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Glamourpuss & Judenhass (US) Drucken E-Mail
Geschrieben von Daniel Wüllner   
Montag, 25. August 2008
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Glamourpuss & Judenhass (US)
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Dieser Text steht auch auf Englisch zur Verfügung.
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Cover Glamourpuss #1Nach einer fast vierjährigen Absenz hat der Herr der Erdferkel, Dave Sim, dieses Jahr gleich zwei neue Comics auf den Markt gebracht, Glamourpuss und Judenhass, die wie sein Comic-Epos Cerebus nur als Teil des Gesamtkunstwerks „Sim“ zu lesen sind. Zwei Comichefte, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Da ist zum ersten die fortlaufende Serie Glamourpuss, eine „high fashion comic book“-Parodie, und zum anderen der Comic Judenhass, in dem Sim aus ausgewählten Zitaten und fotorealistischen Reproduktionen eine Geschichte der Ressentiments gegen Juden und deren Vernichtung im Holocaust beschreibt. Erst wenn man beide Comics Seite an Seite stellt und deren Gemeinsamkeiten aus der Nähe betrachtet, wird deutlich, dass Sim nicht einfach nur zwei Comics gezeichnet hat, sondern nach Cerebus das Gesamtkunstwerk „Sim“ durch zwei neue Titel erweitert hat.

Wir schreiben das Jahr 2008; etwas hat sich geändert in der Welt der Comics, so wie wir sie kennen. Während zunächst nur ein Gerücht mit dem Titel „Secret Project 1“ existierte, eröffnete zu Beginn des Jahres Dave Sims Homepage zu seinem gleichnamigen Comicprojekt, Glamourpuss. Bei einem Besuch der Internetseite wird der Leser von einer Flut von verschiedenen Rosatönen förmlich überwältigt; so gibt man ihm unweigerlich zu verstehen, dass man sich nicht länger in Estarcion, der Heimatwelt von Sims ehemaligem Protagonisten Cerebus, befindet, sondern in einer Welt, die ungleich seltsamer erscheint: Die Welt der Haute Couture. Gutgekleidete Frauen in schwarz-weißen Konturen klären den Leser darüber auf, dass es sich bei Glamourpuss, um drei Publikationen in einem Heft handelt:

  1. „It’s the haute couture magazine parody that is so ‘six month ago’”

  2. “It’s an homage to classical photorealism black & white ‘beyond noir’ comic strips of the 1940s and 50s“

  3. “It’s the strangest Super-Heroine comic book of all time!”

DAVE SIM ist ein Name, der in Deutschland nur eingefleischten US-Comicfans ein Begriff sein dürfte, da sein 6000 Seiten starkes Werk Cerebus bisher nur auf Englisch erhältlich ist. Der kanadische Comickünstler veröffentlichte von 1977 bis 2003 auf monatlicher Basis seinen Independentcomic Cerebus in seinem eigenen Verlag Aardvark Vanaheim Press.

Während er in den frühen Jahren von Cerebus mit Lob für seine Arbeit als unabhängiger Comicverleger und Künstler überhäuft wurde, veränderte sich die Beziehung zu seinem Publikum im Laufe der Jahre: Sim nutzte seinen Comic immer wieder als Sprachrohr für seine ganz persönliche Weltsicht. Dieser Streit zwischen Lesern und Autor entbrannte, als Sim in Cerebus die Aufsatzreihe „Tangents“ veröffentlichte, in der er seine negative Haltung gegenüber dem Feminismus kund tat.

Dave Sim

Die Kritik an seinen Ansichten mischte sich mit der Kritik an seinem Comic und kulminierte in einer angedrohten Schlägerei zwischen Sim und Jeff Smith, ehemaligen Freunden. Obwohl die Betrachtung von Dave Sims Werk immer wieder überschattet wird durch seine persönlichen Ansichten (er konvertierte letztes Jahr zum Islam), zählt er zu den wichtigsten kanadischen Comickünstlern und wird als Wegbereiter der Independent-Szene angesehen.

Vorschaubild aus Glamourpuss #2 Das Druckerzeugnis Glamourpuss wird dieser kühnen Selbstdarstellung durch seine ersten beiden bisher erschienen Ausgaben sehr wohl gerecht, ist aber dennoch kein Comic, den man gerne oder gar freiwillig lesen würde. In den Heften posieren Damen mit Modelmaßen in Designerkleidung und lassen ganz beiläufig Sims Statements fallen. Wie bereits in Cerebus nehmen die Figuren in Sims Comic die unangenehme Eigenschaft an, die Meinung des Autors in der dritten Person zu vertreten: „Glamourpuss can’t tell you how sorry Glamourpuss is.“

Nach allen Auseinandersetzungen mit seinen Lesern, die man über die Jahre in Cerebus miterleben durfte, kann man Sim aber den Inhalt von Glamourpuss nicht unbedingt vorwerfen; man kennt seine fixen Ideen und hat sich dennoch für seinen Comic entschieden. Außerdem hat Sim nie einen Hehl daraus gemacht, dass er in diesem Projekt nur das machen wollte wozu er Lust hat: „When people ask me if I have anything planned after Cerebus this is about all that comes to mind: cute teenaged girls in my best Al Williamson photo-realism style.” So oberflächlich dieses Projekt wirken mag, so minutiös setzt der Kanadier es in Glamourpuss um.

Auf jeder neuen Seite sind verschiedenste Models zu sehen, die alle Glamourpuss sein sollen und sich in sinnentleerter Manier mit sich selbst über das neue Gucci-Kostüm unterhalten. Sim, der Glamourpuss als privates Megaphon einsetzt, unterbricht dieses Muster immer wieder, um seinen Lesern Einblicke in die Werke von Comicgrößen wie Al Williamson oder Alex Raymond zu verschaffen. Während die Frauen in bemerkenswert photorealistischer Art und Weise porträtiert werden, sinniert Sim/Glamourpuss über die eigenen Zeichnungen zwei Seiten zuvor und seziert dabei schonungslos seine eigene Reproduktion. Immer wenn Sim bemerkt, dass sein Comic zu analytisch oder zu unterhaltsam werden könnte, unterbricht er die „Narration“ durch eine sinnlose Werbung für Glamourpuss’ neues Hundefutter, ein Rezept für Küchlein oder auch durch die Vorschau auf die Zombieausgabe von Glamourpuss #4.

Sim sind mit diesem Comic gleich zwei Dinge auf einmal gelungen: Zunächst hat er einen Metacomic geschaffen, dessen photo-realistische Essenz zum Greifen nah erscheint, nur um sofort wieder vor den Augen zu verschwimmen; dennoch kreiert Sim eine Hommage an die comic-strip-Künstler der 1940er und 50er und lässt den Leser teilhaben, wenn dieser sich darauf einlässt. Zum anderen hat er eben durch diesen Comic die perfekte Grundlage geschaffen, vor der sein zweiter Comic Judenhass erst Sinn zu macht.

 

Cover Judenhass Am 26. Februar 2008 konnte eine weitere Online-Präsenz bestaunt werden: Die Homepage zu Judenhass. Anstelle einer lustigen Parodie aus dem Hause Sim wird der Besucher dieser Seite mit Holocaust-Bildern konfrontiert, deren Anblick jedes Lachen verstummen lässt. Die Seite startet mit einem kleinen Flash-Film, der mit Gewehrschüssen und dem Geräusch eines brennenden Feuers unterlegt ist. Im Bild sind abwechselnd das Cover des Comics, Beispielbilder aus selbigem und Kommentare bekannter Kollegen vom Fach, wie z.B. Neil Gaiman oder Joe Kubert, zu sehen. Für den Comic hat sich Sim eine Technik zurechtgelegt, die den Leser des Comics ganz langsam in eine Welt ziehen, die nur sehr schwer zu ertragen ist.

Im Vorwort beschreibt Sim, genau wie zuvor in Glamourpuss, seine Intention für dieses Comic: “an accessible, intelligent, easy-to-follow, affordable and (I hope) compelling comic-book story that would appeal to a wide spectrum of comic-book readers and ‘not-yet’ comic book readers.” Obwohl Judenhass bei genauerer Betrachtung all diese Ansprüche erfüllt, lässt der Comic den Leser dennoch verstört zurück. Bereits vor Sim haben viele Künstler solche Anforderungen an ihr Werk gestellt, doch wenige von ihnen haben dafür ein ähnliches Thema gewählt, mit Ausnahme von Art Spiegelman in Maus. All das Lob, das Spiegelman für seine stereotypenhafte Darstellung der beteiligten Figuren bekam, dreht sich im Falle von Sim und Judenhass scheinbar in das Entgegengesetzte um.

Seite aus JudenhassDurch seine detailgetreue Darstellung der Judenvernichtung im Dritten Reich scheint Sim die Grenze des guten Geschmacks zu übertreten, eine Grenze, die nach Adorno nicht übertreten werden darf: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch." Man könnte annehmen, dass es ebenso barbarisch sei, die Erinnerungen an eine Zeit, die man lieber vergessen möchte, photorealistisch darzustellen, da eine realistische Darstellung dieser Grausamkeiten, die über die Vorstellungskraft hinausgeht, nicht möglich sei.

Wie auch in den wilden Auseinandersetzungen mit seiner Cerebus-Leserschaft immer wieder deutlich wurde, handelt es sich bei Dave Sim um einen Menschen, der solche festgefahrenen Gebote einfach hinterfragen muss. In Judenhass nimmt er also frontal Kurs auf Adornos Diktum. Mittels der bereits oben erläuterten Technik, die er bei Glamourpuss verwendet hat, durchforstet Sim die Bildarchive und stößt dabei auch auf Texte, die er in seine Narration einfügt. Das Resultat dieser dreijährigen Arbeit ist ein Comic, der den Leser durch Wiederholungen und close ups genau zu den Bildern führt, die dieser nicht sehen möchte, ihn mit Zitaten von Persönlichkeiten konfrontiert, die er nicht hören möchte. Als Ergänzung zu den verstörenden Bildern benutzt Sim ausgewählte Zitate von bekannten Persönlichkeiten wie z.B. Martin Luther und Winston Churchill, die der Künstler in eine Reihe mit den Parolen von Adolf Hitler stellt. Obwohl diese (mit wenigen Ausnahmen) judenfeindlichen Texte aus dem Mund von Personen kommen, denen man diese Worte und Einschätzungen nicht zugetraut hätte, verblassen die Zitate hinter Sims eindrucksvollen Bildmontagen.

Wie bereits bei Glamourpuss steht auch bei Judenhass die künstlerische Seite des „Secret Project #2“ im Vordergrund von Sims Interesse. Die bewusste Auswahl von Bildern, die mosaikartigen Montage-Tricks, die die Bilder in Szene setzen, und die akribische Reproduktionsarbeit, die Sim in dem Comic leistet, befreien ihn von dem Vorwurf, die Bilder des Holocaust zu missbrauchen. Ebenso wie Glamourpuss steht Judenhass eben nicht für das politische Engagement eines Mannes, der immer noch keinen Internetzugang zu Hause hat, sondern für das Gesamtkunstwerk eines Comicschaffenden, dessen künstlerische Klasse nur allzu oft mit seiner persönlichen Meinung verwechselt wird.


Glamourpuss #1 und #2
Aardvark Vanaheim, April und Juli 2008
Text und Zeichnungen: Dave Sim
Heft; 24 Seiten; schwarz-weiß; 3,00 US-$

Judenhass
Aardvark Vanaheim, Mai 2008
Text und Zeichnungen: Dave Sim
Prestige-Format; 56 Seiten; schwarz-weiß; 4,00 US-$

Zwei unlesbare Comics   Zwei Meta-Comics, die es zu durchdringen gilt

Bildquelle: judenhass.com, glamourpusscomic.com

 

 



 
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