von Andreas Fisch
Dienstag, 31. März 2009

Ralf König erzählt in
Prototyp die
Schöpfungsgeschichte frech und respektlos neu. Der Prototyp der
Menschheit ist Adam, die Hauptrolle kommt jedoch einer Schlange zu, dem guten
alten "Luz", wie sie genannt wird. Der Leser wird durch die von König
inszenierten Dialoge - vornehmlich zwischen Luz und Gott, der nur als Stimme in
Fraktur in Erscheinung tritt - in eine ganze Reihe von Erwägungen zur
Schöpfung und dem Menschsein verwickelt. Und diese zeichnen sich durch ein
Maximum an Wort- und Bildwitz aus, der aufs Königlichste zu amüsieren weiß und
manchmal zum Nachdenken verführt.

Der Humor lebt vor allem von der Konfrontation aus modernen
Gedanken und altbackenen Kirchenklischees und von allgemeinmenschlich skurrilen
Szenen, etwa wenn den Tieren ihre Stimmen zugeordnet werden und Luz seitenweise
inspiziert, was zwischen Adams Beinen baumelt. Allerdings kam König nicht umhin, hier ein Feigenblatt einzufügen, das sich in der biblischen Schöpfungsgeschichte
nicht dort befindet - manchmal ist die Gegenwart eben prüder als religiöse
Literatur ... Aber wie man das von Königs Knollennasenmännchen kennt, wird das
Feigenblatt auch mal beiseite genommen, dann geht es gar nicht mehr prüde zu,
ist aber nur ein Experiment der göttlichen Frakturstimme. Eine Reihe von Andeutungen im
Wortwitz setzen allerdings eine ganz ordentliche Allgemeinbildung voraus, um
die Anspielungen auf Kreationismus, Albert Einsteins Relativitätstheorie,
Martin Heideggers Philosophie, Platons Höhlengleichnis und anderes richtig
einordnen zu können. Die biblischen Aussagen sind vor allem da treffend in
Szene gesetzt, wo der Mensch beim Durchspielen verschiedener Entwürfe Adams zu
einem verstandesbegabten und eigenverantwortlichen Menschen wird; streng genommen
dürfte man erst dann vom Ebenbild Gottes sprechen.

Sehr fein ist Luz charakterisiert, der mal argumentiert, mal
verzweifelt, mal ganz modern daher kommt, aber immer den Schalk im Nacken
sitzen hat. Die Frakturstimme ist durch Kirchenklischees charakterisiert,
weniger durch den alttestamentlichen Gott: Wo der biblische Gott der Propheten
Gerechtigkeit statt Loblieder einfordert (z.B. beim Propheten Amos: "Weg mit
dem Lärm euerer Loblieder, vielmehr sei die Gerechtigkeit ein nie versiegender
Bach in eurem Land."), da findet die Frakturstimme demütigen Lobgesang
unterhaltsam. Wo das Alte Testament die Sexualität und Fruchtbarkeit als Gabe
Gottes sieht, da reagiert Königs Frakturstimme fast immer verschämt auf
Sexuelles (s. Bildbeispiele), so wie die griechische Leibfeindlichkeit ins frühe Christentum
eingesickert ist. Die Sinnen- und Leibfreundlichkeit des "Hohenlieds" (in
unübertroffener Poesie seitenlang im Alten Testament) findet kurz vor Schluss
Eingang in den
Prototyp - und zwar als Kompliment von Adam an Eva: "Deine
Brüste sind zwei Kitzlein, die unter Lilien weiden". - "Pffh ... Wo hast du das
her?" entgegnet Eva apfelkauend. Für Kenner der biblischen Materie ergeben sich
aus solchen Diskrepanzen nette Gelegenheiten zum Schmunzeln.
Prototyp ist Ralf
Königs Beweis, dass er sich nicht auf Schwulencomics festlegen lassen muss, und
eine treffliche Erweiterung seines künstlerischen Themenspektrums.
Prototyp
ist Ralf König gut gelungen, überaus köstlich und stellenweise auf hohem
Niveau. Derzeit läuft in der FAZ, in der 2007 zunächst zehn Strips von
Prototyp
als Urlaubsvertretung von Volker Reiches
Strizz abgedruckt wurde, seine Nachfolgereihe
Archetyp als reguläre Nachfolgeserie von
Strizz, die die
biblische Erzählung von Noah und der Arche in neuen Worten und Bildern
nachzeichnet.
Prototyp
Rowohlt, November 2008
Text/Zeichnungen: Ralf König
110 Seiten, Hardcover, Farbe; 14,90 Euro
ISBN 978-3498035426
Die Prototyp-Folgen der FAZ lesen
Prototyp © Ralf König
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