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(Vortrag/Diskussion)
von Daniel Wüllner Montag, 21. Februar 2011
Nach seinem Erfolg mit Black Hole ist es still geworden um Charles Burns. Obgleich er jeden Monat das Cover für The Believer zeichnet und seine dämonischen Chiaroscurro-Visionen in dem Animationsfilm Peur(s) du noir das Laufen gelernt haben, konnte man seit längerem keine zusammenhängende Geschichte mehr vom Amerikaner lesen. Mit X'ed Out meldet er sich ebenso fulminant wie mysteriös zurück.
Recht schmal ist X'ed Out, der erste Band der angekündigten Trilogie von Charles Burns. Ungewohnt wirkt auch das französische Alben-Format. Das Cover lässt erste Rückschlüsse auf die Wahl der Erscheinungsform und die Länge zu: Auf selbigem prangt ein riesengroßes rot-weiß-gesprenkeltes Ei inmitten einer postapokalyptischen Szenerie. Ein Ei, das durch seine Dimensionen und Farbgebung in Comickreisen als direkte Anspielung auf einen Pilz fungiert. Ein solcher Pilz spielt seine Rolle in Tim und Struppi und der geheimnisvolle Stern.
Eine 56seitige Hommage also, an den Großmeister der Ligne Claire, Hergé, und den frankobelgischen Comic? Auch wenn Burns die Ligne Claire für seine Zwecke verwendet, so stehen seine klaren Linien doch im Widerspruch zu den Dingen, die dort abgebildet werden: unterirdische Ströme, Menschen mit Masken, Gedärme, Alptraumvisionen – Hintergründiges. Burns stellt dem Begriff Klarheit, der sich auf die Darstellungsebene bezieht, eine fragmentierte Handlung gegenüber, die an William Burroughs' (Naked Lunch) cut-up-Technik erinnert.
In einer Art Prolog tritt der Tim'sche Protagonist Doug, gekennzeichnet durch die stereotype Haartolle, hinter die Fassade der oberflächlichen Strukturen. Die Geschichte beginnt mit einem schmalen schwarzen Panel, das keinerlei Deutung zulässt, nur um im nächsten Bild von Konturen des Helden negiert zu werden. Noch bevor Doug aber wirklich erwacht, wird die ganze Geschichte durch den Erzähler selbst als unsichere Erzählung deklariert. „This is the only part I'll remember“ hört man eine Stimme aus dem Off. Langsam erwacht der Held in einem Bett, in einem Zimmer, das ihm fremd vorkommt. Am Ende des Raumes: ein schwarzes Loch und eine schwarze Katze.
Drei Seiten braucht Doug, um durch das Loch in der Wand zu steigen und einen Blick hinter die Fassade zu werfen. Die Bilder sind in X'ed Out, trotz der begrenzten Seitenzahl, nicht dem strengen Joch des Plots untergeordnet – die Handlung muss nicht vorangetrieben werden. Selbst in so einem schmalen Band wie X'ed Out nimmt sich Burns den Luxus, seinen Helden nicht so schnell wie möglich von Punkt A nach Punkt B zu bringen.
Das soll nicht heißten, dass sich im Comic keine Geschichte entfaltet. Doch diese Handlung folgt keinen Konventionen. Vergleichen lässt sich X'ed Out am ehesten mit dem absurden Theater von Samuel Beckett. Die Figuren stehen auf der Bühne und warten auf Regieanweisungen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Doch es kommen keine Anweisungen. Wie in Warten auf Godot darf der Blick nicht auf das Ende gerichtet werden, sondern muss auf dem Prozess verharren. Eine Auflösung der zerstückelten Handlung im letzten Teil der Trilogie zu suchen, würde keinen Sinn ergeben, denn Burns lenkt die Aufmerksamkeit – mit der Loslösung von der Fixierung auf dem Plot – auf die Erzählformen, die ein Comic zu bieten hat. Er entschleunigt die Sucht nach dem nächsten Bild und bietet Freiraum, über die Form zu sinnieren.
X'ed Out ist ein perfides Amalgam aus Hergé, Salvador Dalí und Dadaismus. Neben den fragmentierten Traumsequenzen wirkt die Wirklichkeit im Comic unstetig. Was ist überhaupt Wirklichkeit? Eine strenge Ligne Claire paart sich mit einem fabulierenden Symbolismus. Im ersten Teil von Burns' Trilogie gibt es keine fixen Aussagen. Der gesamte Comic präzisiert auf wunderbare Weise etwas Ungreifbares, Undefinierbares, einen Freiraum zwischen den Freiräumen der Panels, der zur weiterführenden Mitarbeit des Lesers einlädt. Kurz: Ein Stück Comicliteratur.
Wertung: ![]()
Ein notwendiger Schritt für die Erzählform Comic - auch wenn die Richtung ungewiss ist.
X'ed Out
Pantheon Books, 2010
Text und Zeichnungen: Charles Burns
56 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 19,95 US-Dollar
ISBN: 978-0-307-37913-9
Abbildungen © Charles Burns, Pantheon Books















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Rezensionen



Die lebenden Toten, besser bekannt als "Zombies", sind zur Zeit ein höchst populäres Thema, mit dem sich etliche Comicserien befassen. Dass die fleischhungrigen Wesen mit dem ungesunden Teint auch auf deutschem Boden ihr Unwesen treiben, ist allerdings neu. Eine massive Zombie-Epidemie sähe hierzulande sicher anders aus als etwa in den USA, zum Beispiel weil bei uns viel weniger Menschen eine Schusswaffe im Kofferraum oder im Nachttisch liegen haben.
- 20.10.2010
Dass man in alten Märchen und Sagen, zum Beispiel in den von den
Gebrüdern Grimm überlieferten, jede Menge sexuelle Untertöne entdecken
kann, ist keine ganz neue Erkenntnis. Ob diese nun bewusst oder
unbewusst dort hineingelangten, man kann sie zweifellos finden. Wer
heute die Grimm'schen Texte liest, braucht nicht besonders viel
Fantasie, um sie als Sex-and-Crime-Geschichten zu interpretieren.
Diesen Ansatz verfolgt Mart Klein in seiner Comic-Version von Rotkäppchen konsequent. Das Ergebnis ist eine mehr oder weniger pornographische Exploitation-Story.
- 02.07.2009
In der dritten Ausgabe der Anthologie Jazam! geht es diesmal um das Thema "Zeit" - und es ist wirklich kein böser
Rezensentenscherz, dass es mit der Besprechung so lange gedauert hat, denn eines
möchte ich von vornherein klarstellen: Die Comic-Kurzgeschichtensammlung Jazam 3 ist ein Fest des Comics.
- 24.02.2009
Smalltalk, Sex und Fechten!? Der erste Comicband des flämischen Künstlers Brecht Evens ist ein verschrobenes, unruhiges Abbild des nächtlichen Vergnügens; die Konstruktion des Zwischenmenschlichen in grafisch extravaganter Weise.
Man sollte meinen, über manche Dinge sei alles gesagt, was man darüber sagen kann. Zum Beispiel über Tim und Struppi. Hergés berühmte Abenteuerserie gilt gemeinhin als der Beginn der europäischen Comic-Tradition und wurde bereits vielfach untersucht und betrachtet. Dem fügt jetzt der Brite Tom McCarthy eine neue Lesart hinzu.