Wer Martin Luther King begegnen möchte, muss zu einer
Zeitreise antreten. Nur wer in das historische Ringen um Veränderungen in die
Süd- und Nordstaaten der USA eintaucht, kann ermessen, welche Rolle MLK darin
gefunden hat. Die Graphic Novel Martin Luther King von Ho Che Anderson
ermöglicht seinen Lesern diese Zeitreise in die 60er-Jahre - als Afroamerikaner
noch festgenommen wurden, wenn sie es wagten, sich im Bus vorne hinzusetzen,
als sie im Süden systematisch aus Wählerlisten gestrichen wurden; eine Zeit als "Negros" noch verprügelt wurden, wenn sie zur Wahl gingen, und als
Bürgerrechtler durch das Land reisten, damit sich dunkelhäutige US-Bürger in
die Wählerlisten eintrügen, und damit ihr Leben riskierten und nicht selten
verloren: Rassentrennung, Rassengesetze und tiefwurzelnder Rassismus, mal als
Fürsorge getarnt, mal brutal und gewalttätig durchgesetzt, durch offizielle
Gesetze oder stillschweigende Übereinkommen gedeckt. Auf der anderen Seite: Bürgerrechtsbewegungen
in großer Zahl, Schwarze und Weiße im Kampf um Menschenrechte vereint, das
Ringen um soziale Gerechtigkeit, um effektiven Widerstand und immer wieder um
die große Frage, ob jetzt Gewalt gerechtfertigt sei als letztes Mittel, als Frucht
enttäuschter Geduld. Und mitten in diesem Strudel gesellschaftlicher
Ereignisse: der schwarze Reverend als Bürgerrechtler und Prediger mit einer
religiösen und politischen Botschaft.
Eine große Stärke der Graphic Novel von Anderson liegt
darin, dass sie den Leser in diese Zeitreise hineinträgt und Martin Luther King
in seiner historischen zeit zeigt. Die Brutalität militanter, rassistischer
Gruppen wird durch wenige Andeutungen in ihrer Dramatik vermittelt, die
Ermordung von MLK und Präsident John F. Kennedy in künstlerisch ausgereiftem
Wechsel der Erzählform dargeboten. Zahlreiche "Einspielungen" der Gegner Kings
profilieren den "Unruhestifter" Martin Luther King in seinem Kampf, soziale
Gerechtigkeit und Bürgerrechte gewaltfrei, aber wirkungsvoll durch intelligente
Proteste Schritt um Schritt durchzusetzen. Dafür arbeitet Anderson virtuos eine
ganze Reihe von Darstellungsformen ein: die stilgenaue Einbindung von
verfremdeten Fotos, die den Leser immer wieder daran erinnern, dass die
Personen und Ereignisse real sind; die raffinierte Art, Musik und Soundeffekte
grafisch "hörbar" zu machen; wortlastige Zeugenaussagen mit identischen
Portraits in Schwarz-weiß, um den Blick auf Reverend King durch die Augen
seiner Feinde und Kritiker einzubinden; bunte großflächige Gemälde, um die
emotionalsten Momente mit stummem Schrecken zu erfassen.
Der abrupte Schluss, der wohl dem Charakter der Biografie
geschuldet sein mag, hinterließ bei mir ein unbefriedigendes Gefühl, nachdem
die ganze Erzählung immer mehr transportierte als nur die Lebensgeschichte
eines herausragenden Mannes seiner Zeit. Die packende Lektüre macht den Leser
wissbegierig und da wäre ein Glossar mit Zeittafel ein willkommener Service am
Ende des Buches gewesen. Leider fehlt beides. Ein Wermutstropfen in einem
wunderbaren Leseereignis!
Ho Che Anderson beendete seine Arbeit an diesem Comic 2002, nach insgesamt zehn Jahren an den im Original drei Bänden. Er kannte keinen
schwarzen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. In Martin Luther King
verdammt Bull Connor noch die damals geforderte Integration von Weißen und
Schwarzen und prophezeit: "Scheiße, demnächst wollen sie noch einen
Nigger-Bürgermeister." Diese "düstere" Prophezeiung ist durch Barack Obama
übererfüllt und steht für weite Teile des Landes für die Hoffnung auf "Change".
Wer sich die 60er-Jahre als Teil der Geschichte der USA mit Hilfe von Ho Che
Andersons Graphic Novel vor Augen führt, der versteht erst, welche Sensation
die Nominierung des farbigen Senators aus Illinois im 40. Jahr nach der
Ermordung von Martin Luther King darstellt und welcher Wandel sich seither
vollzogen hat. Dieses Buch zu lesen - wann wäre ein besserer Zeitpunkt als
jetzt?
Martin Luther King
Carlsen Comics, März 2008
Text und Zeichnungen: Ho Che
Anderson
220 Seiten, s/w und Farbe, Hardcover; 29,90 Euro
ISBN: 978-3551779618
Mehr über Anderson, wie er zur Arbeit an MLK kam und seine Gedanken zum Erfolg der GN (englisch)
Martin Luther King © Fantagraphics und Ho Che Anderson, dt. Ausgabe 2008 Carlsen Comics
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