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von Daniel Wüllner Sonntag, 23. Mai 2010


Outcault: Die Erfindung des ComicDen Urcomic, die Geburtsstunde dieser Kunstform festzulegen, ist der heilige Gral der Comicforschung; jeder würde ihn gerne anfassen, doch ist die fortwährende Suche nach ihm das eigentliche Ziel. Auf diese Reise haben sich nun auch Jens Balzer und Lambert Wiesing in Outcault: Die Erfindung des Comic gemacht. Sie haben den Comicstrip The Yellow Kid eingehend studiert und erzählen von der „stehenden Figur“, vom Großstadt-Flaneur und vom besonderen Status der Sprechblase in diesem Comicstrip. Dabei bringt der dritte Band der yellow-Serie einen frischen gelben Wind in die deutsche Comicforschung.

Interessant ist beim dritten Band der Schriften zur Comicforschung, dass diesmal zwei Autoren mitgewirkt haben. Seine Vorteile aus dieser Situation zieht die Publikation sicher aus dem Diskurs der beiden Autoren und ihrer unterschiedlichen Ansätze: Auf der einen Seite Jens Balzer, der als Feuilletonredakteur und Comicautor eine sehr pragmatische Herangehensweise bevorzugt, dabei aber nicht minder wissenschaftlich ist, und auf der anderen Seite Dr. Lambert Wiesing, seines Zeichen Professor für Bildtheorie und Phänomenologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. So sehr diese Unterschiede erfrischend wirken, so sehr merkt man dem Band auch an, dass er eine Sammlung von vier Aufsätzen darstellt, in die nachträglich und umständlich Brückschläge – „wie wir im nächsten Kapitel noch sehen werden“ – zur besseren Anbindung eingebaut wurden.

Ohne große Vorworte räumt Balzer in seinem ersten Aufsatz „Hey, schau einmal her! Ein gelber Junge!“ mit den üblichen Mythen über The Yellow Kid auf. Nicht etwa die gelbe Druckfarbe oder irgendeine andere technische Apparatur machten aus Outcaults Comicstrip die Urszene des Comic, sondern vor allem die „stehende Figur“ des Mickey Dugan, des Jungen mit gelbem Nachthemd. Balzer weist die gelbe Farbe und die markanten Segelohren als stilistische Mittel aus, die den Jungen zur Identifikationsfigur gemacht haben. Er hebt sich als zentrales Wiedererkennungsmerkmal vom restlichen Geschehen dieser Wimmelbilder ab. So wird aus den einzelnen Episoden einer Serie eine Comicreihe, die Schritt für Schritt die Möglichkeit bekommt, ihre eigenen Konventionen zu etablieren, sich ihre Geschichte selbst zu schreiben.

Verschränkung von Wort und BildAls zweite kulturhistorische Eigenheit, die der Comic für sich in Besitz nimmt, sieht Balzer die Verschränkung von Bildern und Worten. Outcaults Strips sind geradezu zugepflastert mit Texten: Schrift an Wänden, Worte auf Mickeys Nachthemd und eine Vielzahl von bedruckten Schildern. Anhand von Walter Benjamins Studien zum Großstadt-Flaneur zielt Balzer auf die „Zerstreuung als Wahrnehmungsdisposition“ ab. Soll heißen: Der Leser wird mit der modernen Großstadt konfrontiert und lässt seinen Blick über die Fülle des Bildes wandern. Erst so gelingt es ihm, Sinn aus dem Zusammenspiel von Wort und Text zu extrahieren.

Ergänzend wäre an dieser Stelle ein Seitenblick auf die aktuellen Studien von Christopher Couch gewesen, der Outcaults Strip als Plattentektonik beschreibt. Bei Couch finden die Kolumnen und Spalten, die in der Zeitung nur mit Text gefüllt sind, ihren Weg in das seitenfüllende Bild von The Yellow Kid und verwachsen mit ihm.

Im Gegensatz zu den recht zugänglichen Texten Balzers konstruiert Wiesing sein Kapitel sehr theoriegewaltig. Umso klarer ist dafür seine Aussage: „Von einem Comic kann man demnach nur dann sprechen, wenn mit Sprechblasen gearbeitet wird.“ Sicher habe ich mich sofort hinreißen lassen, mir mehrere Beispiele von wortlosen Comics aufzuzählen, um Wiesing zu widerlegen, denn man möchte ja nicht, dass ein anderer den Gral zuerst findet. Doch muss man den Mann wirklich erst ausreden lassen, um sein Konzept richtig zu verstehen. Folgt man brav seinem phänomenologischen Ansatz und schenkt ihm ein wenig Geduld, dann ist man der Lösung schon einen großen Schritt näher gekommen. Im Prinzip ist es ganz simpel: „Die Realität der Sprechblase färbt sich auf den Relitätsstatus der Comic-Figur ab.“

Die transparente SprechblaseWas das genau heißen soll, exerziert Wiesing auch sofort an mehren Sprechblasen in The Yellow Kid und dessen Konkurrenten exemplarisch durch. Man kann anhand von Beispielen leicht den Unterschied erkennen, den ein mittelalterliches Spruchband im Vergleich zu einer Sprechblase hat. Während dieser Vergleich bereits von anderen Comicwissenschaftlern gedacht wurde, geht Wiesing einen Schritt weiter und fragt, was denn eine transparente Sprechblase von einer sauberen weißen unterscheidet und welche Bedeutung der leere weiße Raum in dieser Blase eigentlich hat. Beim Lesen und Betrachten der gut ausgewählten Bildbeispiele setzt die Bewusstwerdung vollends ein. Hatte man sich denn noch nie gewundert, warum man nicht durch Obelix’ Sprechblasen hindurch schauen kann?

So kommt Wiesing zu dem Schluss, dass der Status der gedruckten Schrift, der bildlich dargestellten Welt erst ihre Konsistenz verleiht. So lässt sich die Frage nach der Urszene leicht lösen: Outcaults The Yellow Kid war der erste Comic, der durch wechselnde Arten von Sprechblasen – von der Schrift auf dem Nachthemd über transparente Sprechblasen bis zu unserem heutigen Prototyp – einen Reifeprozess durchlebt hat, der nicht nur irgendeine Erzählkonvention erfunden hat, sondern dem Bild erst eine eigene Realität verleiht.

Nachdem die Autoren in den ersten beiden Kapiteln ihr Pulver wort- und theoriegewaltig verschossen haben, fragt man sich, warum Balzer noch zwei Aufsätze nachlegen muss. Sowohl die Werkschau Outcaults als auch alternative Urszenen des Comic wirken trotz ihrer Kürze deplaziert. Das homogene Wechselspiel, das in den ersten beiden ersten Kapiteln so konstant umgesetzt wurde, verflacht gegen Ende bei dem Versuch, die restlichen Seiten auch noch mit gut zu lesenden und bunt bebilderten Texten zu bestücken. Eine Positionierung dieser beiden Kapitel zu Beginn des Bandes hätte zwar die starken Argumenten der Autoren an das Ende der Publikation verbannt, dem ganzen Band aber eine Kontinuität gegeben, die nicht so aufgezwungen gewirkt hätte. Doch diese Randbemerkung soll die mutige und wissenschaftlich präzise Doppelleistung der beiden Autoren nicht trüben.

Ein ausführlicher Bericht (auf Englisch) über die  komplette yellow-Reihe und den Christian A. Bachmann Verlag findet sich hier.

Outcault: Die Erfindung des Comic
Christian A. Bachmann Verlag, 2009
Text: Jens Balzer und Lambert Wiesing
104 Seiten, broschiert; 16,- Euro
ISBN: 978-3-941030-07-7




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Abbildungen: © Christian A. Bachmann Verlag


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