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von Benjamin Vogt Mittwoch, 12. November 2008

 Matthias Gnehms neuester Comicband ist ganz und gar nicht einfach zu goutieren, und noch schwerer ist es dann, das darin Enthaltene angemessen zu beschreiben. Denn der Züricher Autor und Zeichner hat sich mit Das Selbstexperiment ein immens vielschichtiges Verwirrspiel erdacht, mit dem er die Konzentration des Lesers aufs höchste fordert.

Den Hauptplot, wenn man so will, denn so ganz präzise lässt sich das nicht benennen, bildet die Geschichte von Frank Karrer, einem Wissenschaftler, der mittels Gehirnscans und Übertragungen neuronaler Muster einen Wirkstoff gegen Eifersucht synthetisierte. Seine Forschung wird durch das Auftreten von Claudia Fischer jäh unterbrochen und sein Leben ändert sich radikal, denn Claudia berichtet ihm von ihrem Comic „Geist“, den sie zusammen mit Zeichnerlegende Peter Röller entwickelte und der tatsächlich in der Lage sein soll, Bewusstsein zu erklären. Irgendwo zwischen den sensationellen Entdeckungen, die dieser Comic beinhalten soll, den Gehirnscans und den ineinanderlaufenden Bewusstseinszuständen aller Beteiligten verläuft sich Frank Karrers Existenz, und alles zusammen führt letztlich zu seinem Verschwinden. Einzig der kauzige Kommissar Hans Drechsler glaubt den Hergang dieses hochkomplexen Puzzles nachvollziehen zu können und versucht Karrers Weg zu rekonstruieren …

 Auf über 300 Seiten führt Das Selbstexperiment immer tiefer in eine unglaubliche Erzählung hinein. Hier entpuppt sich Matthias Gnehm als äußerst geschickter Autor, der wirklich nichts dem Zufall überlässt und auf akribischste Weise an sein Werk heran ging. Psychologische, biologische und technische, fachsprachliche Ausführungen sind für ihn die Ausgangslage des zugrunde liegenden Themas, und noch weitaus cleverer ist die rasante Wandlung zum wirklich spannenden Kriminalfall, dessen Auflösung durch praktiziertes Kombinieren und schlüssige Rückblenden aus diversen Perspektiven für den Leser aufbereitet wird. Was sich in der kurzen Inhaltsbeschreibung bereits kompliziert anhören mag, ist in Wahrheit noch weitaus schwieriger zu verstehen. Schließlich ist Gnehms Comic dermaßen verschachtelt und teilweise verstörend, dass wohl nur er selbst das Gesamtbild zu erkennen vermag.

Das liegt auch daran, dass man oftmals zwischen zwei Dingen nicht mehr sauber trennen kann, beispielsweise zwischen der Bewusstseinsebene und dem Comic, den man gerade liest. Klingt vielleicht seltsam, ist aber tatsächlich so. So lässt sich z.B. unter dem Schutzumschlag ein grünliche  Hardcoverband mit dem Namen „Geist“ von Peter Röller aus dem Josh Veits Verlag erblicken, der von außen also die perfekte Täuschung erzeugt. Sogar die Biografie des fiktiven Künstlers Peter Röller, sowie ein erfundenes Presseecho findet sich auf der Rückseite. Nur mit Schutzumschlag sieht man demnach äußerlich, dass man Gnehms Selbstexperiment in den Händen halt. Zudem kann man Passagen aus Röllers „Geist“ tatsächlich innerhalb des Buches finden, somit sind diese Comic-im-Comic-Stellen ein zusätzlich verkomplizierendes Element.

Letztendlich ist Matthias Gnehm ein grandioses Werk gelungen, ein s/w-Psychokrimi, der zuweilen geneigt ist sich dem Verständnis des Lesers zu entziehen, ihn mit seiner umwerfenden und tiefgehenden Erzählweise aber trotzdem am Ball bleiben lässt. So kommt es wie es kommen muss, und Das Selbstexperiment bekommt von mir als vielschichtiges Meisterwerk die nur sehr selten zugeteilte Comicgate-Höchstwertung. Definitiv handelt es sich dabei um einen der besten Comics der letzten Jahre.

 

Das Selbstexperiment
Edition Moderne, April 2008
Text und Zeichnungen: Matthias Gnehm
336 Seiten, s/w, Hardcover mit Schutzumschlag; 25.-
Euro
ISBN 978-3-03731-028-1
 

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Bildquelle: editionmoderne.ch

 



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