilder selbst", nur um seine Aussage zwei Seiten später wieder zu revidieren "[...] da die Texte beziehungsweise Textträger zu grafischen Elementen des Bildes geworden sind". Eben an diesen scheinbaren Allgemeinplätzen und Widersprüchen scheitert das Projekt der "Systematisierung des Blicks auf Comics".

Erst im Kapitel "Konstruktion der Narration" gelingt es Dittmar, seinen geschärften Blick in ein System umzuwandeln und dieses auch dem Leser entsprechend näher zu bringen. Während viel zu oft darüber gefeilscht wird, wie viel Text und wie viel Bild im Comic erlaubt sei, kommen die wichtigen Fragen zur Sequenz im Comic sehr oft zu kurz. Der Autor nimmt die richtige Distanz zum Anschauungsmaterial ein und erläutert anhand von verschiedensten Modellen die Möglichkeiten von Variation und Wiederholung für die einzigartige Erzählweise des Comics. Um den Überblick abzurunden, werden selbstverständlich auch Aspekte wie Farbe, Stil, Genre und die Darstellung der Zeit im Medium untersucht. Diese Untersuchungen werden kurz und knapp, aber dennoch zur Genüge durchgeführt.

Auch wenn jede wissenschaftliche Publikation zum Medium Comic auf dem deutschen Markt per se ein Grund zur Freude ist, muss dennoch der Blick auf die Art und Weise, wie mit den bunten Bildern umgegangen wird, geschärft werden. Während Jakob Dittmar in Comic-Analyse den Leser einlädt, Comics genauer unter die Lupe zu nehmen, gerät leider die Übermittlungsarbeit aus dem Fokus. So verfährt Dittmar wie mit einer Lupe, die er unentwegt schnell an sein Anschauungsmaterial heranführt, nur um sie sofort wieder wegzuziehen. Obwohl der Autor im Text auf sehr aktuelle Sekundärquellen verweist - die aktuellste von 2006 -, würde man sich als Leser bei dem Projekt die Konkretheit eines Thierry Groensteen wünschen, der bereits vor einigen Jahren mit The System of Comics das Medium systematisch betrachtete.

 

Comic-Analyse
UVK Verlagsgesellschaft mbH, 2008
Text: Jakob F. Dittmar
210 Seiten, schwarz-weiß, Softcover; 29,- Euro
ISBN: 978-3-86764-123-4
Inhaltsverzeichnis (PDF)
Leseprobe (PDF)

Comic-Wissenschaft aus dem Fokus geraten












Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen  

Bilder © UVK-Verlagsgesellschaft mbH


Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

security image
Bitte den obenstehenden Code eingeben:


busy
Ähnliche Artikel:
Reading Comics (US)
 Der amerikanische Journalist Douglas Wolk dürfte den meisten deutschsprachigen Comic-Liebhabern kaum ein Begriff sein. Auch in Nordamerika ist Wolk dem Mainstream-Comicleser wohl eher ein Unbekannter, da seine Rezensionen nicht auf den szene-üblichen Webseiten veröffentlicht werden, sondern vielmehr in Publikationen wie der New York Times, dem Rolling Stones Magazin oder auf Salon.com erscheinen. Dort schreibt Wolk regelmäßig Beiträge zu den Themen Comics - und Jazz. Seine Rezensionen zeugen von einer genauen Kenntnis des Stoffes und belegen, dass Douglas Wolk kein eingestaubter Feuilletonist ist, der notgedrungen das Medium Comics rezensiert, weil dieses immer mehr zum „ernst zu nehmenden" Kulturgut wird. Wolk arbeitete bereits als Jugendlicher in den 80er Jahren hinter der Kasse eines Comicladens und ist ein großer Fan, wodurch er immer wieder voller Begeisterung von Comics zu berichten weiß.
Batman – Konstruktion eines Helden
 Während die Produktion von wissenschaftlichen Büchern über Comics in Amerika floriert, existiert auf dem deutschen Markt nur sehr wenig Literatur über die neunte Kunst. Verleger Christian A. Bachmann möchte das mit seinem gleichnamigen Verlag ändern und hat sich dazu mit Batman und dem Wissenschaftler Lars Banhold für ein recht dynamisches Duo entschieden, das pünktlich zum zweiten Batman-Film von Christopher Nolan bereits in die zweite Auflage geht. Der Band ist kein bloßer historischer Abriss über den Comic-Superhelden Batman, sondern vielmehr eine interessant zu lesende, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Konstruktion eines Helden.
Scott McCloud: Making Comics (US)
teaser_makingcomicsScott McCloud hat mit seinen Büchern "Comics richtig lesen" und "Comics neu erfinden" zwei moderne Klassiker über das Verständnis und die Grundprinzipien von Comics geschrieben. Seit kurzem ist sein neues Werk, "Making Comics - Storytelling Secrets of Comics, Manga and Graphic Novels", erhältlich, in dem er Künstlern Tipps für eine gute Darstellung ihrer Geschichten gibt. So behandelt er u.a. die richtige Auswahl von Szenen für die einzelnen Panels, die Beinflussung der Leserichtung und gute Körpersprache, aber auch, wie man überzeugende Protagonisten und gute Dialoge schreibt.
Politix: Asterix und Politik
 "Ganz Gallien ist besetzt. Ganz Gallien? Nein. Ein kleines gallisches Dorf ..."
An diesem ersten Satz und den sich daraus entwickelnden Geschichten erfreuten und erfreuen sich noch immer Millionen von Lesern rund um die Welt. Sie folgen den Geschichten von Asterix und Obelix, reisen mit ihren Helden in fremde Länder und lösen die Probleme des kleinen gallischen Dorfes. Meist sind diese Probleme mit ein bisschen Zaubertrank und etwas Geschick zu lösen. Doch was würde passieren, wenn Miraculix, der Druide, nicht mehr in der Lage wäre, den Zaubertrank herzustellen? Würde das Dorf von Asterix, wie wir es kennen, zusammenbrechen? Diese und andere Fragen bezüglich der politischen Lage in Goscinnys und Uderzos gallischem Paralleluniversum stellt sich der finnische Autor und Politologe Keijo Karjalainen in seinem Buch Politix: Asterix und Politik.
Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit
"Seminarkabarett-Comic" steht auf dem Umschlag. Drei Begriffe, die auf den ersten Blick unvereinbar scheinen. Dass "Seminar" und "Kabarett" zusammengehen können, beweist der Steyrer Bernhard Ludwig seit 1992 auf diversen Bühnen. Der gelernte Psychologe machte aus einem sexualtherapeutischen Seminar ein erfolgreiches Kabarettprogramm, das inzwischen auch als Kinofilm gezeigt wird. Kann der Transfer ins Medium Comic ebenso gut gelingen?
 
Anzeige