|
Ed Brubaker ist momentan sicher einer der omipräsentesten
Comicautoren auf dem deutschen Markt. Brubaker, der gerade zum zweiten Mal in
Folge den Eisner-Award als bester Autor erhielt, ist sowohl bei klassischen
Marvel-Helden wie Captain America, Daredevil oder den X-Men (auf Deutsch alle bei Panini), aber
auch für die creator-owned-Serie Criminal zuständig, deren erster Band
ebenfalls auf Deutsch bei Panini vorliegt. Der gerade erschienene One-Shot Point
Blank, der quasi ein Prolog zur Reihe Sleeper (deutsch ebenfalls bei Cross Cult) darstellt, zeigt Brubakers
Einstieg ins Wildstorm-Universum von DC.
Es handelt sich dabei um eine Verknüpfung des bestehendes
Superheldenkosmos mit einer
eigenständigen, realen Thrillerstory. Ein Kunstgriff, der Brubaker schon seit
einigen Jahren gelingt, und den er, außer bei den bereits benannten
Marvel-Serien, auch bei der überaus interessanten, Batman-affinen Reihe Gotham
Central benutzt. Ihm gelingt es, das Prinzip der Superwesen dezent zu halten und
Realismus in den Vordergrund zu setzen. Finsterer Noir-Stil und viel Crime sind
Mittel, die dabei zum Einsatz kommen und eine klare Handschrift in seinen
Werken erkennen lässt.
Hauptakteur von Point Blank ist Cole Cash, ein ehemaliger
Soldat einer Spezialeinheit und als Mitglied der Wildc.a.t.s. lange Jahre eine
Art Superheld. Vor einem verabredeten Treffen mit seinem alten Kumpel John
Lynch (u.a. bekannt aus Gen13) wird auf diesen ein Anschlag verübt. Cash
bemüht fortan seine Kontakte und begibt sich auf die Suche nach dem Attentäter
und den Drahtziehern einer weiterführenden Verschwörung.
Cole Cash ist ein Mann, der geistig momentan nicht ganz auf
der Höhe ist, dessen actionreiche Zeit als Held längst hinter ihm liegt und der
durch Loyalität und Kameradschaft in Machenschaften gezogen wird, die seine
Fähigkeiten übersteigen. Trotzdem kämpft er sich allein zum obersten Boss einer
Verbrecherorganisation vor, nur um herauszufinden, dass er und Lynch von Beginn
an nur Marionetten waren.
Brubaker legt mit Point Blank keine herausragende Geschichte
vor, vielmehr wird hier alles für die darauffolgende vierteilige Serie Sleeper vorbereitet (deren Handlung man aber auch ohne Point Blank folgen kann).
So liest sich dieser Band zwar flüssig und erfreut den Leser neben einer
soliden Thrillerhandlung mit einigen Gastauftritten, z.B. von Jack Hawksmoor,
Midnighter, Savant und Tao. So wird an einigen Stellen sehr deutlich, dass die
Story im Wildstorm-Universum verankert ist, sie verliert dadurch aber auch an
Eigenständigkeit. Denn gerade die für sich stehende Soloaufklärungsmission des
Cole Cash hätte man auch mit jeder anderen Figur schreiben können und
gute Genre-Unterhaltung zum Ergebnis gehabt.
So ist Point Blank gut, aber nicht so überragend, wie man es
von einigen anderen Werken des Autors gewohnt ist. Vielmehr wird es dem Leser
durch die vielen bekannten Gesichter verleidet, den Comic ohne Kenntnisse der
Kontinuität zu genießen. Vorwissen aus der Wildstorm-Welt ist zwar nicht nötig,
ein Mangel an diesem lässt die Auftritte etablierter Figuren aber
schließlich etwas verpuffen.
Zu Gute halten muss man diesem Band die in sich
abgeschlossene, aber trotzdem am Ende offen gestaltete Handlung, die ihn klar
als Prolog definiert, sowie die passenden Zeichnungen von Colin Wilson, der mit
seinem gediegenen, reduzierten Zeichenstil viel Anteil an einer
allgegenwärtigen Atmosphäre aus Schmutz und Gewalt besitzt. Richtig toll ist
der redaktionelle Anhang, in dem die Historie des Wildstorm-Labels nochmal
zusammengefasst wird, was man, wie gesagt, zum Verständnis von Point Blank zwar nicht benötigt, über das man sich aber als Hinführung zum Comic trotzdem freut.
Außerdem das eindeutige Highlight: Der Abdruck der brillanten US-Originalcover
von niemand geringerem als Simon Bisley.
Übrigens: Wer sich für Ed Brubaker interessiert, den könnte das ausführliche Interview mit ihm in unserem 2. Printmagazin, geführt von unserem US-Comic-Fachmann Marc-Oliver Frisch, gefallen.
Point Blank
Cross Cult, März 2008
Text: Ed Brubaker
Zeichnungen: Colin Wilson
A5, Hardcover, vierfarbig, 144 Seiten; 19,80 Euro
ISBN: 978-3-936480-70-2
Abbildungen Point Blank © Cross Cult, Ed Brubaker, Colin Wilson
| Ähnliche Artikel: |
|---|
|
Sin City 2: Eine Braut, für die man mordet
Frank Miller gilt als Garant für knallharte Action. Daredevil bricht dem Kingpin die Nase, Batman prügelt den Joker durch ein Schaufenster - immer geht es handfest zur Sache. Die Werke aus der Feder des amerikanischen Autoren und Zeichners haben inzwischen Comic-Geschichte geschrieben. Nicht wegen ihrer Brutalität, sondern wegen ihrer Kohärenz und Tiefe. Jetzt legt Cross Cult nach und präsentiert Frank Millers Klassiker Sin City neu, in einer Luxus-Edition.
|
Sin City 6
Der vorletzte Band der Sin-City-Reihe ist vor kurzem erschienen. Diesmal mit elf Kurzgeschichten, unter anderem der Balkonszene aus dem ersten Film, und einem Wiedersehen so mancher alter Bekannter wie Marv (!) oder Dwight.
Und gerade auf wenigen Seiten offenbart sich Millers Erzählkunst.
|
DC Premium 56: Green Arrow & Black Canary
Oliver Queen und Dinah Lance, der grün gewandete Bogenschütze mit der
linksliberalen Attitüde und die Netzstrumpf tragende Nahkampfexpertin
mit dem Sonarschrei, gehören zu den langlebigsten Paarungen im
Superheldengenre. Aber wir reden hier
nicht von einer braven Bindung a la Reed und Susan Richards. Black
Canary und Green Arrow sind eher Liz Taylor und Richard Burton des
Superheldengenres mit ihrer ziemlich wilden, unstetigen Beziehungskiste
inklusive Affären,
Tod und Wiedererweckung eines Partners und wiederholter Trennung. Ob
die Ehe da die beste Idee ist, bezweifelt dementsprechend nicht nur der
Leser, sondern auch Black Canary selbst, nachdem sie von ihrem
zielsicheren Verehrer mit einem Heiratsantrag überrascht wurde.
|
WildC.A.T.S 2: Bandenkrieg
Wer Comics liest, kennt Alan Moore. Der Großmeister mit dem Vollbart und dem lilafarbenen Zylinder verfasste Meilensteine der Comic-Literatur wie z. B. From Hell, Watchmen oder Lost Girls. Zwischendurch hat er auch im WildStorm-Universum mitgemischt.
Bei Panini erschienen in diesem Jahr zwei Bände, die schon etwas älter
sind und auf das Konto der britischen Comic-Legende gehen.
|
Torpedo 1
Das kleine, aber feine Label Cross Cult nimmt die Wünsche des älteren Lesepublikums ins Visier. Die Verleger scheinen es sich auf die Fahne geschrieben zu haben, gleichsam gute Unterhaltung, anspruchsvolle Geschichten und tolles Artwork zu bringen.
Mit der Veröffentlichung des ersten Bandes von Torpedo - pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2006 - bleiben sie ihrer Linie treu. Dabei sind die Geschichten um den Mafiakiller Luca Torelli, genannt »Der Torpedo«, keine Neuheit mehr, sondern schon über fünfundzwanzig Jahre alt.
|
|