JoomGallery Stats for JoomGallery MVC BETA

  •   1287
Comicgate RSS-Feed Comicgate RSS-Feed

Comicgate-Tweets

Eigenveröffentlichungen

Wir publizieren auch im Print!

Comic-Kalender

Januar 2012 Februar 2012 März 2012
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29
Neue Veranstaltung einsenden Neue Veranstaltung einsenden

Partnerlinks





 



 

Home

von Andreas Fisch Dienstag, 30. September 2008


Cover Martin Luther KingWer Martin Luther King begegnen möchte, muss zu einer Zeitreise antreten. Nur wer in das historische Ringen um Veränderungen in die Süd- und Nordstaaten der USA eintaucht, kann ermessen, welche Rolle MLK darin gefunden hat. Die Graphic Novel Martin Luther King von Ho Che Anderson ermöglicht seinen Lesern diese Zeitreise in die 60er-Jahre - als Afroamerikaner noch festgenommen wurden, wenn sie es wagten, sich im Bus vorne hinzusetzen, als sie im Süden systematisch aus Wählerlisten gestrichen wurden; eine Zeit als "Negros" noch verprügelt wurden, wenn sie zur Wahl gingen, und als Bürgerrechtler durch das Land reisten, damit sich dunkelhäutige US-Bürger in die Wählerlisten eintrügen, und damit ihr Leben riskierten und nicht selten verloren: Rassentrennung, Rassengesetze und tiefwurzelnder Rassismus, mal als Fürsorge getarnt, mal brutal und gewalttätig durchgesetzt, durch offizielle Gesetze oder stillschweigende Übereinkommen gedeckt. Auf der anderen Seite: Bürgerrechtsbewegungen in großer Zahl, Schwarze und Weiße im Kampf um Menschenrechte vereint, das Ringen um soziale Gerechtigkeit, um effektiven Widerstand und immer wieder um die große Frage, ob jetzt Gewalt gerechtfertigt sei als letztes Mittel, als Frucht enttäuschter Geduld. Und mitten in diesem Strudel gesellschaftlicher Ereignisse: der schwarze Reverend als Bürgerrechtler und Prediger mit einer religiösen und politischen Botschaft.

Seite aus dem Comic Martin Luther KingEine große Stärke der Graphic Novel von Anderson liegt darin, dass sie den Leser in diese Zeitreise hineinträgt und Martin Luther King in seiner historischen zeit zeigt. Die Brutalität militanter, rassistischer Gruppen wird durch wenige Andeutungen in ihrer Dramatik vermittelt, die Ermordung von MLK und Präsident John F. Kennedy in künstlerisch ausgereiftem Wechsel der Erzählform dargeboten. Zahlreiche "Einspielungen" der Gegner Kings profilieren den "Unruhestifter" Martin Luther King in seinem Kampf, soziale Gerechtigkeit und Bürgerrechte gewaltfrei, aber wirkungsvoll durch intelligente Proteste Schritt um Schritt durchzusetzen. Dafür arbeitet Anderson virtuos eine ganze Reihe von Darstellungsformen ein: die stilgenaue Einbindung von verfremdeten Fotos, die den Leser immer wieder daran erinnern, dass die Personen und Ereignisse real sind; die raffinierte Art, Musik und Soundeffekte grafisch "hörbar" zu machen; wortlastige Zeugenaussagen mit identischen Portraits in Schwarz-weiß, um den Blick auf Reverend King durch die Augen seiner Feinde und Kritiker einzubinden; bunte großflächige Gemälde, um die emotionalsten Momente mit stummem Schrecken zu erfassen.

Der abrupte Schluss, der wohl dem Charakter der Biografie geschuldet sein mag, hinterließ bei mir ein unbefriedigendes Gefühl, nachdem die ganze Erzählung immer mehr transportierte als nur die Lebensgeschichte eines herausragenden Mannes seiner Zeit. Die packende Lektüre macht den Leser wissbegierig und da wäre ein Glossar mit Zeittafel ein willkommener Service am Ende des Buches gewesen. Leider fehlt beides. Ein Wermutstropfen in einem wunderbaren Leseereignis!

Seite aus dem Comic Martin Luther KingHo Che Anderson beendete seine Arbeit an diesem Comic 2002, nach insgesamt zehn Jahren an den im Original drei Bänden. Er kannte keinen schwarzen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten. In Martin Luther King verdammt Bull Connor noch die damals geforderte Integration von Weißen und Schwarzen und prophezeit: "Scheiße, demnächst wollen sie noch einen Nigger-Bürgermeister." Diese "düstere" Prophezeiung ist durch Barack Obama übererfüllt und steht für weite Teile des Landes für die Hoffnung auf "Change". Wer sich die 60er-Jahre als Teil der Geschichte der USA mit Hilfe von Ho Che Andersons Graphic Novel vor Augen führt, der versteht erst, welche Sensation die Nominierung des farbigen Senators aus Illinois im 40. Jahr nach der Ermordung von Martin Luther King darstellt und welcher Wandel sich seither vollzogen hat. Dieses Buch zu lesen - wann wäre ein besserer Zeitpunkt als jetzt?



Martin Luther King
Carlsen Comics, März 2008
Text und Zeichnungen: Ho Che Anderson
220 Seiten, s/w und Farbe, Hardcover; 29,90 Euro
ISBN: 978-3551779618


Mehr über Anderson, wie er zur Arbeit an MLK kam und seine Gedanken zum Erfolg der GN (englisch)

Ein Leseereignis!


Jetzt bei Comic Combo anschauen und bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!



Martin Luther King © Fantagraphics und Ho Che Anderson, dt. Ausgabe 2008 Carlsen Comics






Trackback(0)
Kommentare (0)Add Comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

security code
Bitte den folgenden Code eintragen


busy

Ähnliche Artikel

  • Habibi

    Schon die Erscheinungsweise macht deutlich, dass Habibi ein außergewöhnliches Werk ist. Der neue Comic von Craig Thompson, der langerwartete Nachfolger seines großen Erfolgs Blankets, an dem er sechs Jahre lang gearbeitet hat, kommt gleichzeitig in englischer, französischer und deutscher Sprache auf den Markt – das ist selten auf dem Buchmarkt, und bei Comics erst recht. Dieser Sonderstatus setzt sich in der Aufmachung fort: Habibi ist ein voluminöser Klotz von 672 Seiten, der mit Goldverzierung auf dem Hardcover-Einband, Lesebändchen und schwerem Papier sehr edel daherkommt. Wird Thompsons Erzählung dem pompösen Auftritt des Buches gerecht?

    - 27.10.2011
  • Blutspuren
     Mit ihrer Graphic Novel Exit Wounds (so der Originaltitel) hat die Isralin Rutu Modan international etliche Preise eingeheimst. Nun ist bei der Edition Moderne eine deutsche Ausgabe erschienen. Blutspuren ist eine Geschichte aus dem Israel von heute, in der der Nahostkonflikt als Hintergrundrauschen mitschwingt, aber niemals in den Mittelpunkt der Handlung tritt.


    - 13.10.2008
  • Valerian & Veronique Gesamtausgabe 1

    altGesamtausgaben europäischer Comicklassiker boomen. Die seit einigen Jahren verlagsübergreifende Veröffentlichungspolitik, in der des Öfteren zwei bis drei Originalalben in einem Band mit Begleitmaterial erscheinen, ist für den Leser vor allem dann erfreulich, wenn dabei jahrzehnte alte Schätze zu Tage gefördert und in adäquater Gestaltung wieder verfügbar gemacht werden. Die frankobelgische Serie Valerian & Veronique vom französischen Kreativduo Pierre Christin (Szenarist) und Jean-Claude Mézières (Zeichner) ist ein solches Juwel der Comicliteratur.

    - 25.04.2011
  • Und wir träumten von der Zukunft
     Whatever Happened to the World of Tomorrow? heißt der Comic von Brian Fies im Original. Was ist nur aus der Welt von Morgen geworden? Eine Frage, die den Inhalt bereits gut auf den Punkt bringt: Es geht um den Glauben an die Zukunft, um die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle Menschen durch technologischen Fortschritt, um eine Utopie, die weite Teile des 20. Jahrhunderts bestimmt hat, die aber letztlich ein uneingelöstes Versprechen blieb. - 03.04.2010
  • Ein Vertrag mit Gott
     Will Eisner – kann man ihn unvoreingenommen lesen, ohne gleich von seinem vorauseilenden Ruf in der Comicszene erschlagen zu werden? Dürfte man sich als Comicrezensent überhaupt herausnehmen, diesen „wichtigsten Zeichner Amerikas" (F.A.Z.) zu kritisieren? Ich habe versucht, den ersten Band der „Will Eisner Bibliothek" im Carlsen Verlag, Ein Vertrag mit Gott Mietshausgeschichten so zu lesen, wie es ein unbescholtener Textbücher-Leser tun würde, dem plötzlich dieser voluminöse Band in die Hände fällt – und war schlichtweg begeistert! - 25.10.2010