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26.05.2012 - 27.05.2012
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01.06.2012
(Vortrag/Diskussion)
Welt am Draht
Links, News, Kommentare und Einsichten aus der Comicgate-Redaktion. Diese Rubrik lief von März 2003 bis Oktober 2010 als separates Blog, dessen Archiv hier zu finden ist.
Eine entsprechende Tag-Wolke zu den Einträgen der Welt am Draht haben wir rechts eingebunden.
von Thomas Kögel Freitag, 04. März 2011
Der Fall hat eine etwas eigenartige, vom Tempo her eher gletscherhafte Dynamik. Chronologisch verhält es sich etwa so:
Januar 2009 Alpha ... Directions, der große Evolutions-Bilderbogen von Jens Harder, wird in Frankreich beim Verlag Actes Sud veröffentlicht.
März 2009 Das Hauptstadtblog veröffentlicht ein Interview mit Jens Harder zu seinem Buch.
Januar 2010 Auf dem Comicfestival in Angoulême bekommt Harder den "Prix de l'Audace" für Alpha ... Directions.
Mai/Juni 2010 Der Carlsen Verlag veröffentlicht Alpha auf Deutsch, fast gleichzeitig wird der Band in Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis als "Bester deutscher Comic" ausgezeichnet.
Juni 2010 Zwei Wochen später erscheint auf der Website des Würzburger Ladens "Hermkes Romanboutique" ein Beitrag, der darauf aufmerksam macht, dass etliche Panels in Alpha von Bildern des tschechischen Malers Zdenek Burian abgezeichnet wurden. Außerdem gibt dort es eine kleine Galerie mit Burians Originalen und deren Versionen bei Harder.
November 2010 Trickfilmzeichner Olaf Encke meldet sich mit harscher Kritik in den Kommentaren des Hauptstadtblog-Interviews zu Wort: Viele Motive in Alpha seien "durchgepaust und geklaut", Harder sei ein "Dieb geistigen Eigentums".
Januar 2011 An gleicher Stelle kommentiert Comiczeichner Ulf S. Graupner, spricht von "Plagiat" und "Bilderklau" und schreibt, "diese Sache stinkt so zum Himmel, daß darüber geredet werden muß".
Februar 2011 Im Kostenlos-Magazin Comics Info erscheint der Artikel "Wrong Direction?", der die Vorwürfe aufgreift. Ein Scan des Artikels ist im Blog des Berliner Comicladens Grober Unfug verfügbar, der eine "Materialsammlung" zum Thema zusammengestellt hat.
Ganz unabhängig davon, wie man das Thema urheberrechtlich bewertet, finde ich die Empörung, mit der die Kritik hier vorgetragen wird, sehr verwunderlich. Wer Alpha ... Directions nicht nur oberflächlich durchblättert, sondern gründlich liest, wird nämlich schnell merken, dass das (Bild-)Zitat ein ganz grundlegendes Merkmal des Werkes ist. Harder bedient sich keineswegs nur bei Zdenek Burian, sondern bei zahlreichen mehr oder weniger bekannten Kunstwerken, von Alten Meistern bis zu Zeitgenossen, von weltbekannten Museumsexponaten bis zu Underground-Comics. Es macht einen wesentlichen Teil der Faszination von Alpha aus, dass hier nicht nur Milliarden Jahre Erdgeschichte, sondern auch ein paar Tausend Jahre Kunstgeschichte verarbeitet wurden. Harder zitiert mittelalterliche Bibeln, Wissenschaftsgrafiken aus dem 19. Jahrhundert, John Tenniels Illustrationen aus Alice im Wunderland und vieles mehr. Auf der links abgebildeten Beispielseite (Quelle: carlsen.de) sieht man in der oberen Reihe den Dino aus Masashi Tanakas Manga Gon. Das Wiedererkennen bekannter Bilder bei der Lektüre ist ein wesentliches Grundmerkmal des Buches. Mit anderen Worten: Ohne die detailgetreue Wiedergabe bekannter Werke anderer Künstler wäre Alpha ein völlig anderes Buch geworden.
Jens Harder macht daraus auch keinen Hehl. Im Anhang werden unter dem Stichwort "Sources" die Namen der zitierten Künstler genannt (hier wäre allerdings ein genaueres Quellenverzeichnis anstelle einer bloßen Namensaufzählung angebracht gewesen). Im Nachwort geht er darauf ein, dass er sich für etliche Stellen bei Burian bedient hat. Von einer betrügerischen Absicht, die die Leser bewusst täuscht, kann also keine Rede sein. Harders Technik des Bild-Zitierens ähnelt eher der von Musikern, die Coverversionen bekannter Hits in ihrem eigenen Stil aufnehmen und diese in einen neuen Kontext stellen.
Rein juristisch ist es durchaus möglich, dass das ein oder andere Bild in Alpha tatsächlich das Urheberrecht berührt oder verletzen könnte. Wer aber Alpha auf bloßes Abkupfern einzelner Künstler reduziert oder wie Ulf S. Graupner vorschlägt, man hätte doch "mit etwas Phantasie die Tiere in andere Posen setzen können", hat die Intention des Werkes nicht verstanden und blendet aus, dass Zitieren und "Remixen" essentieller Bestandteil des Buches sind.
von Thomas Kögel Sonntag, 27. Februar 2011
Unsere Links der Woche, Ausgabe 8/2011:Zu anzüglich für deutsche Schüler
taz.de, Félice Gritti
In Polen hat eine staatlich subventionierte, deutsch-polnische Comic-Coproduktion für einen Skandal gesorgt. New Romantic/Chopin entstand auf Initiative der polnischen Botschaft in Berlin, enthält Beiträge von polnischen und deutschen Künstlern (Mawil, Jan-Frederik Bandel & Sascha Hommer, Andreas Michalke) und sollte, etwas verspätet, zum 200. Geburtstag des polnischen Komponisten Fréderic Chopin erscheinen. Einen Blick ins Buch findet man im Reprodukt-Blog. Der Comic wird aber nun nicht wie geplant an deutschen und polnischen Schulen verteilt werden: Polnische Politiker stießen sich an derben Kraftausdrücken. In einem der Comicbeiträge verschlägt es Chopin in ein Gefängnis, wo die Menschen unter anderem "Muschi" und "Schwulenholocaust" sagen. So geht's natürlich nicht, der Band soll nun eingestampft und die Schüler von derlei Unflat verschont werden. Weitere Artikel zum Thema bei der Berliner Zeitung und beim ORF.
Telepolis, Tom Appleton
Das Online-Magazin Telepolis beschäftigt sich in einem ausführlichen, erfrischend subjektiv geschriebenen Artikel mit Robert Crumbs Bibel-Adaption des Buchs Genesis und erklärt vorab auch nochmal den Background des Zeichners, der diesen Bibel-Comic erst so besonders macht.
Collective Memory: Dwayne McDuffie, RIP
The Comics Reporter, Tom Spurgeon
Einen Tag nach seinem 49. Geburtstag verstarb letzte Woche der amerikanische Comicautor Dwayne McDuffie, der u.a. für verschiedene Marvel- und DC-Reihen schrieb und zuletzt überwiegend im Animationsbereich, vor allem bei der Serie Justice League Unlimited, tätig war. McDuffie war einer der nicht allzu zahlreichen Schwarzen in der US-Comicindustrie und war 1991 Mitbegründer der Firma Milestone Media, deren erklärtes Ziel es war, Afro-Amerikaner stärker in der Comicwelt zu verankern. Der hier verlinkte Beitrag sammelt zahlreiche Links zu diversen Nachrufen und Rückblicken auf McDuffies Werk.
Nth Times the Charm: The Most Frequently Relaunched Comics
Newsarama, Albert Ching
Weil Marvel im Mai zum vierten Mal die Serie Alpha Flight neu startet, schaut Newsarama zurück und zählt jene Serien auf, denen am häufigsten ein Relaunch verpasst wurde. An der Spitze liegt der Punisher: "Number of launches? Nearly incalculable."
FF Family Tree
joe-stone.tumblr.com, Joe Stone
Nach dem X-Men-Stammbaum (siehe Links der Woche 3/2011) kümmert sich Grafikdesigner Joe Stone nun um die Fantastischen Vier.
An Illustrated Interview With Usagi Yojimbo
darkhorse.com, Stan Sakai
Das Blog des Verlags Dark Horse bringt einen kurzen, witzigen Comic von Stan Sakai, in dem er seine eigene Figur, den Samurai-Hasen Usagi Yojimbo, interviewt.
von Thomas Kögel Freitag, 18. Februar 2011
Unsere Links der Woche, Ausgabe 7/2011:
Interview mit Aisha Franz
Aviva Berlin, Anna Hohle
Das "E-Zine von Frauen für Frauen" interviewt Aisha Franz zu ihrer ersten langen Graphic Novel Alien und fragt unter anderem nach dem "Unterschied zwischen Comics weiblicher Autorinnen und denen männlicher Kollegen".
Der bikende Zeichner Martin Perscheid
Motorrad Classic
Martin Perscheid plaudert über sein liebstes Hobby: Der Cartoonist, dessen Vater ein Zweiradgeschäft führte, besitzt mehrere Motorräder.
Die Zehn! Schlimmsten Comicbeziehungen
Tofu Nerdpunk, El Tofu und Mr. Robotron
Zum Valentinstag listet das Blog Tofu Nerdpunk zehn verkorkste Beziehungen aus der Geschichte der Superheldencomics auf, von Superman und Lois Lane bis The Vision und Scarlet Witch.
Culture Club: Essex County's exile
National Post, Mark Medley
In der TV-Show "Canada Reads", in der die besten kanadischen Bücher des letzten Jahrzehnts gesucht werden, kam Jeff Lemire mit Essex County in die aus fünf Titeln bestehende Endauswahl, flog dort allerdings als erster wieder heraus. Die Jury kippte Essex County u.a. mit der schönen Begründung "zu wenige Wörter". Über dieses Thema diskutiert die kanadische Zeitung National Post mit Zeichner Darwyn Cooke, Blogger und Comichändler Chris Butcher und Kritiker Jeet Heer.
Think of the Children
comicsmakekidsevil.com, Christian Sager and E.C. Steiner
Die Comics Code Authority, das Selbstzensurgremium der US-Comicindustrie, das 1954 entstand, ist vor kurzem durch den Ausstieg von DC und Archie praktisch gestorben. Der 24-seitige Comic Think of the Children ist ein "satirischer Horror-Comic" über die Entstehung der CCA. Der Comic, der später auch gedruckt erscheinen soll, ist online komplett und kostenlos verfügbar.
5 Amazing Things Invented by Donald Duck (Seriously)
cracked.com, D. McCallum
Die mit vielen Bildzitaten versehene Übersicht über berühmte Filmszenen, Filmideen und Wissenschaftsphänomene, die direkt oder indirekt aus Duck-Comics von Carl Barks und Don Rosa stammen, endet mit der etwas steilen These: "Scrooge McDuck Created Manga".
von Thomas Kögel Samstag, 12. Februar 2011
Unsere Links der Woche, Ausgabe 6/2010:
tagesspiegel.de, Klaus Schikowski
Wie geht "modernes Erzählen mit Bildern"? Vor allem mit formalen Aspekten des Comics befasst sich der Artikel von Klaus Schikowski, genauer gesagt mit aktuellen Veröffentlichungen, die auf besondere Weise mit der Form umgehen und sie weiterentwickeln.
Comic-Bibliotheken in Deutschland
Gesellschaft für Comicforschung, Ralf Palandt
Das Blog der ComFor stellt in einer kleinen Artikelreihe das (sehr überschaubare) Angebot deutscher Comic-Bibliotheken vor.
Zettgeist #141 über Zwerchfell Comics 2011
Zettgeist, Sascha Thau, Stefan Dinter, Christopher Tauber
Im Zwerchfell-Podcast Zettgeist geht es längst nicht nur um den Zwerchfell-Verlag, in dieser Folge aber schon. Das Verlegerduo Dinter und Tauber plaudert über das, was der Verlag im kommenden Jahr vorhat. Direkt zum MP3 (57 Minuten) geht es hier.
Hellboy: The Whittier Legacy
USA Today, Mike Mignola
Nach längerer Pause ist Mike Mignola mal wieder als Autor und Zeichner bei Hellboy zugange. Die Kurzgeschichte "The Whittier Legacy", ein Tribut an H.P. Lovecraft, erscheint zuerst exklusiv auf der Website von USA Today.
Todd Klein Chooses Comics' Greatest Logos
Comic Book Resources, Todd Klein
Todd Klein, einer der besten Letterer sowie Cover- und Logodesigner der amerikanischen Comicbranche, der auch auf seinem Blog regelmäßig über Logos schreibt, erstellt eine Liste von zwölf klassischen Comic-Logos mit dem größten Wiedererkennungswert. Interessant ist dabei auch, wie sich die Logos, z.B. von Amazing Spider-Man, über die Jahrzehnte entwickelt haben.
Superman Classic
robbpratt.com, Robb Pratt
Ein Zeichentrickfilm, der ohne Abspann gerade mal eine Minute dauert, aber sehr sehenswert ist. Es handelt sich um einen Fanfilm, also ein unbezahltes Hobbyprojekt ohne Beteiligung von DC Comics, trotzdem ist das kein Amateurfilmchen, sondern das Werk eines Profis: Robb Pratt arbeitet im Animationsbereich von Disney, vor allem als Storyboard-Zeichner. Sein Superman Classic überzeugt vor allem durch seinen schönen Retro-Charme. Nach dem Abspann verliert Pratt noch ein paar Worte über die Entstehung seines Films:
von Frauke Dienstag, 08. Februar 2011
Beim gestrigen Superbowl-Event wurden jede Menge neuer Werbespots präsentiert, darunter zwei Teaservideos zu Comicverfilmungen: Thor und Captain America - The First Avenger. Thor startet in den USA am 06.05.2011 (Deutschland früher: 28.04.2011), Captain America am 22.07.2011 (Deutschland: 18.08.2011).
Während ich mir momentan unter Thor zumindest kurzweilige oberflächliche Unterhaltung ausmale (außerdem führt Kenneth Branagh Regie und der Darsteller ist recht ansprechend :), spricht mich beim glattgespülten Captain America gerade so gar nix an. Bin ich die Einzige, der es so geht?
Teaservideo zu Thor vom Superbowl 2011:
Teaservideo zu Captain America vom Superbowl 2011:
Und zum Schluss noch der bereits bekannte Trailer zu Thor:
von Thomas Kögel Freitag, 04. Februar 2011
Unsere Links der Woche, Ausgabe 5/2011:
"Onkel Dagobert war definitiv kein Spekulant"
Der Tagesspiegel, Moritz Honert, Lars von Törne
Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ist schon länger als Comicliebhaber bekannt. Jetzt gab er dem Tagesspiegel ein Interview, in dem es nur um dieses Thema geht. Dabei outet er sich nicht nur als großer Prinz Eisenherz-Fan, sondern auch als Kenner, der besonders die Werke von Hugo Pratt, Jacques Tardi, Enki Bilal und Enrique Breccia schätzt.
Berichte über Comicfestival Angoulême in der deutschsprachigen Presse
graphic-novel.info
Wäre Angoulême ein Filmfestival, hätten alle großen Zeitungen und Magazine ihre Korrespondenten hingeschickt und umfangreiche Berichterstattung betrieben. Beim Thema Comic beschränken sich die meisten auf kurze Notizen. Immerhin die Neue Zürcher Zeitung und die Website des Tagesspiegel bringen ausführlichere Berichte vom Festival. Alle kurzen und langen Beiträge sind im Überblick auf graphic-novel.info verlinkt.
Arte Journal in Angoulême
arte.tv
Wie bereits letzte Woche verlinkt, berichtete Arte im Fernsehen relativ umfangreich aus Angoulême. Alle gezeigten Beiträge sind nach wie vor auf der Arte-Website abrufbar. Den Beitrag über die Preisträger 2011 könnt ihr euch gleich hier ansehen:
Die Bilderbuch-Blase platzt
Die Welt, Gesche Wüpper
Anlässlich des Festivals berichtet Die Welt im Wirtschaftsteil über die Lage der französischen Comicbranche. Während die Titelzahl weiter anwächst, gehen die Verkäufe zurück. Der Artikel zitiert darin Gilles Ratier, den Chef des Comicjournalistenverbands ACDB, der von einer ungesunden Überproduktion spricht und ein zu schnelles Rotieren der Neuerscheinungen beklagt: "Bis auf die Blockbuster bleiben die Titel selten mehr als ein oder zwei Wochen im Angebot der Buchhandlungen. Das benachteiligt die kleinen Verleger."
Le palmarès des auteurs de bande dessinée
Le Figaro, Lena Lutaud
Die französische Tageszeitung Le Figaro bringt ein Ranking der erfolgreichsten Comickünstler 2010 auf dem französischen Markt. Dabei werden die Verkaufszahlen aller Alben eines Autors oder Zeichners zusammengefasst. Spitzenreiter ist Christophe Arleston, der auf 1,5 Millionen verkaufte Alben kommt, wofür vor allem die Troy-Serien verantwortlich sind.
Bild Rewrites William And Kate Comic
Bleeding Cool, Rich Johnston
Kuriosum der Woche: Die Bild-Zeitung greift den demnächst in England erscheinenden Comic Kate & William - A Very Public Love Story auf und präsentiert ihn auf einer halben Seite, betätigt sich dabei aber sehr "kreativ": Einzelne Panels aus dem Comic wurden neu zusammenmontiert und mit Bild-eigenen, sensationell doofen Sprechblasentexten versehen. Autor Rich Johnston dokumentiert das Ergebnis auf seinem Blog.
The Webcomic List Awards 2010
thewebcomiclist.com, diverse Künstler
Die Community der großen Übersichtsseite The Webcomic List vergibt zum zweiten Mal die "Webcomic List Awards" in neun Kategorien. Die Preisverleihungs-Zeremonie wurde passend zum Thema als Webcomic gestaltet, an dem zahlreiche Webcomic-Macher mitgewirkt haben. Als "Bester Comic" wurde Red's Planet von Eddie Pittman ausgezeichnet.
von Frauke Sonntag, 30. Januar 2011
In der Blogger- und Twitterszene von US-Comickünstlern gibt es - getragen von Eric Powell (Video weiter unten), Steve Niles und Skottie Young (beide mit ambitionierten Blogeinträgen und Aktionen) - seit etwa zwei Wochen eine Art Bewegung, um auf "creator-owned comics" (Autorencomics) aufmerksam zu machen. "Creator owned" heißt, dass die Künstler die Rechte an ihren - selbst erschaffenen - Figuren und Geschichten haben. Der Gegensatz dazu sind Auftragsarbeiten, hauptsächlich für die DC- und Marvel-Superheldenserien ("work for hire", "company owned").
Dies mag uns, die wir genug Comics abseits der Superhelden im Comicladen finden, erstmal etwas seltsam erscheinen. Klarer wird das Ganze, wenn man sich die Verkaufszahlen und Hitlisten auf dem US-Comicmarkt anschaut; dabei ist zu beachten, dass es sich hier nur um die Zahlen des Diamond-Vertriebs, also des Comichandels, handelt; der Pressemarkt ist dabei nicht erfasst (jede Menge Zahlen und Daten außerdem bei comichron.com zu finden):
- Unter den 500 meistverkauften Comicheften aus dem Jahr 2010 befinden sich sieben (z. B. True Blood 1 von IDW auf Platz 299; Buffy, the Vampire Slayer 32 von Dark Horse Comics auf Platz 304), die nicht bei Marvel Comics oder DC Comics veröffentlicht wurden. Keiner davon ist creator owned. (Quelle, Auswertung durch Eric Powell)
- Von den 300 meistverkauften Comics des letzten Jahrzehnts handelten zwölf nicht von Superhelden; davon war einer creator owned.
- Marvel Comics und DC Comics haben einen gemeinsamen Marktanteil von 69 % (Umsatz) bzw. 77 % (Veröffentlichungen). Als nächstes folgt Dark Horse Comics mit gerade mal 5 % (Umsatz) bzw. 4 % (Veröffentlichungen). (Quelle)
Damit ist klar: Das US-Comicgeschäft wird beherrscht von zum größten Teil Jahrzehnte alten Figuren, den Superhelden, die immer wieder in neue Szenarien und Universen gesteckt werden, Tode erleiden und auferstehen, bei denen aber im Grunde immer wieder nur die altbekannte Grundstruktur aufgewärmt wird. Von frischem Blut kann im Großen und Ganzen keine Rede sein. Und weil die Superheldenverlage so einen großen Marktanteil aufweisen, haben US-Comichändler kaum andere Comics im Programm: Anders als bei uns ist es für sie ein größeres Risiko, sich unbekannte Comics in den Laden zu stellen, da sie sie meistens nicht remittieren, also an den Vertrieb/Verlag zurückgeben, können und somit gegebenenfalls auf der Ware sitzen bleiben. Dadurch wiederum weiß die Mehrzahl der Leser gar nicht von der Vielfalt, die es eigentlich auch auf dem US-Comicmarkt gibt. Die Künstler sind also auf Eigenwerbung und Mundpropaganda angewiesen - was sie momentan versuchen anzuschieben. (Als Alternative/Ergänzung wird der Direktverkauf von digitalen Comics diskutiert.) Zuerst muss aber überhaupt erst die Problematik bekannt gemacht werden. Man ist sich einig, dass sich jede Menge guter creator-owned comics auf dem Markt befänden - sie seien nur zu unbekannt. Auch gehe es nicht darum, Superheldencomics schlecht zu machen oder zu verdrängen, sondern einfach nur eine breitere Auswahl an Genres auf dem Markt zu etablieren. Auf die Frage, wer schlussendlich an der Misere schuld ist - die ignoranten Leser, die sich mit den Superheldencomics zufrieden geben, die vorsichtigen Comichändler, die zu leisen Künstler und kleinen Verlage oder alle zusammen -, hat man in der US-Comicszene aber keine übereinstimmende Antwort.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Marvel mit dem Unterlabel Icon Comics ausgewählten Künstlern eine Plattform für creator-owned comics bietet (dazu gehören zum Beispiel Mark Millar und John Romita, Jr. mit Kick-Ass, Matt Fraction, Gabriel Bá und Fábio Moon mit Casanova, Ed Brubaker und Sean Phillips mit Criminal und Incognito). Auch DC hat mit Vertigo (u.a.diverse Serien von Neil Gaiman wie The Sandman, Brian Azzarello und Eduardo Risso mit 100 Bullets, Bill Willingham mit Fables), bei dem seit 1993 auch Geschichten aus dem DC-Universum (wie The Swamp Thing) erschienen, seit letztem Jahr ein reines Label für Autorencomics (alle Protagonisten aus dem DC-Universum werden zukünftig unter dem Hauptlabel DC Comics veröffentlicht).
Um Euch einen Überblick über die Aussagen, Gedanken und Meinungen zu dieser Thematik zu geben, haben wir einige Tweets chronologisch zusammengestellt:
- Steve Niles (Autor von u. a. 30 Days of Night), 19.01.2011: "Support diversity in comics and buy a creator-owned comic today!" (Quelle)
- Eric Powell (Schöpfer von The Goon), 20.01.2011: "Comics can be anything we want them to be. To have one genre dominate the art form is just sad. Too much originality & talent out there." (Quelle)
- Eric Powell, 25.01.2011: "Think killing off a character to bring them back six issues later was a lame plot device last decade? Support original content in comics." (Quelle)
- Eric Powell stellt am 28.01.2011 klar: "my bitches ain't aimed toward the guys [Anm. d. Red.: creators] working at Marvel. I begrudge no one making a living. Just wish they could get paid as well doing their own content." (Quelle)
- Ron Marz (Autor von u. a. Green Lantern), 28.01.2011: "I don't think anybody wants old favorites to go away. We just want more room for new and different." (Quelle)
- Eric Powell, 28.01.2011: "Creator owned should be mainstream. JK Rowling would be waiting tables right now if she made Harry Potter a comic instead of a novel." (Quelle)
- Ed Brubaker (Autor von u. a. Criminal), 28.01.2011: "Everyone should go to the comic shop today and buy something new they've heard good things about. No one will regret this." (Quelle) und
"I would recommend books like Locke and Key, Casanova, The Killer, Chew, and lots I'm not thinking of (and my own books, obviously)." (Quelle)
- Skottie Young (Zeichner von u. a. Marvels The Wonderful Wizard of Oz), 28.01.2011: [Anm. d. Red: It would help] "If you were to write detailed blogs about said books and why you like them I and probably others would retweet. Exposing people" (Quelle)
- Steve Niles, 29.01.2011: "I was told today for the zillionth time that comics are going to die. Not if we make them ourselves." (Quelle) und
"People of Comics! We don't have to tear things down to build ourselves up. Support ALL comics. In the end, we all benefit." (Quelle)
- Ron Marz, 29.01.2011:"I would say it's everyone's responsibility -- publisher, creator, retailer, consumer -- since the relationships are reciprocal." (Quelle) und
"But seems like a LOT of people are talking about creator-owned books right now. Feels like a groundswell. We have to continue it." (Quelle) - Tim Seeley (Schöpfer von Hack/Slash), 29.01.2011: "Here's the reality. There's been some great manifestos about comics & diversity. But it begins and ends with readers, not creators." (Quelle) und
"No matter how smart and right @goonguy, @RobertKirkman are with their statements, word of mouth from fellow readers is best." (Quelle)
- The Comic Vault (Comicladen), 29.01.2011: "Creators need to be better publicists and retailers need to be better salesmen." (Quelle)
- Jill Thompson (Schöpferin von u. a. Scary Godmother), 29.01.2011: "I think we all love comix as a storytelling medium-it's just that creator owned stuff needs a push to be seen! Support great storytelling!" (Quelle)
- Becky Cloonan (Zeichnerin von u. a. Demo), 29.01.2011: "It's sad that there is no money in creator owned work. everyone does it out of love, but maybe that's why so much is great!" (Quelle)
Steve Niles widmete dem Thema einen Blogeintrag (22.01.2011): "What’s all this Creator-Owned Talk?"
"First off, this is in no way an anti-Marvel or anti-DC thing. [...] All I’m doing lately is attempting to call attention to creator-owned books. I think plain and simple, things are going to get even tougher out there and we have to find our place. Personally I believe there is severe lack of cooperation among creators. There’s a very dog-eat-dog mentality in comics sometimes and I think all we harm in the end is ourselves. My simplistic solution right now is to support as many of my fellow creators as possible. We just don’t have access to publicity budgets, so simple grassroots networking can help us all a great deal. [...] It’s not going to be easy. We have to figure out new ways to get material out to the public, learn new ways to reach and sell directly to fans. We’re going to have to be creative, supportive and very DIY sometimes, but I think it will be worth it. Things are changing. We can adapt or fade away. I think we can not only adapt but survive and thrive. [...]"
Dieser Artikel erhielt eine starke Resonanz; die Reaktionen sowie die Anregungen und Aktionen, die sich daraus ergeben, fasste Steve Niles gestern zusammen: "Creator-Owned Comics: Not Whining Yields Results"
"[...] I do not fault any creator or blog/site that doesn’t get behind all this DIY, grassroots talk, but man, some show of support would really help. There are some well-established creators who could really help rally the troops so to speak, certainly more than me. I hope they’ll come to the table at some point.
There were a couple hilarious comments. The most telling was and I’m paraphrasing here was, “Why would you want to help your competitors?!”
Yes, why would we? Well, for one, I don’t view Eric Powell as a competitor or Mike Mignola or Terry Moore. I don’t have to take from someone else to gain something. That’s a very twisted way of thinking in my book. We’re all fighting the same fight. Sure, we’re all going for a slice of the same pie, but believe me, there’s plenty for everybody, and if we work together we can actually make the pie bigger again, like it used to be.If there’s one thing I learned from my minor roll in the DC music scene was this; you CAN do it all yourself. [...]"
Auch Skottie Young, mit einem Exklusivvertrag an Marvel gebunden (er zeichnete für Marvel den prämierten The Wonderful Wizard of Oz , eine der wenigen Ausnahmen vom Superheldengenre), schrieb einen Blogeintrag zum Thema: Nur jammern bringe nichts, es müsse nach vorne geschaut werden. Deshalb ruft er die Leser dazu auf, in ihren Netzwerken konkret Comics zu nennen und zu beschreiben, die ihnen gefallen haben. Er selber kündigt an, jeden Montag einen seiner Favoriten auf seinem Blog vorzustellen (28.01.2011): "Spread the Word of the Comics You Love"
"[...] There seems to be an anger that superheroes dominate the comics landscape and that there is a wider variety out there to be read. That's a more than fair statement. But instead of doing a weekly soap box session telling me about this problem over and over, be pro active. [...] Tell me why I would love the main character, or how the plot will blow my mind, or or or. You get the point. Sell me. It's that easy. Blog about it, tweet about it. Spread the word of the actual books we love not just the general "problem" that you may see. [...] As comic creators, we're lucky to have our fans, and in the day of instant social networking we have their ears on stand-by. So I'll put out the call for everyone who has a blog or twitter account. Spread the word on the books you read and enjoy that may not get the attention you think they deserve. It's not about dissing the books that get attention, its about propping up the ones that need more. [...]"
Der bisherige Höhepunkt dieser Bewegung ist das sechsminütige Video von Eric Powell (" The Creator’s Front for Diversity in Comics! Viva la revolution!"), das gestern online ging; übrigens mit Robert Kirkman (als Autor von The Walking Dead ist er für den erfolgreichsten aktuellen Autorencomic verantwortlich) in einer Gastrolle als fieser Verlagsangestellter. Nicht gerade subtil anhand einer kleinen Geschichte und deutlich aggressiver als Niles zeigt Powell, was er vom Markt beherrschenden Superheldengenre hält ("Dass es in diesem Business vor Inzucht nur so wimmelt, ist noch freundlich formuliert"; "Wenn in der Musikszene ähnliche Zustände herrschten, dann würde es nur Discomusik geben und Jack White müsste ABBA covern, um seinen Lebensunterhalt verdienen zu können") und zählt die Fakten auf. Außerdem stellt er die Zukunft von gedruckten Comics an sich in Frage, da zwei Riesenunternehmen hinter Marvel (Disney) und DC (Warner Bros.) stünden, die vermutlich ihre Helden viel lieber auf Bettwäsche denn in Druckerzeugnissen sehen würden:
Es gibt seiner Meinung nach also nicht nur eine Lösung, wie man dieser thematischen Armut des US-Comicmarktes begegnen kann. Er twittert: "There's a reason at the end of the video it says, Buy, Stock, Sell, Read, Create, Collect, Publish. C'mon, people. There's not one fix." (Quelle)
Schlussendlich noch weiterführende Links:
Eine Facebook-Fanseite "creator-owned comics" wurde ins Leben gerufen, die zum gleichnamigen Blog gehört, auf dem ab nun regelmäßig über interessante Eigenschöpfungen informiert werden soll (entstanden aus diesem Blog).
Ergänzung am 31.01.2011: Informationen zu Icon Comics und Vertigo
Ergänzung am 01.02.2011: Klarstellung Diamond-Zahlen
von Thomas Kögel Freitag, 28. Januar 2011
Unsere Links der Woche, Ausgabe 4/2011:
Arte Journal in Angoulême
arte.tv
Seit gestern läuft wieder das "Festival international de la bande dessinée" in Angoulême, Europas größtes und wichtigstes Comicfestival. Unter der Präsidentschaft des letztjährigen Grand-Prix-Gewinners Baru gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Ausstellungen usw. Der deutsch-französische Kulturkanal Arte berichtet recht umfangreich vom Festival, spricht mit Künstlern und stellt die in der "Sélection Officielle" nominierten Comics vor. Die Videobeiträge sind auf der Arte-Homepage abrufbar.
Editorial ZACK 2/2011
Comicforum, Georg F.W. Tempel
Im Editorial der aktuellen ZACK-Ausgabe sinniert Chefredakteur Georg Tempel über "ein gemeinsames Comic-Einkaufsportal" der Verlage anstellle der vielen einzelnen kleinen Online-Shops, die die meisten Comicverlage unterhalten. "Warum Amazon oder anderen Onlinehändlern die großen Margen überlassen?" Dass so ein Vorschlag von den Comichändlern (von denen einige ja ebenfalls Webshops betreieben) nicht gerade begrüßt wird, ist nicht überraschend. Trotzdem ist die Forendiskussion zum Thema relativ friedlich und zahm.
PG Tips - The Best Of 2010: An International Perspective
paulgravett.com
Der britische Comickritiker Paul Gravett lud eine Handvoll Gastautoren ein, die aus ihrer Sicht besten Comics des letzten Jahres aus ihrer Heimat vorzustellen. Neben "Best ofs" aus Dänemark, Italien, Russland, Spanien und Schweden stellt Sebastian Broskwa seine Favoriten aus Österreich vor, und Christian Gasser beleuchtet vier deutsche Highlights des letzten Jahres.
Hello, Spring: Spring 2011 Adult Announcements
Publisher's Weekly, (insbesondere Heidi MacDonald)
Nach Rückblick bei Paul Gravett nun der Blick nach vorn: Publisher's Weekly stellt für das Frühjahr 2011 geplante Buchveröffentlichungen in 19 Kategorien vor, wobei sich je ein Fachredakteur einer Kategorie annimmt, diese in einem Kurzessay vorstellt und dann die seiner Meinung zehn interessantesten Neuerscheinungen auflistet. Für den Bereich Comics ist dies Heidi MacDonald von The Beat. Dabei sind unter anderem Daytripper (Fábio Moon und Gabriel Bá), Mister Wonderful: A Love Story (Daniel Clowes) und Finder: Voice (Carla Speed McNeil).
EXCLUSIVE: Former Wizard Employee Speaks
iFanboy, Ron Richards
Das US-Magazin Wizard, das seit Anfang der Neunziger Jahre monatlich über Comics berichtet (mit deutlichem Schwerpunkt auf den Superhelden-Mainstream und einem insgesamt eher pubertären und marktschreierischen Stil) wird eingestellt. Gründer und Chef Gareb Shamus erklärte in einer Pressemeldung, dass seine Firma WizardWorld, die auch zahlreiche Messen veranstaltet, künftig ein Onlineangebot produzieren werde. Dass Wizard und das Schwestermagazin Toy Fare ab sofort nicht mehr erscheinen werden, steht nicht in der Pressemeldung, wurde aber später bestätigt. Wenn die Aussagen des anonymen Mitarbeiters im oben verlinkten Interview stimmen, muss man dem Wizard nicht nur inhaltlich keine Träne nachweinen, sondern auch in Sachen Strategie und Mitarbeiterführung.
Why Fantastic Four's [SPOILER] Had To Be the One to Die
Comics Alliance, David Uzumeri
Die Top-Story der Woche in den USA war mal wieder ein Superhelden-Tod: In der Marvel-Serie Fantastic Four läuft schon seit einigen Monaten die Storyline "Three", auf deren Höhepunkt nun ein Mitglied des Quartetts ins Gras beißen musste (übrigens nicht zum ersten Mal, in der Geschichte der Fantastischen Vier war jeder der Vier schon mindestens einmal mehr oder weniger tot). ACHTUNG! Wer nicht wissen will, um wen es sich handelt, sollte auf keinen Fall den obigen Link anklicken! Dort analysiert David Uzumeri die aktuelle Storyline von Jonathan Hickman und spekuliert auch bereits, wie man diesen Tod – so wie so ziemlich jeden Superheldentod – wieder rückgängig machen könnte.
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