Um es gleich vorweg zu sagen: Eine erstklassige Graphic Novel! Emmanuel Lepage hat nicht nur ein außergewöhnliches Thema aufgegriffen, sondern auch eine fantastische Erzählweise gefunden. Muchacho erzählt die Geschichte des jungen angehenden Priesters Gabriel im revolutionären Nicaragua von 1976, kurz vor dem Umsturz der Diktatur des Familienclans der Somozas und dem Sieg der Sandinisten 1979. Gabriel de la Serna stammt selber aus einer der Familien, die dem Somoza-Regime nahe stehen. In ein Dorf geschickt, um in der dortigen Kirche ein Wandbild zu malen, wird er mit dem prallen Leben der einfachen Menschen konfrontiert: verführerische Frauen, Träume und Hoffnungen der Dorfbewohner, Repression durch die Guardia Somozas und die heimliche Organisation des gewaltsamen Widerstands.
Bis das Dorf von der Guardia niedergebrannt wird, ist schon vieles passiert. Als Gabriel in den Dschungel flüchten muss und sich einer Gruppe von Guerilleros anschließt, trägt er schon seine eigene Vergangenheit in die verschworene Truppe hinein. Viel mehr möchte ich der Erzählung nicht vorweg greifen. Sie ist nur ein einziges Mal abgeschmackt (das billige Stilmittel, den kleinen Hund eines Kindes von einem Soldaten tot treten zu lassen, banalisiert die systematischen Gräueltaten des Regimes). Ansonsten entwickelt Lepage kaum vorhersehbare Wendungen und überrascht mit einzigartigen Momenten. Lesen und Betrachten werden zum Genuss, die Story zieht unversehens in den Bann.
Eine Vielzahl an Lebensthemen finden in Muchacho ihren wohlklingenden Resonanzkörper: Liebe und Entbehrung, Versagen und Schuld, Heldentum und Widerstand, Sexualität und gesellschaftliche Vorbehalte, Privilegien und der Kampf um eine bessere Gesellschaft, Kunst und Lebenswirklichkeit, Männerfreundschaften und das Erwachsenwerden. Lepage verbindet und verdichtet diese Elemente zu einer packenden Erzählung, die kenntnisreich in die Geschichte Nicaraguas eingebettet ist. Man merkt, dass dem Zeichner Lepage Nicaragua und seine Menschen bestens vertraut sind. Auf raffinierte Weise bindet er unterschiedliche Sichtweisen auf die Bewertung der Revolution ein, nie durch wortlastige Dialoge (etwa durch die Einwürfe des gefangenen Soldaten), manchmal nur durch die Wendung der Story oder durch markante Persönlichkeiten und ihrem Schicksal (etwa "Comandante" Buenaventura). Und so reihen sich faszinierende Höhepunkte aneinander, getragen von herrlich verdichteten Szenerien wie die Widerstandsszene gegen die Guardia Somozas in der Kirche im Dschungeldorf San Juan und viele weitere.
Koloriert ist "Muchacho" in gedeckten Farben, die abwechslungsreich getragene Momente nachdenklich einfangen und aufreibende Handlungsstränge packend vorantreiben. Eine tiefere Ebene des Persönlichen und des Religiösen öffnet sich dem aufmerksamen Leser durch raffinierte Akzente beim Zeichnen bestimmter Elemente, aber es soll an dieser Stelle nicht gespoilert werden.
Meine persönlichen - wirklich kleinen - Wermutstropfen sind zwei: Zum einen erfährt der Leser vom Künstler Lepage kaum mehr als den Nachnamen. Zum anderen spielt im ersten Teil des Comics ein Wandbild in der Kirche eine bedeutende Rolle. Das Bild zieht seine magische und provokative Kraft aus Gabriels Eintauchen in die Lebenswelt der kleinen Leute und teils aus bedrohlichen Konfrontationen. Bedauerlicherweise wird das Bild nur in Fragmenten gezeigt. Als gespannter Leser hätte ich mir sehr gewünscht, es über eine ganze Seite und vollständig dargestellt zu finden.
Muchacho empfehle ich daher allen, die in schwierigen Umständen lieben, allen, die um Gerechtigkeit ringen, aber nicht immer Helden sind, jedem, der nach Nicaragua reisen möchte und allen, die sich an eindrucksvollen Bildern berauschen können und eine wirkliche gute Erzählung nicht versäumen möchten.
Muchacho
Carlsen Comics, Juni 2008
Text und Zeichnungen: Emmanuel Lepage
168 Seiten, farbig, Hardcover; 24,90 Euro
ISBN: 978-3551776556

Bilder © dt. Ausgabe 2008 Carlsen Comics

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