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(Vortrag/Diskussion)
von Jons Marek Schiemann Mittwoch, 06. April 2011
Nach der sensibel erzählten Serie O'Boys überrascht der Autor Philippe Thirault mit einer sehr brutalen Comicserie, die Ehapa im „All in One“-Format auf Deutsch veröffentlicht (alle vier Teile der Originalausgabe sind hier versammelt). Um es gleich vorweg zu sagen: An dem Band werden sich die Geister scheiden. Traum von Jerusalem ist das zeichnerische Äquivalent eines Splatterfilms.
Erzählt wird von dem ersten erfolgreichen Kreuzzug, der mit der Eroberung Jerusalems endete. Man kann dem Band zu Gute halten, dass er die Brutalitäten des Krieges ungeschönt schildert und somit eine gewalttätige Zeit wieder zum Leben erweckt. Allerdings gibt es wohl kaum eine Seite, auf der kein Blut fließt – damit wird das Ganze auf der einen Seite recht ermüdend, auf der anderen wird die eh nur rudimentär vorhandene Story in Blut und Eingeweiden ertränkt und begraben. Thirault und sein Zeichner Lionel Marty beschränken sich nicht auf eine Schilderung der historischen Tatsachen, was zu reinen Schlachtengemälden geführt hätte. Sie reichern die Historie, von der sie sehr viele Fakten übernommen haben (wie zum Beispiel die Episode mit der heiligen Lanze), mit kleinen Fantasyelementen an.
Die beiden Hauptpersonen verfügen über gegensätzliche Gaben: Der eine, der „Schwarze Live“ genannt, kann Gefahr spüren und ist ein fanatischer Krieger, der die Religion mit dem Schwert verbreitet. Der andere, Hermance, hat heilende Kräfte und kann sogar Tote wieder zum Leben erwecken, solange noch ein einziger Funken Leben in ihnen ist.
Auf eine recht plakative Art und Weise stehen diese beiden für zwei entgegengesetzte Richtungen einer Religion: der eine für den friedlichen Teil, der heilt, hilft, pflegt, aber auch leicht benutzt werden kann. Sein Schicksal ist düster und direkt zu Anfang des Bandes wird seine Gabe für einen Fluch gehalten und als Teufelswerk abgetan. Die Parallelen zu Christus, der, wenn er zu jener Zeit wiedergekommen wäre, verkannt und erneut gekreuzigt worden wäre – diesmal von der christlichen Kirche – sind überdeutlich. Interessanter ist die Figur des „Schwarzen Live“, der durchaus für Paulus stehen könnte. Bekanntlich wandelte sich der Christenverfolger Saulus vom unnachgiebigen Schlachter zum Missionar und Kirchengründer Paulus. Live ist ein überzeugter Heide, der Christen bekämpft, bis er von einem Mönch bekehrt wird und seine Gabe bekommt. Fortan stellt er sein Schwert in den Dienst des Christentums und schlachtet „Heiden“ ab, wo er nur kann. Beide Figuren stehen für religiösen Fanatismus und daür, was aus einer Religion werden kann, wenn der Glaube für Macht und egoistische Zwecke verraten und instrumentalisiert wird.
Die Zeit der Kreuzzüge, in der der Comic spielt, war eine Zeit der Extreme, deren Auswirkungen noch heute zu spüren sind. Nicht umsonst nennt Gaddafi die Alliierten im aktuellen Libyen-Konflikt „Kreuzritter“. Thirault und Marty verharmlosen nichts, sie zeigen die Brutalität jener Zeit, die Auswirkungen von Fanatismus und religiösem Fundamentalismus. Allerdings droht all dies im Blut zu ertrinken und die Story versandet angesichts aller Schlachtengemälde. Und dass eine Frauenfigur fast ausschließlich als Verführerin dargestellt wird, welche die beiden Pole untereinander zu entfremden droht, hinterlässt einen etwas bitteren Beigeschmack
Zeichnerisch ist der Band durchaus gelungen: Zeichner Marty fängt geschickt den Horror des Krieges ein, indem er die Augen der Protagonisten stellenweise als reine weiße Fläche zeigt und somit den Figuren die Seele nimmt. Solche Effekte sind oft sehr viel eindrucksvoller als durch die Gegend fliegende Körperteile. Das größte Problem des Bandes besteht darin, dass die Mischung aller Elemente nicht unbedingt ausgewogen ist. Letztlich will der Comic wohl vor allem schockieren. Das schafft er glänzend.
Wertung:
Splattercomic, dessen interessante Aussage, geschickte Effekte und symbolträchtige Story in Blut und Gedärm zu ertrinken drohen.
Traum von Jerusalem
Ehapa Comic Collection, März 2011
Text: Philippe Thirault
Zeichnungen: Lionel Marty
192 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 39,95 Euro
ISBN: 978-3-7704-3410-7
Leseprobe
Abbildungen: © der dt. Ausgabe Ehapa Comic Collection















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Rezensionen



Chauvel und Le Saec setzen ihre Geschichte des organisierten Verbrechens in New York mit „Murder Inc." fort. Aufgrund ihres „True Crime"-Charakteristikums ist die Reihe sehr faszinierend. Schließlich werden hier reale Fälle und Personen behandelt, die heute zumeist hinter popkulturellen Arbeiten wie Filmen, Romanen und anderen Comics kaum mehr zu entdecken sind. Was ist Mythos und was Realität? Die ganze Reihe Cosa Nostra ist ein historisches Sachbuch in Comicform. Und das hat als bebildertes Geschichtsbuch über Verbrechen seinen Reiz, weil es die Mythen ignoriert.
Mit der Pitt Pistol-Gesamtausgabe bietet sich Comiclesern
jetzt die Gelegenheit, sich einen echten Klassiker in einem sehr schön
gestalteten Buch komplett zuzulegen. Pitt Pistol ist die Comicserie, die die
erste längere Zusammenarbeit von René Goscinny und Albert Uderzo - einige Jahre,
bevor die beiden den legendären Kulthit Asterix entwickelten und über lange
Zeit betreuen sollten.
Altmeister Jodorowsky hat wieder zugeschlagen. Man fragt sich glatt, ob der Mann noch etwas anderes tut, als zu schreiben. Gerade in letzter Zeit hat er einen so hohen Output (Der schreckliche Papst, Borgia), dass man befürchten könnte, ihm würden bald die Ideen ausgehen.
Aremorica, Druiden, keltische Götter: So gut wie jeder Comic-Leser
kennt diese Stichwörter und denkt natürlich an Asterix, das gallische
Dorf und den dort ansässigen Druiden und Zaubertrankbrauer Miraculix.
Das man das Setting auch für einen eher ernsthaften Comic verwenden
kann, zeigen die Autoren Jean-Luc Istin und Thierry Jigourel und
Zeichner Jacques Lamontagne mit ihrer Serie Die Druiden. Die auf
insgesamt sechs Alben angelegte Reihe spielt am Ende des 5.
Jahrhunderts, also knapp 500 Jahre später als Asterix. Längst hat sich
das Christentum ausgebreitet und drängt den alten keltischen Glauben
zurück.
- 26.01.2009