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(Vortrag/Diskussion)
von Daniel Wüllner Dienstag, 22. Juni 2010
Was von außen wie ein hochwertiges coffeetable book aussieht, liegt etwas zu leicht in der Hand, um einen Kaffeetisch ausreichend beschweren zu können. Im Inneren setzt sich die Ungreifbarkeit fort: Die raue Oberfläche des wunderschönen Papiers schmiegt sich an die Hand an, doch stoßen die zum Teil perversen Szenen das Auge bewusst wieder ab. Diese anfängliche Ambiguität erhebt der Franzose Winshluss, der eigentlich Vincent Paronnaud heißt, zum künstlerischen Konzept. Nachdem der Autor und Zeichner in Deutschland vor allem als Co-Regisseur der Verfilmung von Marjane Satrapis Persepolis aufgefallen war, erschien im avant-verlag vergangenes Jahr nun mit der grafischen LSD-Odyssee Pinocchio sein erster Comic in Deutschland.
Winshluss’ Neuinterpretation klammert sich dabei nicht an Carlo Collodis magische Erzählung über die kleine Holzpuppe Pinocchio, die sich nichts mehr wünscht als ein richtiger kleiner Junge zu werden, sondern zerstückelt die Geschichte und setzt sie episodenhaft neu zusammen. Die Bezeichnung "Adaption" würde dem Comic jegliche Durchschlagskraft nehmen und sie in eine bestimmte Form pressen. Obwohl das gleiche Personal verwendet wird, so nehmen die Figuren, allen voran Pinocchio, der zum flammenwerfenden Roboterjungen wird, ganz neue Rollen an. Aus Meister Gepetto wird kurzerhand ein geldgeiler Wissenschaftler und aus der kleinen Grille Jiminy wird eine Wanze, ein groteskes Abziehbild des Autors Charles Bukowski. Winshluss hat die Charaktere so weit von ihren Originalen entfremdet, dass jegliche Interpretationsmöglichkeit zunichte gemacht wird. Das einzige was bleibt, sind entfernte Bilder der Figuren aus Collodis Geschichte, die stets einen entfernten Nachgeschmack hinterlassen, der sich nicht auflösen lässt.
Um sich nicht in der Geschichte von Pinocchio festzufahren, lockert Winshluss seinen Comic durch die Abenteuer der kleinen Wanze Jiminy auf, die in Pinocchios Kopf wohnt. Diese Episoden erzeugen einen harschen Kontrast zur eigentlichen Geschichte: Winshluss legt für einen Moment die stimmungsvolle Kolorierung beiseite und beschränkt sich für diese Episoden auf schwarzen Zeichenstift. Im Gegensatz zu den restlichen Akteuren nimmt die kleine Wanze dem Mund ganz schön voll und kotzt einen regelrechten Wortfluss à la Charles Bukowski aus: Vom Trinken, von Frauen, vom Schreiben, vom Sex, von Religion und von Elektroschockern philosophiert Jiminy.
Auch wenn deutsche Comickünstler auf dem diesjährigen Comic-Salon Erlangen merklich an Renommee dazu gewonnen haben, so sind Franzosen noch immer die Herren im Haus, das sich BD nennt. Während man sich hierzulande noch an authentische Adaptionen und an der Aufarbeitung von historischem Stoff festklammert, bringt man in Frankreich Comics über sieben Sadomaso-Zwerge und Selbstmordpinguine heraus und überzeugt damit ganz Europa.
Pinocchio
avant-verlag, Dezember 2009
Text und Zeichnung: Winshluss
Hardcover, 188 Seiten, farbig; 29,95€
ISBN: 9783939080404
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Eine fabelhafte LSD-Odysee, die grafisch und erzählerisch Spannung erzeugt und die Gehirnwindungen in Wallung bringt.
Abbildungen: © Winshluss, der dt. Ausgabe avant-verlagTrackback(0)
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Rezensionen

Suburbia – die Hölle der Vorstadt, der vermeintlich so idyllischen Wohn- und Schlafsiedlungen, in denen sich ein Häuschen mit Garten ans nächste reiht und das nahe Einkaufszentrum das einzige ist, was ein bisschen Abwechslung im faden Alltag verspricht. Oder die Bowlingbahn. Und weil das meistens nicht reicht, hilft man mit Drogen, Alkohol und freudlosem Sex nach. In Der König der Fliegen berichten sechs verschiedene Protagonisten in zehn kurzen Episoden aus ihrem trostlosen Alltag in dieser Welt.
Ein Unwetter zieht auf. Unrasiert und deprimiert liegt Asterios Polyp in seinem Bett in einem schmuddeligen Apartment. Plötzlich kracht es fürchterlich, ein Blitz hat eingeschlagen und brennt das Zuhaue des 50-jährigen, desillusionierten Architekten nieder. Ohne Obdach und vom Regen durchnässt kauft sich Asterios vom letzten Bargeld ein Busticket in die Kleinstadt Apogee.
Eigentlich sollte es nur eine Fingerübung sein, kleine Comic-Episoden
für das private Skizzenbuch. Der kanadische Comic-Künstler Seth (Eigentlich ist das Leben schön)
kreierte hierfür die Figur des Wimbledon Green, eines sehr beleibten,
verschrobenen und exzentrischen Comicsammlers. Und bald fand er an
jenen Versuchen so viel Gefallen, dass er beschloss, mehr daraus zu
machen und sie gesammelt als Buch zu veröffentlichen.
- 28.09.2009
Zuerst sieht alles ganz putzig aus: Eine junge Frau empfängt einen
jungen Herrn, einen Prinzen, und bei einer Tasse Kakao findet eine
zarte Annäherung statt. Die Figuren sehen niedlich aus, als wären sie
Märchenbüchern für Kinder entsprungen, sie sind in fröhlichen Farben
koloriert. Doch bald löst sich der Raum um sie herum auf, sie müssen
fliehen und ein großes Splashpanel zeigt dem Leser, in welcher
Behausung die netten Wesen gelebt haben: Sie sind winzig kleine
Gestalten, und sie kommen aus dem Körper eines kleinen toten Mädchens
gekrochen. Wie Gulliver liegt dieses Mädchen am Boden, im Vergleich zu
den kleinen Lebewesen wirkt es wie ein Riese.
- 17.12.2009
Um es gleich vorweg zu sagen: Eine erstklassige Graphic Novel! Emmanuel
Lepage hat nicht nur ein außergewöhnliches Thema aufgegriffen, sondern
auch eine fantastische Erzählweise gefunden. Muchacho erzählt
die Geschichte des jungen angehenden Priesters Gabriel im
revolutionären Nicaragua von 1976, kurz vor dem Umsturz der Diktatur
des Familienclans der Somozas und dem Sieg der Sandinisten 1979.
Gabriel de la Serna stammt selber aus einer der Familien, die dem
Somoza-Regime nahe stehen. In ein Dorf geschickt, um in der dortigen
Kirche ein Wandbild zu malen, wird er mit dem prallen Leben der
einfachen Menschen konfrontiert: verführerische Frauen, Träume und
Hoffnungen der Dorfbewohner, Repression durch die Guardia Somozas und
die heimliche Organisation des gewaltsamen Widerstands.
- 08.11.2008