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von Daniel Wüllner Sonntag, 02. November 2008

 In Deutschland darf man sich auf einen neuen Ausschnitt aus Jacques Tardis wundersamen Erzählkosmos freuen, denn mit "Das teuflische Labyrinth" erschien gerade der vorletzte Teil von Adeles ungewöhnlichen Abenteuern bei Edition Moderne. Wie bereits bei den vorangegangen Bänden ("Ende der Hoffnung" oder auch "Alles Monster") wurde der Titel des zehnten Albums wieder einmal sehr treffend gewählt, da sich die Geschichte selbst wie ein Irrgarten liest.

In der griechischen Antike lässt sich die ganze Geschichte recht einfach zusammenfassen; Im Labyrinth von Knossós treffen zwei ungleiche Figuren aufeinander: Der griechische Held Theseus und das Fabelwesen Minotaurus, halb Mensch, halb Stier. Mithilfe des orientierungsstiftendem Ariadnefadens, aus Liebe zum Helden von gleichnamiger kretischer Prinzessin gespendet, findet eben jener den Weg durch das Labyrinth und verlässt selbiges nach siegreichem Kampf mit dem Kopf des Minotaurus in der Hand.

Im Mikrokosmos des französischen Comic-Autors Jacques Tardi sieht "Das teuflische Labyrinth" allerdings ungleich komplizierter aus. Zunächst sei erklärt, dass die Protagonistin Adele Sec-Blanc vor mehr als 30 Jahren dieses Labyrinth, das sich in Paris befindet, zum ersten Mal betreten hat. Seither ist eine treue Leserschaft auf der Suche nach ihren Ariadnefäden. Obwohl die Orientierung auch im wirklichen Paris mit seinen kleinen Cafés und Kopfsteinpflasterstraßen nicht einfach ist, ist bei Tardi die Geschichte selbst der Irrgarten, den es zu meistern gilt. Im Gegensatz zu Theseus hat es der Prototyp der positiven Comicheldin, Adele, ungleich schwerer, da sie nicht einem Gegner gegenübersteht, sondern gleich einer Vielzahl von Widersachern trotzen muss.

Oftmals sind es aber gar nicht die Monster, angefangen vom Perotacylus bis hin zur Mumie, die der Heldin als Antagonisten gegenübergestellt werden. Es sind vielmehr menschliche Gegner. Auch wenn bereits einige dieser Gegenspieler in früheren Bänden das Zeitliche gesegnet haben, trifft Adele im zehnten Band immer noch auf ein halbes Dutzend dieser Zeitgenossen, die sie aus den verschiedensten Gründen umbringen wollen: Vom verrückten Fäulein Chevillard über die Entstellten Notar Moulinot und Professor Dieuleveult hin zum lispelnden Zahnarzt Dandelet und seinem fetten Komplizen Fluet. Während bei früheren Adele-Bänden  noch eine Handlung im Vordergrund stand, verlässt sich Tardi im vorletzten Band ganz auf seine Truppe, die er mühsam rekrutiert hat.

 Die Monster hingegen dienen wie auch in Das teuflische Labyrinth vielmehr als Motivation für die Heldin, sich der jeweiligen Angelegenheit anzunehmen. Da sie eigentlich Autorin für fantastische Geschichten ist, bietet sich die Recherche an, um an neues Material zu gelangen. Mit jedem weiteren Comic von Tardi scheint ihre Lust an der Gespensterjagd aber zu sinken. So interessiert es sie nicht sonderlich, dass der obligatorische Minotaurus im vorliegenden Band des Nachts durch Paris läuft und im Gegensatz zur griechischen Mythologie abgetrennte Hände statt abgetrennter Köpfe gefunden werden.

Neben den vielen Namen der Akteure und den verschiedensten Monstern sind es vor allem die Anspielungen auf vorangegangene Comicalben, die Tardis Geschichte wie ein Labyrinth wirken lassen. Fast auf jeder neuen Seite findet sich mindestens eine Fußnote am unteren Seitenrand, die den Leser verwirren, ihn von seinem eigentlichen Ziel abbringen sollen, den Ausgang des Labyrinths zu finden. Stattdessen versucht man bei der Lektüre unentwegt die losen Handlungsstränge wieder in die richtige Reihenfolge zu bringen und in den richtigen Zusammenhang zu setzen. Das von Tardi konstruierte Labyrinth lässt dies aber nicht zu, da es in den entscheidenden Momenten immer wieder neue Öffnungen oder auch neue Sackgassen für den Leser bereithält.

Was den Comic wie auch seine Vorgänger zu so einer spannenden Lektüre macht, ist Tardis ungewöhnliche Fähigkeit, sein kleines Labyrinth hübsch zu dekorieren. Damit sind nicht nur die Zeichnungen als solche gemeint, mit denen Tardi geschickt das Leben in der französischen Metropole darstellt, sondern eben seine kleinen Anspielungen: So soll beispielsweise einem Säufer im Bistro eine Auszeichnung verliehen werden, da er nach Meinung der Figuren mit seinem Verhalten perfekt das französische savoir vivre einfängt. Es sind diese kleinen Spitzen, mit denen Tardi seinen Irrgarten ausstaffiert.

Tardis Zeichenstil ist dabei stets unverwechselbar.  So sind es gerade sowohl die Sprechblasen, deren Form das seuselige Französisch einfängt, als auch die Darstellung der Figuren selbst, deren simple Rundungen und Falten jederzeit in Mutationen ausbrechen können. Während die Figuren versuchen den Raum der Panels ganz in Beschlag zu nehmen, drängt sich der Hintergrund, das nächtliche Paris mit seinen Schornsteinen und Fassaden, immer mehr in den Mittelpunkt der Geschichte. So erzeugt Tardi nicht nur das Gefühl, wirklich über den Pont-Neuf zu spazieren, sondern führt seine Leser auch in jedes kleine Straßencafé und über die Dächer der Stadt.

Wenn man sich bereits sehr tief in Tardis Universum eingelesen hat, wundert man sich plötzlich, warum niemandem in der Geschichte mehr auffällt, dass Frau Blanc-Sec noch immer ihren hässlich-grünen Damenhut trägt. Doch wenn man eine solche Denke bei sich selbst entdeckt, weiß man, dass man bereits zu weit in das Labyrinth vorgedrungen ist. Man nimmt das Verhalten der Akteure auf einmal für bare Münze und ist verloren im Paris zwischen den Weltkriegen.

Treten Sie also ein in das Labyrinth des Herrn Tardi, aber beschweren Sie sich nachher nicht, wenn Sie nicht mehr herauskommen oder -wollen. Und verlieren Sie ihren Ariadnefaden nicht.

 

Adeles ungewöhnliche Abenteuer 10: Das teuflische Labyrinth
Edition Moderne, August 2008
Text und Zeichnungen: Jacques Tardi
Hardcover; 22x31; 48 Seiten
; farbig; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-03731-038-0
Leseprobe


"Papa, können wir nicht für immer in diesem Labyrinth bleiben?"


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Bildquelle: editionmoderne.ch

 



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