Advertisement
 
Home arrow Rezensionen arrow ausführlich arrow Freaks of the Heartland
Freaks of the Heartland Drucken E-Mail
Geschrieben von Frauke und Christopher   
Sonntag, 21. September 2008

Zwei Rezensionen vorhanden.

Christophers Besprechung weiter unten.



Frauke:


Cover Freaks of the HeartlandMit dem "Heartland" im Titel ist das American Heartland gemeint, ein schwerer, urtümlicher Landstrich, in den USA abseits der pulsierenden Großstädte. Hier wächst der Junge Trevor auf einer kleinen Farm auf. Sein Leben wird bestimmt von seinem despotischen Vater, der auch seine Mutter mundtot gemacht hat. Die Familie hat allerdings ein Geheimnis: Trevor hat einen jüngeren Bruder, Will, der merkwürdig entstellt ist und über besondere Kräfte verfügt. Seine Mutter hat ihren Sohn seit seiner Geburt vor sechs Jahren nicht mehr angesehen, und er wird wie ein Hund an der Kette im Schuppen nebenan gehalten.

Trevors Aufgabe ist es, seinen kleinen Bruder mit Essen(sabfällen) zu versorgen. Darüberhinaus versucht er, versteckt vor den Eltern, Wills Leben erträglicher zu machen. So nimmt er ihn zum Beispiel eines Abends von der Kette, um mit ihm einen Ausflug zu machen.

Die Situation eskaliert, als ihr Vater beschließt, das zu tun, was er von Anfang an vorhatte - der Sache ein Ende zu machen. Und so marschiert er mit einem Gewehr in den Schuppen. Um Trevor, der sich vor seinen Bruder gestellt hat, zu schützen, greift Will den Vater an. In dem Streit entpuppen sich weitere Talente des entstellten Junges, der Vater stirbt infolge Wills Beschützerinstinkt. Die beiden Brüder, unsicher und verwirrt, fliehen von der Farm, nachdem sie noch kurz ihrer Mutter Lebewohl gesagt haben. Im Laufe der Reise enthüllen sich dann weitere Besonderheiten und Umstände rund um Wills merkwürdiges Erscheinungsbild ...

Seite aus Freaks of the Heartland... aber ohne einen genauen Hintergrund oder gar eine Erklärung dafür zu liefern. Wer Steve Niles als Autor von Comics wie 30 Days of Night kennt und Ähnliches erwartet, der wird von Freaks of the Heartland enttäuscht werden. Das hier ist keine Horrorgeschichte oder gar eine Splatterorgie, sondern eine moderne Interpretation des Literaturklassikers Of Mice and Men (Von Mäusen und Menschen), wie auch schon der Klappentext treffend beschreibt. Will hat nichts falsch gemacht, trotzdem wird er allein aufgrund seines Aussehens von der Gesellschaft und zwischenmenschlichen Kontakten ausgeschlossen, ohne etwas dagegen tun zu können. Freaks of the Heartland ist ein Appell an die Menschlichkeit, an die Liebe und gegen die Engstirnigkeit und den Hass, der aus Angst entstehen kann. Ein ganz klassisches Thema also, von Zeichner Greg Ruth (u.a. Conan) mit zum Teil groben Strichen und dem Einsatz von viel Schwarz der schweren Thematik wunderbar angepasst. Die monochromatische Farbgebung variiert je nach Stimmung und fügt damit dem Geschehen eine wortlose Interpretationsebene hinzu.

Einzig das Hinsteuern auf das recht abrupte Ende bedauert man als Leser, gerade weil am Anfang die Einführung der Figuren und der Lebensumstände bedächtig vorgenommen wird und die Geschichte generell sehr ruhig erzählt wird. Am Ende hätten ein paar Seiten mehr der Erzählung gut getan, sie runder gemacht.

Etliche Seiten füllt auch der bei Cross Cult übliche redaktionelle Teil mit Interviews sowohl mit Autor als auch Zeichner sowie Skizzen mit interessanten Hintergrundinfos zur Gestaltung der Figuren und Gedanken von Greg Ruth. Neu ist mir allerdings eine Dankesseite, wie man sie von CD-Booklets kennt (à la "Steve dankt ... Greg dankt ..."), das kommt jetzt vielleicht in Mode.

Freaks of the Heartland
bietet keine Hauruck-Action, keinen wirklichen Horror, sondern eine poetische Charakterstudie inmitten eines weiten Landes, die denjenigen gefallen wird, die auch mit ruhigeren Tönen etwas anfangen können. Dann erwartet sie eine dichte, zärtliche Geschichte um einen Außenseiter und seinen Bruder, der mit kindlichen Augen hinter die Fassade blickt. Die Beteiligten sind zwar sehr deutlich eingeteilt in Gut und Böse, manche Klischees auf die Spitze getrieben, aber so ist das nun mal in Märchen.

Der Autorencomic unter den Horrorcomics



Christopher:

Steve Niles und Greg Ruth haben einen Comic über Doppelmoral und den mittleren Westen geschrieben. Freaks of the Heartland ist außerdem eine Geschichte von zwei ungleichen Brüder, die es irgendwie schaffen, in einer harten, rauen Welt zusammenzuhalten und sich zu unterstützen.

So weit das Auge reicht, sieht man Farmland. Ab und zu mischen sich ein paar einsame Bäume, Holzzäune und windschiefe Häuser ins Bild. Ein Schuss fällt, vielleicht auch nur die Fehlzündung eines Traktors, und ein Schwarm Krähen fliegt auf, davon in den schmierig-grauen Himmel. Ödnis pur. Wir schreiben die "gute, alte Zeit", wann auch immer die gewesen sein mag. Vielleicht regiert gerade Präsident Truman, vielleicht auch schon Eisenhower. So genau interessiert das hier niemanden, ist auch nicht wichtig an einem Ort, an dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Ein Stück Ende der Welt, ohne Handys, Faxgeräte oder Farbfernseher. Freaks of the Heartland portraitiert den mittleren Westen der USA in den düstersten Farben.

Seite aus Freaks of the HeartlandDie Geschichte ist nicht nur das düstere Portrait eines Landstrichs, sondern auch einer Familie. Autor Steve Niles (30 Days of Night) bewegt sich bei der Skizzierung der Figuren hart an der Grenze zu Klischees und Stereotypen: Daddy ist ein Trinker, Mommy wird geschlagen, und Sohnemann Trevor zieht den Kopf ein, so gut es geht. Und in der Scheune, versteckt vor dem Licht der Welt, lebt Will. Er ist von Geburt an anders, unnatürlich groß und kräftig, mit einem Wasserkopf - ein Freak. Die Farmer der Gegend, insbesondere sein eigener Vater, halten ihn für ein Monster, eine Ausgeburt der Hölle, und wollen ihn töten. Brüderchen Trevor hat jedoch etwas dagegen.

Freaks of the Heartland handelt von der Doppelmoral einfacher Leute. Wer am lautesten "Monster!" schreit, ist häufig selber eines. Die Geschichte wurde schon oft erzählt, und ist spätestens seit Frankenstein ein klassisches Horrorthema. Handlung gibt es bei Freaks of the Heartland so wenig, dass man den Plot fast als statisch bezeichnen könnte. Das macht aber nichts, weil dieses Weniger an Handlung einem Mehr an Atmosphäre zugute kommt. Die wird in erster Linie durch die fabelhaften Bilder von Greg Ruth erzeugt: Dunkle Farben, viel Schatten und ein außerordentlich realistischer, leicht verwischter Strich. Die Qualität der Handlung ist nicht überragend, die der Bilder hingegen schon. Weil es wenig Text gibt, liest sich Freaks of the Heartland recht schnell. Seine Wirkung entfaltet der Band dennoch. Es ist wahrhaftig eine Bilder-Geschichte, unterhaltsam und unheimlich, mit nicht mehr Text,als unbedingt nötig. Atmosphärischer und gradliniger Horror, von dem man sich mehr wünscht.


Atmosphärischer Horror ohne Schnörkel



Freaks of the Heartland
Cross Cult, August 2008
Text: Steve Niles
Zeichnungen: Greg Ruth
Übersetzung: Frank Neubauer
167 Seiten, Hardcover, farbig; 19,80 Euro
ISBN: 978-3936480894
Leseprobe



Jetzt bei Comic Combo anschauen und  bestellen!

Jetzt bei amazon.de anschauen und  bestellen!




Freaks of the Heartland © Steve Niles, Abbildungen © Greg Ruth, der dt. Ausgabe Cross Cult





Ähnliche Artikel:
Hellboy 9: Ruf der Finsternis
 Eigentlich ist Hellboy ein Comic für Intellektuelle. Für Schöpfer Mike Mignola jedenfalls waren die Geschichten um seinen Ermittler aus der Hölle schon immer mehr als nur ein Monster-Comic. Mit Hellboy steckte er sich selbst einen Rahmen ab, in dem er all die Geschichten erzählen konnte, auf die er Lust hatte. Das Ergebnis ist ein herrliches Amalgam: Internationale Folklore trifft auf Gothic und Groschenromane.
Ein neues Land

 Ein Mann verlässt die Familienidylle, verstaut ein Erinnerungsfoto sicher in seinem Koffer und verabschiedet sich rührend von Frau und Kind, die er zurücklässt. Zuerst in einem Zug, dann mittels Schiff macht er sich auf den Weg in ein neues Land; offenbar soll dieses neue Hoffnung und Sicherheit für die zunächst in der Heimat verweilende Familie liefern, denn die Heimat sieht sich der Bedrohung von bezackten Tentakeln ausgesetzt, die ihre Schatten über die Städte werfen. Es fällt schwer, sich in der neuen Welt zu akklimatisieren, schließlich ist sie von allerlei komischen Viechern bevölkert, die sich die Menschen dort als Haustiere halten ...


Vampire Boy 1 - Die Auferstehung
Eduardo Risso, bei uns u.a. bekannt als Zeichner von Vertigos Hit-Serie 100 Bullets, hat zusammen mit dem argentischen Author Carlos Trillo den Comic Boy Vampire - für unsere Ohren von Cross Cult eleganter mit Vampire Boy "übersetzt" - erschaffen. Der Titel macht eigentlich schon alles klar: es geht um einen Vampir im Körper eines Jungen.
Die beiden interpretieren dabei einige typischen Mythen neu: man wird nicht durch einen Biss zum Vampir, Sonnenlicht heilt, anstatt zu töten, Vampire essen in einem durchaus erstaunlichen Ausmaß normales Essen, und sie wollen nicht ewig leben - zumindest nicht der eine der zwei vampirischen Erzfeinde, um die sich dieser Comic dreht.
Der Dunkle Turm
 Über 30 Jahre lang hat Romanautor Stephen King an seinem Hauptwerk Der Dunkle Turm gearbeitet, das mit dem siebten vorgelegten Buch sein Ende fand. Es ist Kings wohl signifikantestes Werk, das auch für den Autor selbst von großer Bedeutung scheint. Den Schritt in den Bereich der Comics tritt Kings Schöpfung nicht mit einer Adaption der Romanstoffe, sondern mit einer Art Ergänzung zum Dunklen Turm an. Erzählt wird die Jugend des Revolvermannes Roland Deschain, der dem Mann in Schwarz zukünftig durch die Wüste folgen wird.
Juan Solo 1 & 2
 Juan Solo ist ein vom Leben geschundener Mann, der nach eigener Aussage so heißt, wie er ist. Solo eben. Selbst am Ende seines Lebensweges, welches man zu Beginn bereits ohne Hintergrundwissen vorgesetzt bekommt, am Kreuze hängend, einsam in der Wüste zurückgelassen, meint er zurückblickend, schon immer allein gewesen zu sein.
Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
password
 

busy
 
Login Form





Passwort vergessen?