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(Vortrag/Diskussion)
von Thomas Kögel Samstag, 23. Januar 2010
Das erste, was dem Leser bei diesem Comic auffällt, sind die Figuren: Es handelt sich ausschließlich um Skelette. Denn Unter Knochen spielt im Fegefeuer. Bei Éric Liberge ist dies eine düstere Version des Jenseits: ein Totenreich, in dem die Menschen unmittelbar nach ihrem Tod landen, zwar ohne ihre leibliche Hülle, aber zumindest mit einem Bewusstsein und einem Skelett. Das Fegefeuer, so lehrt es die Kirche und so erwarten es auch die Bewohner dieser Geschichte, ist nur eine Durchgangsstation. Doch hier entpuppt es sich als Sackgasse: Alle warten und warten, aber nichts geschieht. Und weil sich ihre Gebeine über die Jahre abnutzen, müssen sich die Skelette diverse Ersatzteile suchen, wenn mal wieder ein Schienbein oder eine Schädeldecke zu Bruch gegangen ist.
Während wir gemeinsam mit Victor staundend diese tote, fremde Welt kennenlernen, stellt sich langsam heraus, dass eine Verschwörung im Gange ist. Das Fegefeuer wird von einem strengen Regime kontrolliert, das seine Bewohner im Unklaren lässt, was mit ihnen geschieht. Allzu neugierige Personen werden weggesperrt. Eine kleine Gruppe von Widerständlern will aber genauer wissen, was es mit dem Fegefeuer eigentlich auf sich hat und setzt dabei große Hoffnungen in den Neuankömmling Victor: Dieser war nämlich im irdischen Leben Kartograph – nun soll er das Totenreich vermessen und eine Landkarte anfertigen.
Unter Knochen beginnt im ersten Band mit einer großen Portion galligem Humor. Das Fegefeuer als verkommene Parallelgesellschaft, wo körperliche Genüsse nicht mehr möglich sind: Die Leute verzehren sich nach Wein oder Kaffee, müssen aber mit Quecksilber oder Altöl als Erfrischungsgetränke vorlieb nehmen. Der sarkastische Grundton, den das erste Album auszeichnet, geht leider in den Folgebänden nach und nach verloren. Stattdessen wird die Serie immer mehr zur metaphysischen Betrachtung des Lebens nach dem Tod. Mit der Hilfe von Kaffee, der hier die Rolle einer bewusstseinserweiternden Droge einnimmt, begibt sich Monsieur Mardi-Gras auf einen Trip zum Inneren des Fegefeuers, der deutlich von den zehn Kreisen der Hölle in Dantes Göttlicher Komödie inspiriert ist. Und während die Hauptfigur sich auf ihrem posthumen Selbstfindungstrip befindet, spielt sich in der Hauptstadt des Fegefeuers eine Revolution ab, die die bisherigen Regeln ins Wanken bringt und all den unerlösten Skeletten einen Ausweg aus der endlosen Dauerschleife des Fegefeuers verspricht. Aber wollen sie das überhaupt? Oder ist dieses jenseitige Leben nicht doch ganz angenehm?
Grafisch hingegen steigert sich die Serie mit jedem Album. Den ersten beiden Bänden ist anzumerken, dass sie ursprünglich schwarz-weiß gezeichnet und später nur ganz dezent nachkoloriert wurden. Später änderte Liberge seine Zeichentechnik, so dass seine Bilder noch deutlich filigraner wirken. Er erschafft hier eine unwirkliche, faszinierend düstere und sehr detailreiche Welt, in die man als Leser gerne eintaucht, auch wenn sie alles andere als einladend wirkt.
Monsieur Mardi-Gras - Unter Knochen
Band 1: Willkommen!
Band 2: Das Teleskop von Charon
Band 3: Das Land der Tränen
Band 4: Die Formel der Wiederauferstehung
Splitter Verlag, 2008-2009
Text und Zeichnungen: Éric Liberge
Hardcover, farbig; Bd. 1-3: je 64 Seiten, 13,80 Euro, Bd. 4: 72 Seiten, 14,80 Euro

Abbildungen: © Splitter Verlag
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Auf dem Frontcover der Rücken eines Mannes, auf dem ein weinender Jesus am Kreuz martialisch eingeritzt wurde, auf dem Backcover eine kleine Skizze, die einen Priester zeigt, der einem gebückten Kind sein Glied entgegenstreckt. Keine Frage, das neueste Comicalbum von Matthias Schultheiss ist nichts für zarte Gemüter. Einige Menschen würden es gar als geschmacklos bezeichnen, denn was der deutsche Ausnahmekünstler hier vorlegt, geht weit über sanfte Kirchenkritik hinaus. Schultheiss zündet nichts weniger ein blasphemisches Feuerwerk.
India Dreams ist laut Klappentext „eine grandiose
Familiensaga im exotischen Indien". Erzählt wird die Familiengeschichte vor
allem von Emily Harrison, die allerdings eng mit ihrer Mutter und ihrer Tochter
verbunden ist, so dass man Indien durch die Erfahrungen und Augen dreier
Generationen von Frauen sehen lernt und so nach und nach die Lebens- und
Liebesgeschichten der Frauen nachvollziehen kann. In der deutschen Ausgabe werden die vier
Einzelalben zu einer Gesamtausgabe zusammengebunden.
Eine hervorragende Coveridee stimmt gut auf das Album ein. Das Tuch,
welches der Indianer trägt, weist Lilien auf, die zum französischen
Königshaus gehören, sowie den britischen Union Jack. Beides fließt am
Boden zur amerikanischen Flagge zusammen. Da die Handlung während des
Krieges zwischen England und Frankreich spielt, wobei jede Seite
verschiedene Indianerstämme auf ihrer Seite hat, ist das Cover ein
wirklich gelungenes Symbol.
- 09.07.2010
Eines muss man sich hier direkt staunend vor Augen halten: Annas Paradies ist die erste Serie von Daniel Schreiber. Ursprünglich war die Geschichte als Film geplant. Als Schreiber aber neue Ideen kamen, arbeitete er das Drehbuch in ein Comicskript um und realisierte so seine erste Serie. Gänzlich unerfahren ist der Autor im graphischen Bereich nicht, da er schließlich schon seit 15 Jahren als Illustrator arbeitet. Aber in dieser engen Text-/Bildkombination, wie es in einem Comic nun mal der Fall ist, hatte er bislang noch nicht gearbeitet.
Die große Kunst bei der Schaffung von Comics liegt darin, Lücken zu
füllen. Und damit sind die Lücken zwischen den Bildern gemeint. Erst
durch den Lesefluss des Betrachters werden die Bilder inhaltlich
miteinander verknüpft und im Kopf des Lesers entsteht nicht nur eine
zusammenhängende Story, sondern auch eine Dynamik, die im Kopf einen
Film ablaufen lässt. Die Kunst der Schöpfer besteht unter anderem darin,
Story und Dynamik adäquat zu gliedern. Warum diese allgemeine These,
die eher zu einer theoretischen Abhandlung zu Comics gehört, hier in
einer Rezension steht? Weil diese Lücken im ersten Band der Reihe Die Korsaren der Alkibiades
einen Tick zu groß geworden sind. Es holpert und stolpert an allen
Ecken und Enden, wie eine Dampflok, die zu wenig Holz als Antrieb zu
fressen bekommt.
- 05.10.2010