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von Jons Marek Schiemann Dienstag, 22. März 2011

Es gehört schon ein gewisser Mut dazu, eine neue Westernserie zu starten. Der Western gehört in der Unterhaltungskultur zu einem der beliebtesten und langlebigsten Genres. So war der allererste Spielfilm, wenn man eine zusammenhängende Story und eine Dramaturgie als Kriterium nimmt, ein Western: The Great Train Robbery von 1903. Angesichts des Alters und der unübersehbaren Vielzahl von Vertretern des Genres, stellt sich natürlich die Frage, was eine weitere Serie denn so Neues bieten kann. Denn die Stoffe sind mittlerweile sehr rar gesät und andere Western nehmen mittlerweile viele Anleihen bei anderen Genres. Der große Klassiker Comanche zum Beispiel ist manchmal eher ein Krimi im Westerngewand.

Wanted sucht sich deutlich einen Weg und nimmt Anleihen bei bekannten Stilarten und Serien. Von Leutnant Blueberry hat Wanted die engagierte, sozialkritische Herangehensweise und von Durango die Härte. Die Narben des Helden, welche durchaus recht plakativ sind, indem sie ein „W“ (für Wanted) bilden, erinnern etwas an Jonah Hex. Auch die Zeichnungen erinnern wieder an die Serie Durango von Yves Swolfs, die übrigens inzwischen, ebenso wie Wanted, von Thierry Girod gezeichnet wird.

Doch zum Band selbst: Schon das erste Panel scheint aus einem Film von John Ford zu stammen, der vorzugsweise im Monument Valley seine Meisterwerke wie Ringo und Der schwarze Falke drehte. Auch hier also stellt sich der Comic bewusst in eine Genretradition und steckt seinen Claim ab. Erzählt wird realistisch und historisch korrekt. Was einen bei Autor Simon Rocca nicht sonderlich verwundert, da er mit Vae Victis bereits eine auf historischen Tatsachen basierende Serie schuf. Der Band ist auch sehr brutal geworden, was allerdings den historischen Tatsachen entspricht. Schon der Italowestern war mit seinem Zynismus näher an der historischen Wirklichkeit als der US-Western. „Die Brüder Bull“ schildert, wie der Kopfgeldjäger Wanted über ein schwerverletztes Halbblut stolpert, dessen indianische Familie von skrupellosen und grausamen Skalpjägern ermordet worden ist. Eher widerwillig tut sich Wanted mit dem auf Rache sinnenden Yaqui Jed zusammen, um die Skalpjäger zu finden.

In der Story wird nichts beschönigt. Nicht nur orientiert sich der Band an authentischen Figuren (Kit Carson gab es wirklich), sondern schildert auch mit voller Härte den Vernichtungskrieg gegen die Indianer. Das ist stellenweise nichts für Zartbesaitete. Aber es wühlt den Leser auf und macht ihn wütend. Diese emotionale Anteilnahme – der Leser will, dass die Skalpjäger gefangen werden und ihre gerechte Bestrafung erhalten – macht den Band sehr packend und beantwortet damit alle aufgeworfenen Fragen zur Rechtfertigung einer neuen Westernserie. Denn Wanted ist engagiert, spannend und unterhaltsam. Der Charakter des (Anti-)Helden ist noch etwas undurchsichtig und sehr grob gestrickt, aber in den nächsten Bänden ist da ja noch Spielraum.

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Graphisch ist die Schule von Swolfs unübersehbar, aber auch leichte Anleihen von Giraud (Blueberry) kann man ausmachen. Manche Effekte, wie etwa eine leichte zackige Aureole, um das Entsetzen des Charakters zu verdeutlichen, sind etwas altbacken, aber eine lange Reise durch das Entfernen von Panelabgrenzungen (als Äquivalenz zu Überblendung im Film) zu nutzen, ist sehr geschickt. Vor allem Montage und Schnitte sind sehr überzeugend und äußerst gelungen. Besonders auf den ersten zwei Seiten sind diese sehr eindrucksvoll und schockierend. Die Farben von Jocelyne Charrance sind merkwürdig blass und damit recht gewöhnungsbedürftig. Andererseits erwecken sie den Eindruck, als ob die Panels von der Wüstensonne New Mexicos gebleicht worden wären, was für die Story wieder sehr treffend ist.

 

Wertung: 7 von 10 Punkten

Harte, aber historisch fundierte und engagierte Story, die die Brutalität des Italowestern mit der epischen Erzählweise des US-Western verbindet. Etwas zahme Zeichnungen, aber sehr gute graphische Montagen.


Wanted 1 - Die Brüder Bull
Splitter Verlag, Februar 2011
Text: Simon Rocca
Zeichnungen: Thierry Girod
48 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-242-6
Leseprobe

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Splitter Verlag



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