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26.05.2012 - 27.05.2012
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03.06.2012
(Vortrag/Diskussion)
von Daniel Wüllner Samstag, 25. Juli 2009
Seit über hundert Jahren werden Bücher, Zeitungen und anderweitig
bedruckte Blätter in unserer Gesellschaft als Massenmedien feilgeboten.
Eine nicht unbedeutende Rolle in diesem Blätter-Dschungel spielen
Comics; sie schließen die Lücken zwischen Text- und Bildebenen,
verhandeln
zwischen Kunst und Kommerz und sind dennoch ein eigenständiges Medium.
Kurz: Comics sind ein interessantes Feld für wissenschaftliche
Untersuchungen. Solche Studien sind trotz ihrer offensichtlichen
Relevanz stets abhängig von der Wertschätzung, die ihnen die
gegenwärtige Gesellschaft entgegenbringt. Da trifft es sich gut, dass
der Comic derzeit unter dem Banner der Graphic Novel ein temporäres
Hoch erfährt. So sprach die Graphic Novel: „Ich bin die schönste Blume
im gesamten Blätterwald.“ Diesem Ruf folgend machte sich Gastherausgeber
Andreas C. Knigge gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Gefolge auf
zu einer botanischen Exkursion in Sachen Comics.
Besuch der alten Comic-Historie
Allen voran geht Knigge selbst, der in seinem Artikel „Der Kosmos der Comics“ für den interessierten Leser auf knapp 30 Seiten hundert Jahre Comic-Historie zusammenfasst. Diese tour de force ist in ihrer Bandbreite wirklich beeindruckend und versiert verfasst, doch bewegt sich Knigge auf bereits gut ausgetreten Pfaden durch das kleine Comic-Biotop. Jedem Comic-Leser werden diese schön in Szene gesetzten Fakten nur allzu gut bekannt sein: Warum The Yellow Kid der erste Comic ist, wie Siegel und Shuster Superman erfunden haben und wie Will Eisner eigenhändig die Graphic Novel ausgerufen hat. Der Adressat, an den dieser erste Artikel gerichtet scheint, ist der regelmäßige Leser von Text+Kritik, eine Publikation, die in exakter Form den historischen Rahmen ihres jeweiligen Ziels faktisch umzeichnet. Urs Hansgarnter folgt im zweiten Artikel diesem Pfad, und auch er führt uns vorbei an alten Bekannten zum selbsterklärten Ziel dieser wissenschaftlichen Expedition, der Graphic Novel. Er diskutiert über Literaturformen im Comic, über Adaptionen und nennt dabei unentwegt die gleichen Namen, an denen bereits Knigge vorbeigeschritten ist. Wieder bekommt der Leser vermittelt, wie Will Eisner scheinbar eigenhändig „das Literarische am Comic“ reklamiert hat.
Regelmäßige Leser der Text+Kritik werden bei den Texten von Wolfram Knorr, Klaus Schikowski und Paul Derouet (gemeinsam mit Knigge) auf ihre Kosten kommen. Diese nähern sich mit Bedacht den Comics und deren Erzeugern und umreißen präzise Werke und Biografien der Autoren/Zeichner. Knorr bestimmt das Werk von Will Eisner im Bezug auf andere Comicpublikationen, Themen und Stile seiner Zeit. Er lässt zum ersten Mal in diesem Sonderband auch kritische Töne über den Begriff Graphic Novel verlauten. Schikowski bemüht sich um Genrefragen, extrahiert aus den Undergroundcomix von Robert Crumb das Autobiografische, verweist auf sogenannte „first person comics“ und beschließt seinen Aufsatz mit einer längeren Liste an modernen Comics, die sich der Autobiografie bedient haben. An dieser Stelle sei zu ergänzen, dass Crumb zwar durch Drogen zu seinen Comics inspiriert wurde, diese aber nie unter dem Einfluss von Drogen gezeichnet hat. Eine Huldigung für den Szenaristen Pierre Christin schreiben Derouet und Knigge, dessen Geschichten durch die Zeichnungen von Enki Bilal, Tardi und Annie Goetzinger nicht nur in drei unterschiedlichen Realitäten führen, sondern auch drei mögliche Typen der Kooperation von Autor und Zeichner aufzeigen. All diese Artikel überzeugen durch präzise Recherchen, bewegen sich aber immer noch in gebührendem Abstand zu ihren Anschauungsobjekten.
Zwischen Moderne und Postmoderne
Erst mit Herbert Heinzelmanns Aufsatz „Corto im ‚anderen Zustand’“ über Hugo Pratts Südseeballade (Corto Maltese Abb. rechts) verlässt sich ein Autor nicht nur auf die rein historische Betrachtung, sondern nimmt sich mittels einer textimanenten Analyse Corto Malteses erstem „Anti-Abenteuer“ an. Heinzelmann verweist dabei auf drei aus der Moderne entliehenen Stilrichtungen der Malerei (Expressionismus, Abstraktion, Primitivismus), die diesen ersten modernen „Comic-Roman“ beeinflusst haben. Und obwohl der Radschlag zur Postmoderne – gekennzeichnet durch den fiktiven Brief, der zu Beginn der Erzählung absichtlich mit der realistischen Narration bricht – nicht hundertprozentig überzeugt, ist dieser Artikel sicherlich der überzeugendste des Sonderbandes, da in ihm das historische Wissen nicht nur präsentiert wird, sondern auch aktiv für die Analyse und Interpretation angewandt wird. Warum sollte sich Heinzelmann auch um die Graphic Novel bemühen, wenn der Begriff des „Comic-Romans“ doch viel sinnvoller für seine Argumentation ist? Diesem Beispiel folgen Christian Gasser mit Tardis Darstellung der Pariser Kommune und Jonas Engelmann mit seiner Arbeit über David B.s Auseinandersetzung mit Traumwelten in Die heilige Krankheit.
Etwas zu kurz kommen leider thematische Studien, die neben den Autoren und Künstlern unterzugehen drohen. So setzt sich Jens R. Nielsen (der deutsche Übersetzer von Stan Sakais Usagi Yojimbo) mit dem japanischen Manga auseinander. Wie bereits Knigge in seiner Semi-Einleitung, umreißt Nielsen gekonnt die Tradition der japanischen Zeichenkunst, nähert sich dem Großmeister Tezuka (Astro Boy, Adolf etc.) und gelangt so über Katsuhiro Otomo (Akira, Abb. links) zu dem Wegbereiter des modernen Manga, Jiro Taniguchi. Ein runder Artikel, der einen guten Überblick über den japanischen Manga verschafft. Andreas Platthaus hingegen führt seine Leser wieder einmal aufs Neue nach Entenhausen, und wie immer gelingt es ihm, neue Facetten des Entenreichs zu präsentieren. Diesmal klärt Platthaus über den Reiz an Carl Barks und seinen Fabulierungen auf. Obwohl die gewitzten und informierten Beschreibungen – zusammen mit den Einordnungen in die Comic-Welt – bereits einleuchtend sind, überzeugt Platthaus vor allem mit bestechender Textanalyse (hier sei auch der Platthaussche Artikel über Line Hovens Liebe schaut weg in der neuesten Ausgabe der Reddition wärmstens zu empfehlen).
Vom Nachwuchs und alten Hasen
Auch den jungen Wilden wurde ein Platz unter den akademischen Forschern eingeräumt. Im Gegensatz zu ihren älteren Kollegen springen diese gleich hinein ins Unterholz des Comic-Dschungels und beginnen mit der Textarbeit, doch könnten die Artikel von Dietmar Frenz und Anna Gentz unterschiedlicher nicht sein. Während Frenz gar nicht weiß, wo er eigentlich anfangen soll, ist er auch schon mitten drin in Alan Moores Watchmen VII. In nur wenigen Sätzen springt Frenz von Thomas Pynchon zu Cervantes, von Lost Girls zu WildC.A.T.S. und überlässt es dem Leser, sich zu orientieren. Bevor dieser bei der eigentlichen Textanalyse angekommen ist, muss er sich durch ein manieristisches Textkonstrukt kämpfen, das vor Fremdwörtern, Fußnoten und Querverweisen nur so wimmelt. Und ganz nebenbei soll auch noch der Plot von Watchmen erklärt werden. An dieser Stelle wäre eine rein textimanente Arbeit sinnvoller gewesen, da diese im Gegensatz zum Rest sehr strukturiert ausgefällt.
Wie solch ein Aufsatz auch aussehen kann, zeigt Anna Gentz in ihrem Beitrag „Wenn Literaten fremd gehen“. Sie gräbt, im Gegensatz zu allen anderen Kollegen, einen eher unbekannten Comic/Text des argentinischen Autors Julio Cortázar aus, der nicht unbedingt für seine Comics bekannt ist. Doch der Autor von Rayuela bindet in seiner Kurzgeschichte Fantomas gegen die Multinationalen Vampire (Abb. rechts, mittlerweile entgegen der Auffassung der Autorin doch auf Deutsch erhältlich) gezeichnete Passagen ein, die mit der reinen Textebene verflochten sind. Gentz' Artikel endet aber nicht mit der simplen Analyse der Comics im Fließtext, sie interpretiert gekonnt die Verwendung dieser Text- und Bildcollagen und zeigt, wie Cortázar die Comic-Einschübe benutzt, um dem Publikum seine politischen Einstellungen mittels Populärkultur zu vermitteln.
Ein weiterer Artikel von einem Jungwissenschaftler wirkt etwas unmotiviert: In „Spiegelbilder: Der Comic im Comic“ summiert Jannis Manolis Violakis Comic-Beispiele, in denen Autoren und Zeichner ihre Realität mit der des Comics vermischen. Dabei springt er zwischen Erklärungsmodellen wie der simplen Erwähnung des Autors im Comic, dem Comic im Comic (mise en abyme) und der Verwendung einer Metaebene. Diese Ziellosigkeit zieht sich über den gesamten Artikel und wird auch im Schlusssatz noch einmal hervorgehoben: „Von diesen Herausforderungen, vor allem von den damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen, hat der Comic selbst nun zu erzählen begonnen.“ Eine etwas knappe Zusammenfassung, die den Leser über Sinn und Zweck dieser Untersuchung im Trüben lässt.
Eine kleine Enttäuschung stellt der Artikel von Comicwissenschaftsurgestein Dietrich Grünewald dar, der über die Erzählweise Alberto Breccias referiert. Obwohl die Analyse der Primärtexte informiert ist und die Beispiele wohlweislich ausgewählt wurden, hätte man sich unter dem Titel des Artikels „Realismo mágico“ in Bezug auf Comics mehr gewünscht als nur die bloße Erwähnung von Jorge Luis Borges als Figur im Comic und die etwas unscharfe Begriffsdeutung des Magischen Realismus als „Vermischung von Phantastik und Realität“. Bietet doch eben dieser Begriff, erwachsen aus Franz Rohs Abhandlungen über deutsche Malerei zur Jahrhundertwende, eine ganze Vielzahl an Möglichkeiten, diese auf Breccias Comics zu übertragen. Diese bleiben leider ungenutzt.
Im deutschen „Dichter und Denker“-Gestus ergibt diese Sonderausgabe der Text+Kritik auf jeden Fall Sinn, und sie geht noch darüber hinaus. Störendes Beiwerk, das dieser wissenschaftlichen Diskussion immer wieder einen leichten Abbruch tut, ist allerdings die leidige Blaue Blume, die Graphic Novel. Fast alle Autoren fühlen sich dazu gezwungen, sie als Eselsbrücke zu nutzen, um ihre Arbeit im gesellschaftlichen Kontext zu rechtfertigen. Selbstverständlich ist es nur rechtens, den Begriff, wie auch Reprodukt-Verlagschef Dirk Rehm dies im ergänzenden Interview tut, für seine Zwecke zu benutzen, dennoch sollten gerade Wissenschaftler um eine eingängige Definition des Terminus bemüht sein und nicht zwischen Genre, Medium und Gattung springen. Außerdem erzeugen gerade solche Spezialpublikationen die Möglichkeit, sich fernab von der Lobhudelei auf Eisner und Spiegelman um ein gewachsenes Medium wie den Comic zu kümmern. Lassen wir die Graphic Novel doch einfach da, wo sie am besten für uns arbeitet: im Feuilleton und im Buchhandel. So kann man in Ruhe auf Entdeckungstour ins Comic-Biotop gehen, um zarte Comicpflänzchen und unerforschte Spezies zu bestimmen.
Text+Kritik: Sonderband "Comics, Mangas, Graphic Novels"
edition text+kritik, April 2009
Gastherausgeber: Andreas C. Knigge
272 Seiten, Hardcover; 29,- Euro
ISBN: 978-3883779954
Abbildungen: © edition text+kritik















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Den Urcomic, die Geburtsstunde dieser Kunstform festzulegen, ist der heilige Gral der Comicforschung; jeder würde ihn gerne anfassen, doch ist die fortwährende Suche nach ihm das eigentliche Ziel. Auf diese Reise haben sich nun auch Jens Balzer und Lambert Wiesing in Outcault: Die Erfindung des Comic gemacht. Sie haben den Comicstrip The Yellow Kid eingehend studiert und erzählen von der „stehenden Figur“, vom Großstadt-Flaneur und vom besonderen Status der Sprechblase in diesem Comicstrip. Dabei bringt der dritte Band der yellow-Serie einen frischen gelben Wind in die deutsche Comicforschung.
- 23.05.2010
Zum 25. Jubiläum feiert die Reddition, Deutschlands Zeitschrift für
Graphische Literatur, sich selbst und das Medium "Comic" mit einer
fast hundert Seiten starken Doppelausgabe (Band 49 und 50) und dem
Titelthema "Comics und Literatur". Seit 1984 liefert dieses
ambitionierte Projekt ausführliche Porträts und Dossiers über
europäische, amerikanische und auch japanische Comics und deren
Künstler. Dabei lag der Schwerpunkt der Publikation stets auf der exakt
aufgearbeiteten Präsentation von historischen Fakten über Comics,
interessanten Hintergrundinformationen über Künstler und original
Bildmaterial der entsprechenden Publikationen. Zum Jubiläum versuchte
man in gewohnter Qualität nachzulegen und auch endlich dem Untertitel
der Zeitschrift für Graphische Literatur mehr Aufmerksamkeit zu
schenken.
- 24.07.2009
Seit mehr als einem Jahr nun färben sich die Träume von deutschen
Comicwissenschaftlern in sattem Gelb, denn im Januar 2008 gründete der
wissenschaftliche Mitarbeiter der Ruhr-Universität Bochum, Christian A.
Bachmann, seinen gleichnamigen Verlag. Bachmann setzt dabei mit seiner
gelben Reihe "yellow: Schriften zur Comicforschung" genau auf die
Nische, die bisher von der deutschen Verlagsgemeinde vernachlässigt
wurde, auf die Comic-Wissenschaft. Das Gelb, so Bachmann im Vorwort zum
ersten Band der Reihe, soll an den gelben Schlafrock von Mickey Dugan
erinnern, aus Outcaults cartoon strip The Yellow Kid, der für viele Wissenschaftler die Geburtsstunde des Comics markiert. Der zweite Band Ingenieur der Träume – Medienreflexive Komik bei Marc-Antoine Mathieu von Dr. Rolf Lohse ist nun in der zweiten Auflage erschienen.
- 21.10.2009
Selten hat es ein Cover geschafft, die Essenz eines Buches so gut einzufangen, wie das Titelbild von Erotische Comics. Unser voyeuristischer Blick gleitet von den roten High Heels langsam über die Strapse nach oben. Er umspielt einen kleinen Augenblick zu lange das wohlgeformte Hinterteil; erst dann führt er uns weiter über das adrette weiße Kleidchen und über die süße Schleife hin zu einem wilden Rotschopf. Gelenkt von unserer male gaze nehmen wir Stück für Stück wahr, wie sich die einzelnen Details zu einer kompletten Frau zusammenfügen, die ihrerseits jemanden durch ein Schlüsselloch beobachtet. Obwohl nicht wir das Objekt ihrer Begierde sind, wird uns schlagartig klar, dass wir sie mit unseren Augen ausgezogen haben. Ein Gefühl der Scham setzt ein. Dieses ständige Spiel zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachten und betrachtet werden, verfolgt Autor Tim Pilcher über zwei Jahrhunderte und gibt dem geneigten Leser dabei einen interessanten Einblick in das stets wechselnde Verhältnis von Kultur und Sexualität.
In "Text und Kritik" über Comics zu schreiben bedeutet automatisch Aufwertungslogik. "Fernab von Lobhudelei" ist man hier schon mal nicht mehr, weil das Medium die Massage ist. Da ist es nur konsequent, auch die neusten Aufwertungsvokabeln mit ins Boot zu nehmen.