Rezensionen

Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch

Comic Zur Lage der NationAn und für sich sind die Bayern ja oft ein Grund zur Freude, aber manchmal ärgert man sich auch über sie – letzte Woche in meiner neuen Stammkneipe in Idaho zum Beispiel. Bin ich den ganzen Weg hierher gekommen, um dann Anfang Oktober plötzlich mit lautstarker Blasmusik vom Fass beschallt und von Kellnern in Lederhosen belästigt zu werden, die mir zudem noch Bratwurst und Sauerkraut andrehen wollen? Doch eher nicht. Teil meines Marschgepäcks aus der Heimat war – pflichtbewusster Rezensent, der ich nun einmal bin – der neue Comic von Moritz Reischl, alias Mosbichler, und der ist leider auch so ein Fall.

In Zur Lage der Nation verballhornt Herr Reischl die Biografie des scheidenden US-Präsidenten, der, getreu dem Motto „Witzigkeit kennt keine Grenzen“, als Busch dargestellt wird. Wer sich jetzt die Äuglein reibt und sich ungläubig wundert, ob der auf den ersten Blick doch sehr platte Ansatz vielleicht bloss zum gewollt naiven Charme des Albums gehört, dem sei gesagt: Nein, der meint’s ernst, das Teil ist wirklich so schlecht. Auf sage und schreibe 48 Seiten, die sich grob am Leben des Republikaners von der Geburt bis zum Ende seiner Amtszeit orientieren, werden die Sache mit dem Busch und allerhand ähnlich geistreiche Kalauer totgetreten. Und dabei schafft es der Autor sogar, in dem ohnehin knöcheltief angelegten Niveau seines Unfugs noch schnorcheln zu gehen. Von der Tatsache, dass selbst gelungene Bush-Verunglimpfungen im Jahre 2008 nach Christus etwa so frisch anmuten wie der Teint von Franz Josef Strauß, reden wir erst gar nicht.

Okay, zugegeben, dass das immerhin schön produzierte Bändchen nicht so gut ankommt, mag auch ein Stück weit an mir selber liegen. Ich habe schliesslich keine Sonderschule besucht, kann schon seit Jahren mehr oder minder souverän mit Messer und Gabel essen und war auch nie Fan von Kalle Pohl. Ich bin also vielleicht einfach nicht Teil der Zielgruppe, die Herr Reischl anvisiert hat. Da bin ich ja gar nicht so, ganz im Gegenteil: Ich kann sogar trotz aller Kritik durchaus anerkennen, dass der Comic hübsch gezeichnet ist und ein, zwei mal – wenn auch wohl eher durch statistische Unvermeidbarkeit als durch humoristisches Talent – auf eine gelungene Pointe zusteuert, bevor er sie dann durch sein mieses Timing verstolpert. So weit, so harmlos.

Spätestens auf Seite zwanzig wird aus dem leicht peinlichen Rohrkrepierer dann allerdings eine herbe Zumutung, die jegliche Restsympathien verpuffen lässt. Hier nämlich meint Herr Reischl, seine alberne Einfaltspinselei mit einem kecken Seitenhieb auf die Tsunami-Katastrophe von 2004 aufpeppen zu müssen: Man sieht eine Zeitung mit der Schlagzeile „Asia’s deadly wave kills more than 300,000 people“, überschrieben mit dem Text: „Die fleißigen Neger gruben nämlich völlig falsch und bohrten eine der tektonischen Erdplatten im asiatischen Meer an …“

Leuchten wir zum besseren Verständnis kurz in die düsteren Abgründe des Plots hinab: Die erwähnten „fleißigen Neger“ sind afrikanische Flüchtlinge, die von der US-Regierung eingesetzt werden, um eine geheime Öl-Pipeline zu verlegen. Hat die Tsunami-Welle wenigstens was mit der weiteren Handlung zu tun? Nein, nicht mal das. Herr Reischl hält das ganze wohl einfach für eine spaßige Fussnote, die an dieser Stelle einfach mal gebracht werden musste. Ho ho ho, soll ich da als Leser wohl sagen, ja mei, was für eine zünftige Gaudi mir der Mosbichler da in die gute Stube gezaubert hat.

Beispiel für Mosbichlers Busch-Comics (online)Ich will hier nicht den Moralapostel spielen. Es mag ja durchaus Wege geben, eine Katastrophe, die Hunderttausende Menschen das Leben gekostet hat und noch nicht einmal vier Jahre zurückliegt, humoristisch aufzugreifen, wer weiß. Herr Reischl hat im Rahmen seines albernen Klamauks allerdings keinen davon zu bieten. Hier wirkt die Anspielung einfach nur befremdlich und ungemein dumm. (Der 11. September kommt natürlich auch vor und wird auf ähnlich witzige Art in der Handlung verwurstet. Über die Sache mit den Flüchtlingen – beziehungsweise, wie Herr Reischl etwas zusammenhangslos meint, „Negern“ – die mindestens genauso unnötig ist, schweigen wir mal. Ist das vielleicht so ein bayerisches Ding?)

Auch darum ist Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch ungefähr so lustig wie eine Gabel im Auge. Der Comic bietet dämlichen, erbärmlich einfallslosen Schwachsinn auf Oktoberfestniveau, der, wenn überhaupt, durch unterirdische Geschmacklosigkeiten auffällt. Außer Fremdschämen geht hier leider gar nix.

Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch
Mosbichler Comics, 2008
Text und Zeichnungen: Moritz Reischl alias
Mosbichler
Album, 48 Seiten, farbig; 10,- Euro
ISBN: 978-3-00-023773-7
Leseprobe (PDF) auf www.mosbichler.de
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Zur Lage der Nation: Die letzte Rede des George W. Busch © Mosbichler