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von Andreas Völlinger Montag, 15. September 2008
„Ein Homosexueller kann kein Held sein.“ So lautete die nicht weiter begründete These eines aufgeregten Fanboys 2004 in einer Diskussion auf der Homepage von Autor Peter David, in der es um den Marvelhelden Northstar ging, der als erster dem eigenen Geschlecht zugeneigte Superheld von sich reden gemacht hatte. Der versierte Comic-Historiker mag jetzt mit erhobenem Zeigefinger einwerfen, dass es sich bei Northstar doch gar nicht um den ersten homosexuellen Comic-Helden handelt, sondern diese Ehre den Figuren Captain Metropolis, Hooded Justice und Silhouette in Alan Moores Watchmen von 1986 gebührt und
Einen wirklichen Hintergrund für die kanadischen Helden lieferte John Byrne dann 1983 nach, als er beauftragt wurde, eine Alpha Flight-Serie zu entwerfen, und er fand schnell Gefallen an der Idee, ein schwules Teammitglied dabei zu haben. „Ich hatte kurz zuvor einen Artikel in Scientific American gelesen, in dem es um – für die damalige Zeit – radikal neue Theorien zur Entstehung von Homosexualität ging, und die Beweislage deutete stark darauf hin, dass sie von genetischen und nicht Umwelt-Faktoren abhing. Das brachte mich darauf, dass es an der Zeit für einen schwulen Superhelden war“, begründet Byrne seine Motivation. Aber der rigide Comics Code und der Marvel-Verlag selbst erlaubten es ihm nicht, einen schwulen Superhelden zu präsentieren und so verlegte sich der Künstler stattdessen auf zahlreiche Andeutungen – mit dem kuriosen Ergebnis, dass so gut wie jeder in der Comicindustrie und viele Fans wussten, dass Northstar schwul ist, aber es einfach nie offen in der Serie ausgesprochen wurde. In Anbetracht dessen und der Tatsache, dass Alan Moores oben erwähnte Figuren in Watchmen nur am Rand vorkamen, kann man jedenfalls guten Gewissens behaupten, das John Byrne den ersten schwulen Superhelden in die Welt gesetzt hat.
Byrnes Uncanny X-Men-Kollaborator Chris Claremont wurde 1981 übrigens mit ähnlichem
Skandalöse Küsse
Ebenfalls bei Wildstorm bzw. dem Sublabel America’s Best Comics (ABC) erschien von 1999 bis 2002 Alan Moores Comic-Anthologie Tomorrow Stories, für die der britische Autor zusammen mit seiner zukünftigen Ehefrau, der Zeichnerin Melinda Gebbie, die flamboyante lesbische Heldin Cobweb schuf. Ab 2000 erschien bei ABC zudem Moores Superheldenpolizei-Serie Top 10, unter deren Hauptfiguren sich die lesbische Polizeibeamtin Jackie Kowalski alias Jack Phantom und ihr schwuler Vorgesetzter Steve Traynor befanden.
Aufsehen auch außerhalb der Comicszene erregte eine Geschichte von Judd Winick in Green Lantern 154-155, in der Terry Berg, der Assistent von Green Lanterns
Auch Marvel bekam eine Menge Schlagzeilen, als man Ende 2002 ankündigte, dass man den klassischen Westernhelden Rawhide Kid in einer neuen Miniserie für das an erwachsene Leser gerichtete MAX-Label als schwul darstellen würde. Der Titel Rawhide Kid: Slap Leather und der Umstand, dass das Skript von Ron Zimmerman geschrieben wurde, einem der Autoren von Radio-Rüpel Howard Stern, verrieten von Anfang an, dass man hier die augenzwinkernde Schiene fahren wollte. Obwohl sich seit vielen Jahrzehnten niemand für Comic-Cowboys interessiert hatte, schaffte es die Meldung bis in die amerikanischen Fernsehnachrichten und wurde teils heftig debattiert. Höhepunkt war eine bizarre Diskussion in der CNN-Sendung Crossfire, in der der medienerprobte Marvel-Guru Stan Lee den Männer liebenden
Das Interessanteste an der ganzen Kontroverse ist wohl, dass man bei Marvel im Nachhinein anscheinend Angst vor der eigenen Courage bekam, denn in der 2006 erschienenen Neuausgabe des Official Handbook Of The Marvel Universe wurde Rawhide Kid wieder als heterosexueller Cowboy beschrieben, der „für eine Weile eine exzentrische Rolle angenommen hatte, offensichtlich um andere zu verwirren“. Auf jeden Fall verwirrt waren nun die Leser. Nachdem sich die Verkäufe von Slap Leather in Grenzen gehalten hatten, war man bei Marvel offenbar der Ansicht, dass die Kontroverse dem Verlag eher geschadet hatte und versuchte sich in Schadensbegrenzung. Die Furcht vor weiteren Anschuldigungen, man würde unschuldige amerikanische Kinder zur Homosexualität verführen, ging sogar soweit, dass Marvel-Chefredakteur Joe Quesada auf dem Wizard World Con in Chicago verkündete, dass fortan keine Serie mit einem homosexuellen Helden als Hauptfigur ohne Warnhinweis auf dem Cover erscheinen würde. Quesada selbst bezeichnete diese neue Regelung als „lächerlich“, ein klarer Hinweis, dass es Druck aus der Unternehmensführung des mittlerweile an der Börse erfolgreichen Verlags gab. Nach Kritik von Menschenrechtsgruppen ruderte man aber schnell wieder zurück und ließ einen Firmensprecher verkünden, dass es eine solche Regelung nie gegeben hätte.
Auch bei DC gab es mittlerweile eine kleine Zahl homosexueller Figuren, die regelmäßig in diversen Comics auftauchten: Neben weiteren Auftritten von Piper, Maggie Sawyer nebst Freundin Toby Raines und dem oben erwähnten Terry Berg in Green Lantern gab es in Devin Graysons Nightwing den schwulen Polizisten Gannon Malloy, in
Was Marvel mit Rawhide Kid erlebt hatte, widerfuhr dem Konkurrenzverlag 2006 auf fast identische Weise mit Batwoman. Die neue Version der Heldin, die einst in den 1950ern und 1960ern in den Batman-Comics aufgetaucht war, sollte nach Vorgabe des Verlags Frauen lieben – und damit zur neuerdings verstärkt angestrebten Vielfältigkeit der Bewohner des DC-Universums beitragen. Nachdem die Figur und ihre Sexualität nur kurz in einem New-York-Times-Artikel erwähnt worden war, gab es ein gewaltiges Medienecho – zu gewaltig offenbar für DCs Chefetage. Angesichts unzähliger Meldungen wie „Batwoman hero returns as a lesbian“ (BBC News), „Batwoman to come out as lesbian“ (Foxnews) und „Batwoman's other secret
Batwoman hatte ihr Debüt im Folgenden zwar wie geplant in der Serie 52, aber ihre angekündigte Soloserie, die von Devin Grayson geschrieben werden sollte, wurde auf Eis gelegt. Erst über ein Jahr später, als sich der Medienrummel gelegt hatte, traute man sich, eine Batwoman-Serie bei Greg Rucka und J.H.Williams in Auftrag zu geben. Doch dann wurde auch dieses Projekt – trotz vier bereits komplettierter Hefte – auf unbestimmte Zukunft verschoben, was laut Rich Johnstons Kolumne Lying in the Gutters mit dem sich nähernden Filmstart von The Dark Knight zu tun hatte. Bei DCs Mutterkonzern Warner Bros schien man durch ein erneutes Aufbranden der Lesbische-Heldin-Kontroverse wohl Umsatzeinbußen zu befürchten.
Dass es ungefähr zur selben Zeit, als die neue Batwoman von sich reden machte, in Catwoman bereits eine lesbische Titelheldin gab (Holly Robinson, die das Kostüm der schwangeren Selina Kyle übernommen hatte), war der aufgeregten Presse dabei übrigens völlig entgangen. Eine weitere lesbische Heldin, deren Sexualität eher innerhalb der Comicszene diskutiert wurde, war Renee Montoya. Die Ex-Polizistin, die schon seit Jahren zu den Nebenfiguren der Batman-Serien gehörte, war bereits in der Serie Gotham Central vom Schurken Two-Face (und damit sozusagen gleichzeitig von Autor Greg Rucka) geoutet worden und übernahm in 52 den Mantel des Superhelden The Question von ihrem an Krebs verstorbenen Vorgänger. Als neue Question war Renee Montoya dann Hauptfigur der Miniserie Crime Bible: Five Lessons of Blood, in der auch Batwoman auftauchte. Beide Heldinnen, die offenbar eine gemeinsame Vergangenheit haben, treten aktuell außerdem in einer weiteren Miniserie, Final Crisis: Revelations, auf. In Manhunter überraschte Schreiber Marc Andreyko die Leser derweil damit, dass der neue Liebhaber einer schwulen Nebenfigur der bis dato „ungeoutete“ ehemalige JLA-Held Obsidian war.
Die Ursprünge dieser Vorbehalte gegenüber Comics kann man bis in die späten 1940er zurückverfolgen, als in den USA (wie wenig später auch in Deutschland) eine Hexenjagd auf die bunten
In der höchst paranoiden und von Sexualität besessenen Gesellschaft der
Werthams Theorien fanden damals jedenfalls großen Zuspruch in der amerikanischen Bevölkerung und Politik, und die Comicverlage schlitterten unversehens in die Rolle eines Sündenbocks für gesellschaftliche Missstände. Die Verkäufe stagnierten, und man sah sich gezwungen, die meisten Serien aus den am stärksten kritisierten Genres Horror und Mystery (Superhelden wurden damals gemeinhin als „Mystery-Men“ bezeichnet) einzustellen und stattdessen das Hauptaugenmerk auf
Während außerhalb der Comicszene also das Argument „Comics sind für Kinder und Homosexualität ist für solche ein ungeeignetes Thema“ gerne angeführt wird, geht es vielen Lesern von Superheldencomics, die dem Kindesalter längst entwachsen sind, aber offenbar eher um ein persönliches Unwohlsein beim Thema Homosexualität. Jedenfalls kann man dies aus zahlreichen Forenbeiträgen schließen. Bei gleichgeschlechtlichen Frauenbeziehungen zeigen sich
Aber dass es eine nicht ganz unbedeutende Minderheit schwuler Superheldencomic-Leser gibt, beweisen zahlreiche Onlineforen, mitgliederstarke Onlinecommunitys wie Gayleague.com, die sich hauptsächlich homosexuellen Figuren in Superheldencomics widmen, sowie gut besuchte Podiumsdiskussionen im Rahmen der weltweit größten Comicmesse, des San Diego Comic Con. 2008 gab es dort zum Thema allein vier Podiumsdiskussionen: „Gays in Comics“, „LGBT Portrayals in Comics“, „Emerging LGBT Voices“ und “50 Years of Gay Legion of Super-Heroes Fandom“. (LGBT steht für „lesbian, gay, bisexual & transgender“.) Und trotz der allgemein gehaltenen Titel drehten sich auch die ersten drei genannten Veranstaltungen zu großen Teilen um Superheldencomics – in den USA immer noch das auflagenstärkste und populärste Genre. Worum es den meisten der schwulen Lesern geht, betont ein Comicfan in einer Diskussion auf Comicsworthreading.com: „Homosexuelle wollen doch keine expliziten Sexszenen in ihren Superheldencomics, sie wollen nur eine ausgewogene Darstellung von Menschen in Geschichten, mit denen sie sich identifizieren können. Etwas, das für Heterosexuelle selbstverständlich ist.“
Dass auch schon vor Jahrzehnten einige Leser auf der Suche nach homosexuellen
Ein homosexueller Held ist auf jeden Fall auch heute noch ein ziemliches Reizthema, das in Internetforen schnell zu wüsten Verbal-Keilereien führen kann. Ganz besonders, wenn es darum geht, dass ein bereits etablierter Held nachträglich das Attribut „schwul“
Auch im Fall von Renee Montoya und Obsidian gab es Vorwürfe, die Autoren würden einfach die Sexualität einer etablierten Figur nach Belieben umschreiben. „Es war nicht meine Entscheidung, sie homosexuell zu machen – die Figur war es einfach für mich“, erklärte Greg Rucka CBR News seine Gründe, Renee Montoya zu „outen“. „Es war für mich vom ersten Moment an klar. Andere Leute schrieben sie als hetero, und jedes Mal, wenn ich das las, empfand ich es als Tarnung.“ Und Marc Andreyko, der für seine Serie Manhunter einen schwulen Superhelden als Liebhaber für eine Nebenfigur, den Anwalt Damon Matthews, eingeplant hatte, betonte in einem Interview mit dem Onlinemagazin Pulse, dass er keine Figur als schwul schreiben wolle, wenn es sich nicht echt und nachvollziehbar anfühle. Obsidian wählte er aus, weil dieser in vorangegangenen Geschichten nie Glück mit Frauen gehabt hatte und Autor Gerard Jones bereits Jahre zuvor in Justice League America Zweifel bezüglich dessen Heterosexualität gestreut hatte. „Wenn man sich seine Geschichte anschaut, scheint Homosexualität durchaus logisch. Würde jetzt aber jemand Wolverine als
Diesen Vorsatz schienen auch Ed Brubaker und Allan Heinberg gefasst zu haben, die für ihre Darstellung von Holly Robinson und ihrer Freundin Karon in Catwoman bzw. von Wiccan und Hulkling in Young Avengers beide viel Lob von allen Seiten bekamen. Heinberg, dessen Young Avengers sich durchaus auch an jugendliche Leser
Auf eine ausgewogene und realistische Darstellung homosexueller Figuren, die sich weder auf stereotype Weise hauptsächlich über ihre sexuelle Orientierung definieren, noch für Schockeffekte und Betroffenheitsdramen missbraucht werden, würden sich wahrscheinlich auch viele heterosexuelle Leser einlassen. Denn wühlt man sich durch die zahlreichen jüngeren Forendiskussionen zum Thema, dann fällt auf, dass dort nur eine lautstarke Minderheit strikt ungewillt ist, homosexuelle Comic-Helden an sich zu akzeptieren. Die Mehrheit bemängelt weniger die Existenz derartiger Figuren, sondern eher Sensationshascherei à la Rawhide Kid und eindimensionale Klischee-Helden und Geschichten. Wie weit dies jetzt für die Gesamtheit der Leser spricht, bleibt natürlich unklar, aber es ist ein
Es wird interessant sein zu sehen, ob die Verantwortlichen aus der teils ziemlich holprigen Handhabung homosexueller Protagonisten in der Vergangenheit gelernt haben und zukünftig Autoren an das Thema ranlassen, die in der Lage sind, schwule Mutanten und lesbische Verbrecherschrecks überzeugend zu schreiben und nicht in die üblichen Klischeefallen tapsen. Ein paar viel versprechende Schritte sind in dieser Hinsicht ja bereits gemacht worden. Den passenden Ton hat Warren Ellis jedenfalls schon vorgegeben. Auf die Frage, ob Apollo und Midnighter denn nun wirklich schwul seien, reagierte er nämlich ganz lapidar mit: „Ja, es stimmt. Apollo und Midnighter sind ein Paar. Na und?“
Bilder © Marvel, DC
Dieser zweiteilige Artikel wurde mit dem Sonderpreis des Felix-Rexhausen-Preises 2009 (Medienpreis des Bundes Lesbischer und Schwuler JournalistInnen BLSJ) ausgezeichnet.
Begründung der Jury:
Außer Ralph Königs Knollennasen und Batman-und-Robin-Homo-Erotik gibt es noch weitaus mehr Gleichgeschlechtliches im Genre der immer beliebter werdenden Bildergeschichten zu entdecken. Diese Erkenntnis hat die Jury Andreas Völlinger zu verdanken. In seinen beiden Online-Artikeln "Schwule Hasen und echte Mädels" und "Voll schwule Superhelden" liefert er eine detailreiche und - nach Kenntnis der Jury - die erste umfassende Bestandsaufnahme von "Homosexualität in Comics". Kenntnisreich und akribisch listet Völlinger schwule und lesbische Charaktere auf, die in japanischen Mangas, Underground-Comics oder Klassikern, wie den Watchmen zu finden sind. Bemerkenswert und nicht ohne Überraschungen ist seine Beschreibung der Rezeptionsgeschichte: Wie gehen Leserinnen, Leser und Verlage mit den lesbischen und schwulen Geschichten und Figuren um?
Die beiden Artikel richten sich in erster Linie an ein Fachpublikum. Trotzdem ist die Jury von Völlingers detaillierter Ausarbeitung so beeindruckt, dass sie ihn mit dem Sonderpreis 2009 ehrt.
Andreas Völlingers Studie, hinter der die Begeisterung des Autors für sein Thema nicht zu überlesen ist, bietet eine hervorragende Referenzquelle mit enzyklopädischem Charakter, nicht zuletzt für Journalisten. Und genau das würde sich die Jury wünschen, dass Völlingers kleine Pionierarbeit einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird.

geschrieben von Haruka, am 21. September 2008 um 09.04 Uhr
geschrieben von SUBZERO, am 07. Oktober 2008 um 19.50 Uhr
geschrieben von SUBZERO, am 07. Oktober 2008 um 23.05 Uhr
geschrieben von sailorboy, am 09. Oktober 2008 um 12.12 Uhr
geschrieben von SUBZERO, am 13. Oktober 2008 um 22.32 Uhr
Ich sag nur beste Zellenkumpel in Arkham ? Gemeinsame Duschszenen in BATMAN ADVENTURE Comics ? Das ist sogar in Comics fuer das juengere Publikum drin und keiner findet was dabei.
Das nenne ich an vorderster Front kaempfen.
geschrieben von Steffen, am 14. Oktober 2008 um 12.57 Uhr
Dass (explizit )schwule Helden eigentlich keine Besonderheit mehr sein sollten, beweist das Comic-Programm des Bruno Gmünder Verlags: Dort erscheinen schon seit Jahren klassische Comics mit schwulen Charakteren genauso wie sog. Graphic Art: brunogmuender.com und dann weiter unter Comic & Kunst.
geschrieben von Andi V., am 22. Oktober 2008 um 09.21 Uhr















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Schwul oder Lesbische Helden ? Was soll daran so außergewöhnlich sein. Wer einigermaßen nachdenkt, kommt von alleine darauf das es normal sein sollte. Also ich meine nicht das alle Comikhelden schwul sein sollten, sondern das es auch diese Akzeptanz wie im wahren Leben geben sollte. Da sollte man etwas sensibler werden.
Gruß Axel