
„Geboren aus den Wikingersagen und der Musik von Richard Wagner“ verrät der Rücken dieses Albums und man kann sich
bestens vorstellen, wie der Zeichner Alex Alice in stürmischer Nacht in seinem
Atelier saß, die Stereoanlage mit Wagners musikalischer Vertonung des
Nibelungenstoffs voll aufgedreht hatte und sein Zeichenstift Leben in
die alten Sagen brachte. Die Bilder, die der französische Künstler
schuf, sind – ganz dem Stoff angemessen – episch und kraftvoll. Da
stöbern wild die Schneeflocken, wallt und wabert der Nebel und zucken
die Blitze, dass es eine Freude ist.
Handlungstechnisch ist der erste Band der
Siegfried-Comictrilogie
nah an den ersten Aufzug der gleichnamigen dritten Oper aus Richard Wagners
Ring der Nibelungen angelehnt, doch so wie schon der Komponist mit
verschiedenen Motiven aus der Edda und dem Nibelungenlied jonglierte
und teils sehr frei interpretierte, variierte auch Alice Elemente,
fügte eigene Ideen hinzu und machte sich den Stoff somit zu eigen. Im
Mittelpunkt steht das Heranwachsen des Waisenjungen Siegfried unter der
Ägide des grantigen Nibelungen-Schmieds Mime, der in Alices Version
aussieht, als sei er geradewegs aus Jim Hensons Kult-Puppenfilm „Der
Schwarze Kristall“ entsprungen. Mime hofft, den Jungen zum Drachentöter
heranziehen zu können, der den Lindwurm Fafnir erschlägt, aber
Siegfried erweist sich, wie zukünftige Helden das so tun, als recht
eigenwillig. Weitere dramatis personae sind der auf Ehrfurcht
gebietende Art gezeichnete Göttervater Odin, eine Horde Walküren und
ein paar mehr oder weniger freundliche Wölfe.

Die Epik des Stoffes kommt dabei am stärksten in der Rahmenhandlung zur
Geltung, in der eine der Walküren (ich vermute Brünhilde, die in der
Sage noch eine wichtige Rolle spielt), die Norne Völva aufsucht, um
mehr über Siegfried zu erfahren. Diesen Rahmen nutzt Alice, um dem
Leser eine Kurzfassung der bisherigen Geschichte des legendären Rings
aus Rheingold, der die absolute Macht verspricht, zu geben – unter
anderem mit einem wunderschönen doppelseitigen Panorama, in dem das
Schicksal des Golddiebs Fafnir beschrieben wird. Aber gerade bei
derartigen Szenen wird schmerzlich klar, wie viel vom ursprünglichen
Stoff Alice für seine Version eindampfte – beziehungsweise eindampfen
musste. Angesichts der Tatsache, dass die Geschichte parallel zu den
Siegfried-Comics
auch in einer aufwändigen Zeichentrickfassung umgesetzt wird, war das
wohl unumgänglich. Denn für einen Mainstreamfilm, der seine
Produktionskosten wieder einspielt, braucht es eine geradlinige, für
jeden nachvollziehbare Handlung, daher wohl auch die Konzentration auf
den Helden Siegfried. Schade nur, dass dabei viel faszinierendes
Sagengeflecht auf der Strecke bleibt. Hätte man dies nicht im
Hinterkopf, würde einen dieser für sich allein stehend äußerst
gelungene Comicband noch viel mehr begeistern. Aber das ist wohl die
Kehrseite, wenn sich ein Zeichner eines derart bekannten epischen
Stoffes annimmt.
Positiv gesehen könnte man aber auch sagen, dass Alex Alice es
geschafft hat, einen leichten, für jeden verständlichen Einstieg in die
Nibelungen-Sage zu schaffen, die zwar an manchen Stellen ein wenig an
der Disney-Grenze schrammt (Siegfried und die Wölfe...), aber
letztendlich auf Spur und im Großen und Ganzen den ursprünglichen
Motiven treu bleibt. Und eigentlich regiert die Form hier sowieso über
den Inhalt: Alice ist ein hervorragender visueller Erzähler, der an den
richtigen Stellen zu Recht auf Text verzichtet und auf die Kraft seiner
Bilder vertraut. Und die haben es in sich, sind mit ihren
archetypischen Motiven und durch gekonntes Spiel mit Licht und
Schatten und den Motiven Feuer und Eis oft kleine,
urwüchsig-atmosphärische Kunstwerke für sich. Gleichzeitig bleiben sie aber
durch Alices gefälligen Zeichenstil immer zugänglich und massenkompatibel.
Auch wenn der erste Siegfried-Band ein wenig wie 'Nibelungen-Light'
daherkommt, machen die Schauwerte und tolle Atmosphäre einiges wett und
schaffen Lust auf die Fortsetzung „Die Walküre“.
So gut wie garantiert ist, dass man in dieses Comicalbum wegen seiner optischen Reize mehr
als einmal reinschauen wird – vorzugsweise an einem stürmischen
Schlechtwettertag, begleitet von dröhnenden Wagner-Klängen aus der
Musikanlage.
Neben der 72-seitigen Normalausgabe ist für 39,80 Euro auch eine
Special Edition mit 80 Seiten Bonusmaterial, darunter Entwürfen für den
Siegfried-Film, und einer DVD mit dem
Filmtrailer erhältlich.
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