| Glamourpuss & Judenhass (US) |
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| Geschrieben von Daniel Wüllner | |||||
| Montag, 25. August 2008 | |||||
Seite 1 von 2 Dieser Text steht auch auf Englisch zur Verfügung. Please click here for the English version. Wir schreiben das Jahr 2008; etwas hat sich geändert in der Welt der Comics, so wie wir sie kennen. Während zunächst nur ein Gerücht mit dem Titel „Secret Project 1“ existierte, eröffnete zu Beginn des Jahres Dave Sims Homepage zu seinem gleichnamigen Comicprojekt, Glamourpuss. Bei einem Besuch der Internetseite wird der Leser von einer Flut von verschiedenen Rosatönen förmlich überwältigt; so gibt man ihm unweigerlich zu verstehen, dass man sich nicht länger in Estarcion, der Heimatwelt von Sims ehemaligem Protagonisten Cerebus, befindet, sondern in einer Welt, die ungleich seltsamer erscheint: Die Welt der Haute Couture. Gutgekleidete Frauen in schwarz-weißen Konturen klären den Leser darüber auf, dass es sich bei Glamourpuss, um drei Publikationen in einem Heft handelt:
Nach allen Auseinandersetzungen mit seinen Lesern, die man über die Jahre in Cerebus miterleben durfte, kann man Sim aber den Inhalt von Glamourpuss nicht unbedingt vorwerfen; man kennt seine fixen Ideen und hat sich dennoch für seinen Comic entschieden. Außerdem hat Sim nie einen Hehl daraus gemacht, dass er in diesem Projekt nur das machen wollte wozu er Lust hat: „When people ask me if I have anything planned after Cerebus this is about all that comes to mind: cute teenaged girls in my best Al Williamson photo-realism style.” So oberflächlich dieses Projekt wirken mag, so minutiös setzt der Kanadier es in Glamourpuss um. Auf jeder neuen Seite sind verschiedenste Models zu sehen, die alle Glamourpuss sein sollen und sich in sinnentleerter Manier mit sich selbst über das neue Gucci-Kostüm unterhalten. Sim, der Glamourpuss als privates Megaphon einsetzt, unterbricht dieses Muster immer wieder, um seinen Lesern Einblicke in die Werke von Comicgrößen wie Al Williamson oder Alex Raymond zu verschaffen. Während die Frauen in bemerkenswert photorealistischer Art und Weise porträtiert werden, sinniert Sim/Glamourpuss über die eigenen Zeichnungen zwei Seiten zuvor und seziert dabei schonungslos seine eigene Reproduktion. Immer wenn Sim bemerkt, dass sein Comic zu analytisch oder zu unterhaltsam werden könnte, unterbricht er die „Narration“ durch eine sinnlose Werbung für Glamourpuss’ neues Hundefutter, ein Rezept für Küchlein oder auch durch die Vorschau auf die Zombieausgabe von Glamourpuss #4. Sim sind mit diesem Comic gleich zwei Dinge auf einmal gelungen: Zunächst hat er einen Metacomic geschaffen, dessen photo-realistische Essenz zum Greifen nah erscheint, nur um sofort wieder vor den Augen zu verschwimmen; dennoch kreiert Sim eine Hommage an die comic-strip-Künstler der 1940er und 50er und lässt den Leser teilhaben, wenn dieser sich darauf einlässt. Zum anderen hat er eben durch diesen Comic die perfekte Grundlage geschaffen, vor der sein zweiter Comic Judenhass erst Sinn zu macht.
Im Vorwort beschreibt Sim, genau wie zuvor in Glamourpuss, seine Intention für dieses Comic: “an accessible, intelligent, easy-to-follow, affordable and (I hope) compelling comic-book story that would appeal to a wide spectrum of comic-book readers and ‘not-yet’ comic book readers.” Obwohl Judenhass bei genauerer Betrachtung all diese Ansprüche erfüllt, lässt der Comic den Leser dennoch verstört zurück. Bereits vor Sim haben viele Künstler solche Anforderungen an ihr Werk gestellt, doch wenige von ihnen haben dafür ein ähnliches Thema gewählt, mit Ausnahme von Art Spiegelman in Maus. All das Lob, das Spiegelman für seine stereotypenhafte Darstellung der beteiligten Figuren bekam, dreht sich im Falle von Sim und Judenhass scheinbar in das Entgegengesetzte um.
Wie auch in den wilden Auseinandersetzungen mit seiner Cerebus-Leserschaft immer wieder deutlich wurde, handelt es sich bei Dave Sim um einen Menschen, der solche festgefahrenen Gebote einfach hinterfragen muss. In Judenhass nimmt er also frontal Kurs auf Adornos Diktum. Mittels der bereits oben erläuterten Technik, die er bei Glamourpuss verwendet hat, durchforstet Sim die Bildarchive und stößt dabei auch auf Texte, die er in seine Narration einfügt. Das Resultat dieser dreijährigen Arbeit ist ein Comic, der den Leser durch Wiederholungen und close ups genau zu den Bildern führt, die dieser nicht sehen möchte, ihn mit Zitaten von Persönlichkeiten konfrontiert, die er nicht hören möchte. Als Ergänzung zu den verstörenden Bildern benutzt Sim ausgewählte Zitate von bekannten Persönlichkeiten wie z.B. Martin Luther und Winston Churchill, die der Künstler in eine Reihe mit den Parolen von Adolf Hitler stellt. Obwohl diese (mit wenigen Ausnahmen) judenfeindlichen Texte aus dem Mund von Personen kommen, denen man diese Worte und Einschätzungen nicht zugetraut hätte, verblassen die Zitate hinter Sims eindrucksvollen Bildmontagen. Wie bereits bei Glamourpuss steht auch bei Judenhass die künstlerische Seite des „Secret Project #2“ im Vordergrund von Sims Interesse. Die bewusste Auswahl von Bildern, die mosaikartigen Montage-Tricks, die die Bilder in Szene setzen, und die akribische Reproduktionsarbeit, die Sim in dem Comic leistet, befreien ihn von dem Vorwurf, die Bilder des Holocaust zu missbrauchen. Ebenso wie Glamourpuss steht Judenhass eben nicht für das politische Engagement eines Mannes, der immer noch keinen Internetzugang zu Hause hat, sondern für das Gesamtkunstwerk eines Comicschaffenden, dessen künstlerische Klasse nur allzu oft mit seiner persönlichen Meinung verwechselt wird.
Judenhass
Bildquelle: judenhass.com, glamourpusscomic.com
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