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(Vortrag/Diskussion)
von Simon Weinert Mittwoch, 28. März 2007
Sie trägt eine elegante Maske und ist so sehr Heldin, wie
sie gut aussieht. Blond, lange Beine, schwellender Busen, und wenn sie
ihre
Klinge zieht, erlebt der Betrachter eine anmutige, akrobatische
Zirkusnummer.
Sie ist keine Kriegerin superheldischen Formats mit Muskelpaketen und
immerwährender Coolness, sie ist vielmehr sehr weiblich und ihre viel
zu großen,
weit aufgerissenen Augen zeigen nicht ihre Entschlossenheit, sondern
ihre
Gutherzigkeit und ihr Einfühlungsvermögen. Sie heißt Marlysa und wurde
von
Jean-Charles Gaudin und Jean-Pierre Danard geschaffen. Doch bei den ersten, bei
Carlsen auf Deutsch erschienenen Alben dieser Fantasy-Serie half Didier
Crisse den
Autoren noch bei den Storyboards. Und wenn man das Werk dieses
Künstlers kennt,
wundert man sich nicht über die überbetonte Attraktivität der
Hauptfigur und
ihre großen Augen ...
"Die Lebensfrau" ist der sechste Band der Serie um die maskierte Heldin, setzt die Kenntnis der ersten fünf Alben von Carlsen, die einen Erzählzyklus bilden, allerdings nicht voraus. Das behaupte ich zumindest, denn ich habe eine Lücke, die die Bände drei bis fünf umfasst, und ich hatte den Eindruck, der Handlung dieses sechsten Bandes recht gut folgen zu können. Ein Reiz der Serie ist das Geheimnis, das Marlysa unter ihrer Maske verbirgt und das in den Alben, die ich kenne, für den Leser nie gelüftet wird. Ansonsten warten die Abenteuer der Kriegerin mit vielen fantastischen Wesen, mysteriösen und magischen Ereignissen und finsteren Mächten auf, die das klassische Inventar der landläufigen Fantasy-Literatur zitieren und variieren.
Alles in allem ist die Welt Marlysas nett und beschaulich. Die Bösen sind freilich ziemlich unnett und die Abenteuer mitunter sehr gefährlich, aber die normale Bevölkerung ist ganz nach dem Bilderbuch geschneidert, die "Guten" wechseln viele innige Blicke der Freundschaft mit großen Augen. Und so wird, vor allem in den Panels der frühen Bände der Serie, die Grenze zum Kitsch des Öfteren überschritten.
Doch trotz Nettigkeit und Kitsch gelingen Gaudin sehr schlüssige und spannende Plots, die den Leser auch über das eine oder andere zu weit aufgerissene Augenpaar und geschwellten Busen hinweg bei der Stange halten und unterhalten. In "Die Lebensfrau" reist Marlysa zu einem Turnier, wird unterwegs aber Zeugin eines Überfalls auf eine Kutsche. Sie schreitet rettend ein und nimmt sich der überlebenden Passagierin an. Es ist eine uralte Greisin, die von den Söldnern des Grafen von Aklon gejagt wird. Während des Turniers in Campion kommt es zu einem neuen Überfall, der Marlysa beinahe das Leben kostet. Doch da taucht ein Helfer auf, der Druide Sitryen, der ihr das Geheimnis der alten Frau erklärt: Sie ist die prophezeite Lebensfrau, die sich innerhalb von sechs Tagen von einer Greisin in einen Säugling verwandelt. Als Säugling muss sie in die "Wiege" gelegt werden, was aus irgendeinem Grund die Henkyafälle sind, damit die Herrschaft des bösen Grafen von Aklon ein Ende nimmt. Marlysa kämpft sich mit ihrer Schutzbefohlenen, die immer jünger wird, durch, stets auf der Flucht und immer nahe am Scheitern. Doch sie findet auch Unterstützung durch gute Menschen und anderen Wesen.
Prophezeiungen sind zwar klassisch, weil sie so schön
biblisch sind, und ein Retter (gleich Heiland) wäre ja nicht er selbst, wenn er nicht
angekündigt wäre - ganz zu schweigen, dass ein Herodes (gleich böser Graf von Aklon)
ohne prophetische Herrschervorhersage gar keine spannende Heilandjagd
veranstalten könnte -, doch als Handlungsmotivation erweisen sie sich häufig
als mager. So auch in "Die Lebensfrau". In der Bibel gibt es wenigstens noch
einen personifizierten Willen, der hinter dem Heilsplan steht, Gott; die Prophezeiung
von der Lebensfrau dagegen ist einfach da. Man weiß nicht, welche Macht oder
Instanz den bösen Grafen zu Fall bringen möchte, wer die Lebensfrau in die Welt
setzt, wer die Prophezeiung verkündet. Keine Gottheit, keine Naturmacht, kein Orakel.
Nur ein Druide, der das eben weiß.
Doch das ist schon das einzige schwerwiegende Manko dieses
Fantasy-Abenteuers und kann das Lesevergnügen kaum mindern, denn wer macht sich
in einem spannenden Plot schon ständig Gedanken um göttliche oder
nichtgöttliche Heilspläne? Und spannend ist der Plot. Souverän und ohne Hast oder
Hänger wird die Handlung aufgebaut, werden die Parteien vorgeführt und wird die
Lage zugespitzt. Und spätestens nachdem der Druide das Geheimnis um die Greisin
gelüftet hat, galoppiert das Abenteuer von einer brenzligen Situation in die
Nächste. Nicht immer ist Gewalt die Lösung, oft führen List und glückliche
Zufälle zum Ziel. Marlysa schließt sich zum Beispiel einmal einer Gruppe
Schauspieler an. Als die auf dem Marktplatz einer Stadt ein Stück vorführen,
tauchen die Schergen des Grafen auf. Schnell wird ein drolliges
Ablenkungsmanöver inszeniert, das von Geist und Heldentum zeugt und den beiden
Frauen die Flucht ermöglicht. Nebenbei gelingt es Marlysa sogar, eine
freundschaftliche Beziehung zu der Lebensfrau und zu einem Späher eines wilden,
ziegenköpfigen Phantasievolks aufzubauen.
Die Bilder wirken im Vergleich zu den ersten beiden, mir
bekannten Bänden, eleganter, gereifter - besser. Die Farben (von Angélique Césano)
sind dezenter gesetzt, leichter und mitunter sehr stimmungsvoll. Die Frauenfiguren
haben immer noch einen Hang zum "Schwellen", haben insgesamt aber eine deutlich
klassischere Form angenommen, so dass sich aller Kitsch, der sich noch in den
Panels findet, in einem wohlgefälligen Rahmen bewegt. Einen angenehmen
Zeitvertreib für die Sehnerven bereiten die wunderschönen Hintergründe: Burgen,
Städte, Markt-, Opfer- und Turnierplätze, die sehr detailreich und fantasievoll
dargestellt sind.
Und so muss ich gestehen, dass dieser Comic mir durchaus
gefallen hat, und das, obwohl ich mittlerweile eine Aversion gegen
Prophezeiungen im Fantasy-Genre habe und langbeinigen Frauen mit großen Augen in der Tradition
eines Didier Crisse etwas stirnrunzelnd begegne. Und das will schon etwas
heißen, oder?
Übrigens ist "Die Lebensfrau" der erste Comic von Splitter, den man, wenn
man möchte, im Verbund mit einer aufwändig gefertigten Figur der Titelheldin
erwerben kann. Über die ästhetischen und sonstigen Qualitäten dieser Figur kann
ich allerdings nichts sagen. Wenn der Splitter Verlag
den Figuren allerdings ebenso viel Sorgfalt angedeihen lässt wie seinen
Hardcover-Alben, dann dürfte die dreidimensionale Marlysa ihrer
zweidimensionalen Variante an Attraktivität nicht nachstehen. Weitere Figuren zu anderen Serien sind übrigens geplant, wie man dem Katalog entnehmen kann.
Marlysa 6 - Die
Lebensfrau
Splitter Verlag, Februar 2007
Text: Jean-Charles Gaudin
Zeichnungen: Jean-Pierre Danard
Farben: Angélique Césano
48 Seiten, farbig, Hardcover; 12,80 Euro
ISBN: 978-3-939823-28-5















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Rezensionen

In der Rezension zum ersten Band der Fantasyserie vom umtriebigen französischen Comicszenaristen Gaudin (u.a. Marlysa und Die Seuche) und Zeichner-Neuling Armand schrieb ich unter anderem, der Comic sei "nett" – sowohl im Sinne von "sympathisch und ansprechend" als auch "mittelmäßig und unoriginell". Im zweiten Band überwiegen leider die letzten beiden Attribute.
Nach einer etwas längeren Wartezeit kommt der zweite Band und Abschluss von Die Welt von Lucie als Splitter Book heraus. Auch der zweite Band ist recht voluminös geworden und der Leser freut sich auf die Beantwortung der vielen Fragen, die im ersten Band gestellt wurden.
Eine hervorragende Coveridee stimmt gut auf das Album ein. Das Tuch,
welches der Indianer trägt, weist Lilien auf, die zum französischen
Königshaus gehören, sowie den britischen Union Jack. Beides fließt am
Boden zur amerikanischen Flagge zusammen. Da die Handlung während des
Krieges zwischen England und Frankreich spielt, wobei jede Seite
verschiedene Indianerstämme auf ihrer Seite hat, ist das Cover ein
wirklich gelungenes Symbol.
- 09.07.2010
Alexandro Jodorowsky, einer der ganz großen Comicautoren, meldet sich mit seiner neuen Serie Der schreckliche Papst zurück. Hatte sich Jodorowsky zunächst viel mit Science-Fiction beschäftigt (John Difool mit Moebius, Die Kaste der Meta-Barone mit Juan Giménez) und dann mit Western (Juan Solo und Bouncer) drückt er nun dem historischen Comic seinen Stempel auf. Die mit Milo Manara begonnene Serie Borgia (bei Kult Editionen) läuft noch und schon kommt quasi die Fortsetzung heraus.
- 19.08.2010