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von Daniel Wüllner Montag, 28. Juni 2010
Spricht man über Manga, dann erzeugt das bei den meisten europäischen Comicenthusiasten immer noch Argwohn: Man misstraut den großen Kulleraugen, der merkwürdigen Maskerade der CosPlayer und den grotesk amourösen Liebesszenen. Während Erzählform und Inhalt eines Mangas in Japan sehr wohl unterschieden werden, wird er trotz zunehmender Akzeptanz in der westlichen Hemisphäre gerade wegen seiner Inhalte wie ein Eindringling behandelt. Scott Pilgrim entspricht all diesen Vorurteilen: Mit großen Kulleraugen, mit diversen amourösen Beziehungen und verkleidet wie ein durchschnittlicher Mittzwanziger kämpft er gegen unseren Argwohn und gewinnt, mit einem breiten, leicht dümmlichen Grinsen im Gesicht.
Der Held aus Bryan Lee O'Malleys gleichnamiger Comicserie wohnt in Toronto, spielt Bass in der Band Sex-Bob-Omb und hat gerade keinen Job. Dieses rockige Leben surft mit verspielter Leichtigkeit auf einer Welle von Comic-, Videospiel- und Musikzitaten: „ … offensichtlich ist einer von uns auf Professor Xaviers Schule für junge Begabte gewesen, und einer nicht.“ Während sich O'Malley im ersten Band mit den Anspielungen noch zurückhalten kann, lässt er seinen Erinnerungen und seinen Interessensgebieten in späteren Ausgaben freien Lauf. Als Leser jagt man diesen hinterher und freut sich jedes mal wie ein Schneekönig, wenn man ein neues Zitat ausgemacht hat.
Ganz in Schwarz-Weiß gezeichnet, passen sich die einzelnen Panels der Situation an: Kein starres Raster, sondern unterschiedliche Möglichkeiten der Panelabfolge zeigen die Stärken des Mangas und lösen die Probleme in der Erzählung. Eine Reihe von kleinen Panels, die das Auge über die Seite hetzen, wird erst durch ein ganzseitiges Layout mit entsprechender Pointe gebremst. Auch die exzessive Verwendung von Speedlines und Soundwords kommt dabei nicht zu kurz.
Einmal abgesehen von den grafischen Anleihen, borgt sich O'Malley noch etwas anderes vom Manga aus, das in Titeln wie One Piece zur vollen Entfaltung kommt: das Absurde. Genauso dämlich wie die Figuren in der LSD-Piratenkomödie, so verhält sich auch Scott: Nachdem er herausgefunden hat, wie die Internetadresse von amazon.ca lautet, bestellt er CDs und setzt sich wartend vor die Haustür, als würde jede Sekunde der Kurier vorbeikommen. Auf diese Weise ist auch zu erklären, warum Scott erst Ramonas sieben böse Exfreunde besiegen muss, um mit ihr zu gehen. Oder vielleicht auch nicht. Eben dieses aberwitzige Moment gehört auch bei so manchen CosPlay-Auftritten dazu, wenn Sailor Moon plötzlich Chuck-Norris-Witze rezitiert.
Bryan Lee O'Malley hat mit Scott Pilgrim eine Brücke von Japan nach Kanada geschlagen. Sowohl grafisch als auch durch seinen absurden Humor ist der Comic der perfekte Mittler zwischen zwei Kulturen und vergisst dabei nicht seine eigenen Steckenpferde. Warum sich der Panini-Verlag diesem Mut nicht angeschlossen und diesen Manga stattdessen lieber zwischen zwei sperrige feste Buchcover gepresst hat, bleibt wohl sein Geheimnis. Ein Softcover hätte dahin gepasst, wohin es gehört: in die Hosentasche eines jeden Teenagers oder Mittzwanzigers. Man möchte den Soundtrack seines Lebens doch auch nicht von einem Streichorchester vorgespielt bekommen, oder?
Scott Pilgrim - Das Leben rockt!
Panini Comics, März 2010 (Leseprobe)
Text und Zeichnungen: Bryan Lee O'Malley
Übersetzung: Sandra Kentopf
176 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover; 12,90 Euro

Ein wunderbares Stück Populärkultur, für dessen Umsetzung man sich ein bisschen mehr Zeit hätte nehmen sollen. Der Film kommt doch erst im Herbst.
Abbildungen: © Bryan Lee O'Malley, Panini Comics/Oni Press
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