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Kaps, Joachim Drucken E-Mail
Geschrieben von Frauke   
Montag, 15. März 2004
Beitragsinhalt
Kaps, Joachim
Teil 2: Die Zeit bei Carlsen
Teil 3: Trennung von Carlsen, Zukunft bei Tokyopop





Dr. Joachim Kaps war sieben Jahre lang beim Carlsen Verlag beschäftigt, die letzten Jahre als Verlagsleiter von Carlsen Comics. Unter anderem hat er die Konzepte der Manga-Magazine "Banzai" und "Daisuki" mit aufgebaut, und unter seiner Leitung wurde Carlsen Comics der Comic-Marktführer in Deutschland.
Im Dezember 2003 hieß es dann, für viele sehr überraschend, dass Jo sich wegen unterschiedlicher Ansichten zu "Schwerpunktsetzungen im Programm und die Weiterentwicklung der Marktstrategien" von Carlsen getrennt habe. Für einige Zeit hörte man nichts über seine berufliche Zukunft, bis er am 19. März 2004 in einer Presseerklärung zum "Managing Director" der neu gegründeten Tokyopop GmbH, einem europäischen Ableger des bereits in Asien und den USA agierenden Tokyopop K.K., bekanntgegeben wurde.
Anfang bis Mitte März 2004 führten wir per eE-Mail dieses Interview, welches das erste nach seiner Zeit bei Carlsen ist und über das Jo sagte: "Ich glaube, das wird das ausführlichste Interview, das ich je gegeben habe." Bringt also ein bisschen Zeit mit, um etwas über seine Vergangenheit (z.B. bei der "Comixene"), seine Zeit bei Carlsen, seine Pläne für Tokyopop und einiges mehr zu erfahren...


Joachim KapsComicgate: Hallo Jo, vielen Dank, dass Du Dir die Zeit nimmst, unsere neugierigen Fragen zu beantworten! Wie fühlst Du Dich gerade?

Jo Kaps: Blendend! Nachdem ich in den letzten drei Monaten ja etwas abgetaucht war, um zunächst einmal für mich zu sortieren, wie (m)ein Leben nach Carlsen aussehen könnte, freue ich mich jetzt von ganzem Herzen darauf, weiter aktiv in meinem Lieblingsmedium mitmischen zu können.


CG: Ich würde gerne erstmal von vorne anfangen und ein bisschen zu Deiner Person erfahren. Du hast ja studiert und bist promoviert. Was genau hast Du studiert, und über welches Thema hast Du Deine Doktorarbeit gemacht? Wann war das?

JK: Ich habe seinerzeit in Marburg Europäische Ethnologie (dahinter verbirgt sich eine empirisch ausgerichtete Kulturwissenschaft), Neuere Deutsche Literatur und Grafik & Malerei studiert. Meine Promotion habe ich Ende 1990 in Europäischer Ethnologie mit einer Arbeit über "Erwachsenencomics in der BRD von 1945 bis 1990" gemacht - aus heutiger Sicht eine arg trockene Arbeit, die ich inzwischen sicher anders angehen würde. Aber andererseits war das damals eine tolle Möglichkeit, sich quasi "von Berufs wegen" durch die gesamte Primär- und Sekundärliteratur zum Thema zu lesen, wozu man sonst kaum die Zeit gefunden hätte.


CG: Hättest Du Dir auch einen anderen Beruf für Dich vorstellen können als sich mit Comics zu beschäftigen?

JK: Früher ja, heute würde mir diese Vorstellung ungleich schwerer fallen. Ganz zu Beginn wollte ich eigentlich mal Journalist werden und habe vor dem Studium auch fleißig für Lokalzeitungen in meinem Heimatraum geschrieben. Während des Studiums hat sich das dann zunächst in Richtung akademische Karriere verschoben, weil mir die Uni als eine der letzten Schutzzonen vor wirtschaftlichen Zwängen erschien, was man in dem Alter einfach spannend findet. Ich habe dann nach der Promotion vier Jahre lang als wissenschaftlicher Angestellter an der Uni Marburg gearbeitet und mich in dieser Zeit davon überzeugen dürfen, dass meine Annahme natürlich falsch war. Der akademische Bereich, gerade im europäischen Raum, hat sich anstelle der wirtschaftlichen Zwänge einen seltsamen Standeskodex erschaffen, der freies Denken viel stärker behindert als jedes andere System. Also habe ich dann mit 30 Jahren alles hingeworfen und mich nach neuen Möglichkeiten umgesehen. Wenn man an die jüngsten Ereignisse zurückdenkt, scheint sich in meinem Leben eine gewisse Tendenz abzuzeichnen, meine runden Geburtstage für grundlegende Änderungen zu nutzen. :)


CG: In dem Comicmetier sind Achtstundentage sicherlich nicht möglich. Ergibt sich für Dich überhaupt Freizeit, oder bist Du rund um die Uhr mit Comics beschäftigt? Nervt Dich das dann auch irgendwann mal?

JK: Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich die richtige Besetzung für einen "9 to 5"-Job wäre. Wenn man seine Brötchen mit etwas verdient, was einem wirklich Spaß macht, kann man sich für meine Begriffe glücklich schätzen und sollte dann nicht meckern, wenn dabei auch mal ein Abend oder ein Wochenende geopfert werden müssen. Die Trennlinie zwischen Arbeit und Freizeit verläuft anders als bei Berufen, die man ausschließlich wegen des Geldes ausübt. Ist es wirklich Arbeit, wenn ich mit kreativen Autoren zusammenarbeiten darf? Ist es Arbeit, wenn ich heute dafür bezahlt werde, auf Messen zu fahren, die ich früher privat besucht habe? Ich wusste nie so recht, wo man da die Grenzen zieht, das war auch zu Zeiten der Uni schon so. Und eigentlich kann ich mir das für mich auch gar nicht anders vorstellen.
Was mein Privatleben angeht, ist mir eigentlich nur wichtig, dass genügend Zeit für meine Beziehung bleibt, da ich mit der wundervollsten Frau der Welt zusammenlebe und mir wünsche, dass das auch so bleibt. Aber zu meinem großen Glück ist sie auch die verständnisvollste Frau der Welt, die weiß, dass ich nicht glücklich wäre, wenn ich jeden Tag um 5 nach Hause gehen würde, dafür aber vorher acht Stunden lang etwas machen müsste, das mich nicht interessiert. Das ist auch der Grund dafür, warum ich für eine einzige Sache, die der Beruf mit sich bringt, kein Verständnis habe: nämlich Leute, die einen notorisch nur abends oder am Wochenende anrufen, weil ich der Meinung bin, dass so etwas unnötigerweise die rare Privatsphäre verletzt. Für so etwas gibt es E-Mails, da kann man sich wenigstens selbst aussuchen, wann man auf sie antworten will. :)


CG: Wann und wie bist Du überhaupt mit Comics in Kontakt gekommen?

JK: Ich zähle noch zu der Generation, die all ihre Liebe zu den Comics Rolf Kauka verdankt. Ohne "Fix und Foxi", "Mischa", "Pauli", "Die Pichelsteiner" und die in den Heften als "Pit und Pikkolo" oder "Jo-Jo" auftretenden Frankobelgier hätte ich meine kostbare Jugend bestimmt mit Fußballspielen oder dem Sammeln von doofen Autoquartetten vertrödelt. Aber Rolf Kauka hat das gottlob verhindert. Nachdem ich das erste "Fix und Foxi"-Heft gelesen hatte, war ich für alles andere verloren. Ich habe jede Woche aufs Neue nur dem Freitag entgegengefiebert, weil es dann das neue Heft gab, was ich nach der Schule sofort gekauft und mich darin vergraben habe. Bevor ich die neue Ausgabe nicht mindestens fünf mal von vorne bis hinten durchgelesen hatte, war ich auf nichts anderes ansprechbar. Diese Hefte waren pure Magie.

An der Stelle muss ich wirklich einmal eine Lanze für die Kauka-Produktionen brechen, über die viele Leute später die Nase gerümpft haben. Es mag ja sein, dass die Übersetzungen nicht immer werkgetreu waren und dass man nicht einfach irgendwelche Panels hätte umzeichnen sollen, aber hinsichtlich des editorischen Konzeptes, dass um die Comics herum aufgebaut wurde, war das Kauka-Team definitiv allen anderen Redaktionen, die der deutsche Comic je gesehen hat, meilenweit voraus. "Fix und Foxi" und sein gesamtes Umfeld von Publikationen waren nicht "nur" Comics, sondern ein eigenes Universum. Ohne diese Hefte hätte ich mich niemals dafür interessiert, dass hinter den Geschichten Menschen standen, die sich all diese Geschichten ausdenken. Mal ganz zu schweigen von so großartigen Marketingaktionen wie Postern, die man über einen Sommer hinweg sammeln musste, oder den Vorworten von "Onkel Rolf", die einem das Gefühl gaben, Teil einer großen Familie zu sein. Das war Magie pur!
Und diese Magie bin ich nie wieder richtig losgeworden. Klar kamen dann später Zack, die Comixene und manches andere, was einem dann noch weitere Aspekte des Mediums nahegebracht hat, aber ohne Rolf Kauka wäre all das nicht möglich gewesen. Und es ist eine Schande, dass dieser Mann dafür nie den Max-und-Moritz-Preis erhalten hat. Ende der Werbeeinblendung! :)


CG: Wie hat es sich ergeben, dass Du einer der relativ wenigen Menschen in Deutschland bist, die mit Comics ihr Geld verdienen können?

Joachim KapsJK: Gute Frage! So richtig habe ich das nämlich selbst nie verstanden. :)
Nein, im Ernst: In den ersten Jahren der aktiven Auseinandersetzung mit Comics habe ich keine müde Mark damit verdient. Vom Leser zum "Macher" bin ich ja auf dem Umweg über Sekundärmagazine wie "Comic Forum" und "Comic Info" gekommen, wo das Honorar in aller Regel aus wohlwollenden Worten und freundschaftlichem Schulterklopfen bestand. Das hat mich anfangs aber auch nicht wirklich gestört, weil ich zu der Zeit vor allem verstehen wollte, wie die Comic-Welt hinter den Kulissen funktioniert. Die unzähligen Interviews mit Zeichnern und Verlagsmachern waren mir da anfangs Honorar genug.

Das erste Geld habe ich, wenn meine Erinnerung mich nicht völlig täuscht, dann bei Jürgen Janetzky und seinem Splitter-Verlag verdient. Übrigens noch eine Person der deutschen Comic-Geschichte, die manch einer immer viel zu leichtfertig kritisiert hat. Jürgen war ohne Frage ein Rauhbein und ein Schlitzohr, aber er war - zumindest zu mir - auch immer fair. Ein Stück weit habe ich ihm auch den Übergang ins Profilager zu verdanken, weil ich in der Zeit nach meiner Tätigkeit an der Uni meine Miete vor allem mit freien Übersetzungen und Layoutjobs für Splitter bestritten habe. Zum Vollberuf wurde es dann wirklich erst mit dem Wechsel zu Carlsen 1996. Auch wenn ich da zu Beginn deutlich weniger verdient habe als zuvor als freier Redakteur, wollte ich das damals unbedingt machen, weil ich das Label einfach toll fand. Die Botschaft für junge Menschen lautet also:
Harte, entbehrungsreiche Jahre sind die Voraussetzung für den beruflichen Einstieg. :)


CG: Du hast von 1994 bis 1996 sieben Ausgaben der "Comixene" (Nr. 51 bis 57) herausgebracht. Erzähl doch bitte mal, wie es dazu kam, schließlich war die alte Comixene bereits 1981 eingestampft wurden.
Was hielten die ehemaligen Herausgeber von der Idee? Was war Deine Motivation, wer arbeite alles mit?

JK: Puh... das sind viele Fragen auf einmal. Vor der "Comixene" hatte ich ja für "Comic Forum" und "Comic Info" geschrieben, dann zwei Ausgaben des "Comic Almanach" konzipiert und umgesetzt und dabei einfach Spaß an dieser Tätigkeit entwickelt. Mich hat einfach immer interessiert, was hinter dem Endprodukt Comic steht, welche Leute es gestalten und wie sie dies tun. Auf der anderen Seite dann aber auch die Frage, welche Comics "ihren Weg machen", warum bestimmte Themen ein größeres Publikum erreichen als andere etc. Vielleicht schlägt da dann doch wieder der ehemalige Kulturwissenschaftler durch, wer weiß?

Wie auch immer: Ich war mit den damals exisitierenden Fachzeitschriften nicht so besonders glücklich, weil es im Grunde nur zwei Gruppen gab: Die eine Hälfte der Magazine hatte praktisch reinen Newscharakter, tauchte aber nicht sonderlich tief in die Themen ein, die andere Hälfte ging den behandelten Themen tiefer auf den Grund, wählte dabei aber für meinen Geschmack den Themenmix ziemlich willkürlich aus. Das, was die alte "Comixene" zu ihrer Zeit so einzigartig gemacht hatte, nämlich ein Konzept, das sich am Markt orientiert, dabei aber gleichzeitig tiefer in einzelne Themen vorstößt, gab es zu dieser Zeit einfach nicht. Die Idee, so etwas zu versuchen, hatte mich schon eine Weile umgetrieben. Dass es zur Umsetzung der Idee kam, war dann einem Abend in Hagen geschuldet, an dem Thomas A.T. Bleicher und ich feststellten, dass wir beide diese Idee mit uns herumtrugen. Als ich wieder nach Hause fuhr, hatten wir eigentlich schon beschlossen, dass wir das machen. Also haben wir uns bei Andreas C. Knigge die Erlaubnis für die Verwendung des Namens geholt, ein Team von freien Mitarbeitern zusammengestellt und einfach losgelegt. Andreas hat mir damals sehr viel Mut gemacht und zu den ersten Ausgaben ja auch Texte beigesteuert, was mir sehr viel bedeutet hat, da ich seine Arbeit immer enorm geschätzt habe. Auch viele andere sehr gute Leute, wie Reto Baer, Alexander Braun, Christian Gasser, Jens Nielsen, Uli Profröck oder Kai-Steffen Schwarz waren vom Start weg sofort mit dabei.
Die Arbeit an diesen Heften hat mir enorm viel Spaß gemacht, obwohl wir natürlich finanziell immer nur draufgelegt haben. Wir hatten den Anspruch, den Autoren zumindest ein Anstandshonorar für ihre Arbeit zu zahlen, was die anderen Magazine derzeit ja - nicht ganz ohne Grund - nicht gemacht haben.

Rückblickend betrachtet sind Thomas und ich aber beide wohl etwas unbedarft in die ganze Sache reingestolpert, weshalb es am Ende ja auch nicht lange gut gegangen ist. Aber ich habe diese Zeit nie bereut, weil ich durch die "Comixene" so enorm viele interessante Menschen kennenlernen durfte, mit denen mich zum Teil noch heute ein freundschaftliches Verhältnis verbindet. Hartmut Klotzbücher, Dirk Schulz und Delia Wüllner oder Dirk Rehm sind nur einige von ihnen...

Da man bei dem Projekt zudem Redakteur, Übersetzer, Layouter, Herstellung, Vertrieb, Marketing, Presse- und Poststelle in einer Person sein musste, wusste ich später bei Carlsen umso mehr zu schätzen, was die einzelnen Kollegen zu tun hatten. Ich glaube, dieses Grundverständnis für die Herausforderungen und Probleme einzelner Abteilungen fehlt leider vielen anderen Leuten, die in der Verlagsbranche arbeiten.


CG: Hast Du Gegen- oder Rückenwind für diesen Relaunch bekommen? Nachdem sie 13 Jahre flach gelegen hatte, war man sicherlich skeptisch und Du unsicher, oder? Wie war die Stimmung in der deutschen Comiszene bzgl. des Neustarts und Deiner betreuten Ausgaben?

JK: Die alte "Comixene" hatte nicht wirklich flachgelegen, sondern stand trotz des Umstandes, dass sie so lange nicht mehr erschienen war, für Insider immer noch als lebendiger Mythos im Raum, den nie wieder ein anderes Fachmagazin in seinem Anspruch eingeholt hatte. Zu bestimmten Themen findet man, ehrlich gesagt, noch bis heute die besten Artikel in diesen 42 von Andreas C. Knigge und Hartmut Becker gemachten Heften. Die damalige Mannschaft war in ihren analytischen Fähigkeiten einfach allen anderen weit voraus. Natürlich war das auch von einer Zeit geprägt, in der das Hinterfragen von Sachverhalten noch mehr zählte als heute. Wir haben ja generell seit dieser Zeit einen deutlichen Wandel der Medien hin zum reinen Aufzählen von Fakten erlebt, warum sollte sich die Welt der Comics da unterscheiden? Aber zurück zur Frage: Der Mythos des alten Heftes hat uns vor allem am Start durchaus geholfen, weil viele Leute einfach neugierig waren, wie uns der Relaunch gelingen würde. Nach den ersten zwei, drei Heften, die eigentlich sehr gut aufgenommen wurden, wurden wir dann aber - so hoffe ich zumindest - auch für unsere eigene Arbeit gelobt. Als wir merkten, dass wir uns bei all unseren Ansprüchen finanziell überhoben hatten und damit zunehmend Sand ins Getriebe des Erscheinens kam, gab es dann aber durchaus auch Kritik. Durchaus zu Recht, wie ich heute finde, auch wenn wir damals einfach keinen Weg gefunden haben, das grundsätzliche Problem Anspruch vs. wirtschaftliche Notwendigkeiten zu lösen.


CG: Die "Comixene" wurde also aus finanziellen Gründen wieder eingestellt?

JK: 1996 ist Thomas Bleicher aus dem Verlag ausgestiegen, weil ihm die finanziellen Belastungen zu heikel wurden. Dafür hatte ich durchaus Verständnis, blieb dann aber ob meines Starrsinns, das alles irgendwie doch noch weiterführen zu können, alleine auf den Schulden sitzen. Die endgültige Entscheidung, die Sache nicht fortzuführen, habe ich dann erst gefällt, als ich schon bei Carlsen war und nach und nach gemerkt habe, dass ich es zeitlich einfach nicht hinbekommen kann, neben dem Fulltime-Job dort auch noch das Heft zu machen. So ist dann die Ausgabe 58 schließlich unvollendet in meiner Schublade verschwunden, wo sie noch heute liegt. Und zur Strafe musste ich die ersten zwei Jahre bei Carlsen jede Mark, die damals nach Zahlung der Miete und der Brötchen übrig blieb, noch zum Abzahlen der Schulden aufbringen. Das hat den Traum vom Fachmagazin doch ein Stück weit kuriert... :)


CG: Du hast gerade von einer angefangenen "Comixene" Nr. 58 erzählt. Kannst Du Dich noch an ein paar Themen erinnern?

Ich weiß noch, dass "Mosaik" die Titelgeschichte geworden wäre, weil die Kollegen damals ein sehr schönes Cover für uns angefertigt haben, aber bei allen anderen Themen müsste ich schummeln und die Sachen raussuchen. Ist einfach zu lange her...


CG: Rückblickend auf die zwei Jahre: was habt Ihr richtig, was falsch gemacht? Mit welchen Gefühlen denkst Du an die Zeit, betrachtest die Ausgaben 51 bis 57?

JK: Wenn ich die alten Hefte mal zur Hand nehme, was ehrlich gesagt heute natürlich nicht mehr so oft geschieht, bin ich mit dem Ergebnis an sich immer noch ganz zufrieden. Und vor allem bleiben einfach sehr viele schöne Erinnerungen, weil mit der Zeit ja zumeist das Schlechte verblasst und das Gute nur noch leuchtender erstrahlt. Zudem wäre ich ohne die "Comixene" vermutlich nie bei Carlsen gelandet, was ja auch einen gewissen Wert hat. :)

So gesehen haben wir wohl schon manches auch richtig gemacht. Falsch gemacht haben wir das, was (fast) alle Kleinverlage falsch machen: Wir haben alle Gedanken auf die Ausgestaltung des Produktes konzentriert und viel zu wenig über seine Vermarktung nachgedacht. Aber rückblickend betrachtet war das ja auch ein "Learning", wie es Neudeutsch heißt. Als ich später bei Carlsen mehr Verantwortung übernommen habe, habe ich durch den Crash mit der "Comixene" viel mehr über die wirtschaftliche Seite eines Verlags nachgedacht, als ich es vermutlich sonst getan hätte..


CG: Was hältst Du von der neuen Comixene unter Martin Jurgeit? Geht sein Konzept Deiner Meinung nach auf?

JK: Solche Fragen sind immer heikel, denn dank der Neuen Frankfurter Schule wissen wir ja: "Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche!" Natürlich setzen andere Leute so ein Konzept inhaltlich anders um als man es selbst tun würde, das liegt in der Natur der Dinge.
Manche Bausteine sind mir einfach zu stark eine Auflistung von Fakten, die nicht wirklich hinterfragt werden. In der letzten Ausgabe war zum Beispiel die "Jahresvorschau 2004" für mich so ein Fall. Da würde ich mir mehr Analyse des Marktes und weniger Namedropping wünschen, gerade in einem Jahr, wo der deutsche Comic meines Erachtens erneut vor einschneidenden Veränderungen steht. Andererseits ist mir aufgrund meiner Vergangenheit aber natürlich auch bewusst, unter welchen Bedingungen solche Artikel und überhaupt das ganze Heft entstehen. Und wenn man das bedenkt, muss man eigentlich den Hut davor ziehen, was da geleistet wird, was ich hiermit tue! Dies umso mehr, als Martin es auch wie kaum ein anderer schafft, das Heft wirklich regelmäßig erscheinen zu lassen. "Comixene" und "Xoomic" sind derzeit die einzigen beiden Magazine, die ich wirklich regelmäßig lese und nicht nur durchblättere. Das ist für jemanden, der nicht nur acht Stunden arbeitet, doch auch schon eine Aussage. :)


CG: Was genau meinst Du mit "einschneidenden Veränderungen"?

Wir befinden uns meines Erachtens gerade an einem neuen Wendepunkt für Comics in Deutschland. Dass Carlsen auf der Suche nach neuen Strategien ist, ist im Moment ja allen klar. Aber auch bei Egmont Manga und Anime und Panini mehren sich die Zeichen, dass dort ähnliche Diskussionen ins Haus stehen. Die Einstellung der Anime und der vertriebliche Umbau bei Egmont sowie das Zusammenstutzen des Programms bei Panini sind klare Indikatoren hierfür. Davon, dass beide Häuser "Print on Demand" in Auflagen von ein paar hundert Exemplaren gerade als den großen strategischen Wurf anzusehen scheinen, mal ganz zu schweigen. Kurzum: Die drei großen Label stehen vor Veränderungen, so etwas will hinterfragt und nicht nur erwähnt sein.
Dazu hat sich die Situation im Handel drastisch verändert. Der traditionelle Buchhandel nimmt heute bei Manga eine bedeutsame Stellung ein, verweigert sich zugleich aber immer mehr dem Album. Zugleich kommen viele kleinere Fachbuchhandlungen zunehmend in Nöte, weil sie sich immer noch nicht auf den veränderten Markt eingestellt haben. Beides zusammen führt wiederum zu einer Schere, die auch die kleinen Verlage vor ganz neue Herausforderungen stellt.
Und zu all dem kommt hinzu, dass sich hinter den Kulissen - zum Teil noch sehr versteckt - neue Player aufstellen, die über kurz oder lang versuchen werden, in den Markt einzusteigen. All das wird dazu führen, dass Comic und Manga in Deutschland in zwei, drei Jahren ein ganz anderes Gesicht haben werden.

 



 
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