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(Vortrag/Diskussion)
von Marco Behringer Samstag, 17. Juli 2010
Die Kurzgeschichten sind mal ein und mal mehrere Seiten lang. Ott versteht es dabei stets, seine Pointen zu setzen. "You have to do something while waiting for death" – das Zitat des Schriftstellers Håkan Nesser steht quasi einleitend als Schlüssel zum Werk TOTTs, dessen Arbeiten von einem tiefen Anarchismus und Nihilismus geprägt sind. Der Tod ist auch ein wiederkehrendes Motiv in TOTTs Kurzgeschichtenband. Der Tod, das ist der schwarze Schabkarton. Die ausgekratzten Linien flimmern nur für eine Sekunde wie ein kurzer Lichtschimmer auf, um eine Geschichte zu erzählen, nur um dann wieder im Nichts des Schwarz zu verschwinden.
Der Tod drückt sich schließlich auch im Nichtvorhandensein eines Textes aus - sprich, TOTT macht Stummcomics. Und das macht ihn erst recht zum erzählenden Virtuosen oder zum virtuosen Erzähler. Denn die Kraft der Bilder wiegt dadurch doppelt so viel wie bei textbehafteten Comics. TOTT versteht es routiniert und meisterlich, nur durch die Mimik seiner Figuren oder durch ungewöhnliche Perspektiven seine Geschichten zu erzählen, wofür andere Autoren mehrere Seiten oder gar ganze Bücher benötigen.
Obwohl der Zürcher die Genres dabei wechselt wie andere Leute ihre Unterwäsche, bleibt das zynisch-nihilistische Leitmotiv immer erhalten - die Atmosphäre des Vergeblichen und des Scheiterns, die überall mitzuschwingen scheint. Hinzu kommt aber eben noch das anarchistisch-satirische Element, wodurch die pessimistische Weltsicht aufgelockert und erheitert wird. Ob Crime Suspense, Shock Suspense, Horror-Satire oder abgedrehte Fantastik – TOTT benutzt seine pointierten Schauergeschichten, um auf hintergründige Weise Kulturkritik auszuüben. So bekommen Anhänger des Jugendwahns und Schönheitsoperationen genauso ihr Fett weg wie geldgieriger Abschaum. Die moralisch einwandfreien Helden dagegen scheitern. Egal ob es nun der Clown ist, der Selbstmord begeht, oder der ambitionierte Held, der bei einem Rettungsversuch erschossen wird.
TOTTs Strich – wenn man das überhaupt so sagen kann – ist genauso so scharf wie das Instrument, das er dafür verwendet. In endlos erscheinender Arbeit beseitigt TOTT in endlos vorkommenden Schraffuren und Kreuzschraffuren, was er seinem Schabkarton nicht mehr zugesteht. Man kommt beim Lesen einfach nicht mehr aus dem Staunen heraus – da ist die rasante Dynamik der zuckenden Linien, das Spiel mit dem Licht, wie es sonst meist nur im Kino vorkommt, sowie der Wechsel von genialer Einfachheit und akribischer, ja besessener Detailverliebtheit.
Wenn TOTT konsequenter sozial- und kulturkritisch und etwas weniger auf seine Splatter-Effekte setzen würde, dann wäre R.I.P. Best Of 1985-2004 eine hervorragende Publikation geworden. So bleibt es immer noch ein guter Stummcomic, der allein schon durch die atemberaubenden Bilder begeistert.
R.I.P. Best Of 1985-2004
Edition Moderne, Mai 2010
Szenario und Zeichnungen: Thomas Ott
Halbleinenband, 192 Seiten, schwarzweiß, 26,- Euro
ISBN 978-3-03731-052-6
Website des Verlags mit Otts Werken
Website des Künstlers

Buchstäblich messerscharfe Bilder treffen auf unzimperliche und pointierte Kurzgeschichten!
Abbildungen: Cover © L'Association (mangels größerem Cover von Edition Moderne) und TOTT, Seite © Edition Moderne und TOTT
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Wie aus dem Nichts meldet sich nach langer Comicabstinenz einer der, auch international, renommiertesten deutschen Comicschaffenden eindrucksvoll zurück. Die Rede ist von Matthias Schultheiss, der vor allen in den 80ern seine große Zeit hatte und mit Alben wie Trucker, Die Haie von Lagos oder Die Wahrheit über Shelby für Furore sorgte. Sein fast 300 Seiten starkes Comeback, das als Splitter Book erschienene Album Die Reise mit Bill, wirkt wie ein Paukenschlag.
- 05.08.2010
Im Sommer letzten Jahres schloss der Splitter-Verlag ein Comicprojekt
ab, dessen erste Schritte bereits sieben Jahre zuvor gemacht wurden:
Damals erschienen beim Label Speed XXL die ersten zwei Bände der
Albenreihe Unter Knochen von Éric Liberge, zunächst noch in
Schwarz-Weiß. Mittlerweile ist Speed längst Geschichte, die ersten zwei
Alben erschienen in Frankreich in einer zweiten, diesmal kolorierten
Fassung, und die Serie wurde mit zwei weiteren Ausgaben abgeschlossen.
Bei Splitter liegt inzwischen die komplette Reihe in Farbe unter dem
Titel Monsieur Mardi-Gras - Unter Knochen vor.
- 23.01.2010
Hendrik Dorgathen ist ein Künstler, der mit seinem
einzigartigen Stil die Comicwelt begeistert und auch darüber hinaus für hohe Aufmerksamkeit sorgt. Dem
Gewichtsverlust trotz opulenter Speisen? Aus dem Nichts auftauchende
Steine, deren Gewicht (6793 Gramm) eine Primzahl ergeben? Sand, der sich
in der Wohnung anhäuft und niemand weiß, warum? Das sind die mysteriösen
Zutaten in Die Sandkorntheorie. Das Album gehört dem Zyklus Die
Geheimnisvollen Städte an und setzt sich deshalb in
utopisch-phantastischer Weise mit der Mode- und Kunstgeschichte genauso
auseinander wie mit architektonischen, stadtgeographischen und
technischen Themen. Die Altmeister des frankobelgischen Comics François
Schuiten (Zeichnungen) und Benoît Peeters (Text) sind auf diesem Gebiet
also bereits ein eingespieltes Team. Ihre neueste Arbeit kann aber auch
unabhängig von den bisherigen Werken oder als Einstieg gelesen werden,
da kein Vorwissen nötig ist.
- 04.05.2010
Die Klimakatastrophe kommt vermehrt auch in der Welt der Sprechblasen
und Panels an. Nun ist bei Ehapa Comic Collection das neue Werk Animal'z von Enki Bilal erschienen. Und dessen Szenario ist unmittelbar nach
einem verheerenden Klimakollaps, der die Erde in ein ökologisches
Desaster gestürzt hat, angelegt. Das ist aber nur der Rahmen, den Bilal
mit seinem - buchstäblich - fantastischen Genre-Mix aus
Science-Fiction, Dystopie und Western ausfüllt. So vereint er in seiner
Person Moebius und Jean Giraud. Oder anders ausgedrückt: Animal'z ist eine Kreuzung aus dem Western Blueberry und den Science-Fiction-Klassikern Die hermetische Garage und Arzach.
- 20.02.2010