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von Thomas Kögel Mittwoch, 17. März 2010
Mit Erfolgen wie Astro Boy oder Kimba, der weiße Löwe hatte sich Osamu Tezuka in den 50er und 60er Jahren einen Ruf als großer Meister des Manga und Anime, als "japanischer Walt Disney" erworben. Im Gegensatz zu jenem gab er sich jedoch nicht damit zufrieden, ausschließlich kindgerechte Geschichten für die ganze Familie zu erzählen. Als in den späten 60ern in Japan Manga für erwachsene Leser in Mode kamen, wollte sich auch "Manga-Gott" Tezuka diesem Trend nicht verschließen.
Kirihito entstand 1970 als Fortsetzungsgeschichte für das Magazin Big Comic. Tezuka erzählt vom Mediziner Kirihito Osanai, einem jungen Arzt, der die mysteriöse "Monmo-Krankheit" erforscht. Deren Opfer verwandeln sich in hundeähnliche Geschöpfe mit Schnauze, Fell und unbändigem Appetit auf rohes Fleisch. Auf den Spuren der Krankheit, die nur in besonders abgelegenen Gebieten auftritt, infiziert er sich selbst und verschwindet wenig später von der Bildfläche. In der Zwischenzeit versucht sein Vorgesetzter, Professor Tatsugaura, sich mit den aktuellen Forschungsergebnissen zu profilieren und sie für seine Karriere nutzbringend einzusetzen - koste es, was es wolle. Der zweite Band konzentriert sich dann vor allem auf Kirihitos Freund und Kollegen Urabe. Er erkennt, dass es dem Professor nur um sein eigenes Fortkommen geht und versucht herauszufinden, wo Kirihito steckt und wie man ihn heilen könnte.
Osamu Tezuka reichert diese Geschichte mit allerlei spannungsfördernden Zutaten an: mit Sex und Gewalt, mit Intrigen und Verschwörungen, mit verrückten Superreichen und frommen Ordensschwestern. So entsteht ein origineller Medizin-Thriller, der den Leser mitreißt und mit immer neuen Wendungen überrascht. Allerdings kommen auffällig viele Elemente der Story aus der Schublade trivialer Unterhaltung. Viele Plot-Elemente und Charaktere erinnern an B-Movies und "Schundromane", die christliche Symbolik, die immer wieder aufgegriffen wird, kommt sehr plump und Holzhammer-artig daher und einige Wendungen wirken viel zu aufgesetzt und unglaubwürdig. Zum Beispiel bei der Figur der Lihua, einer Art Bond-Girl, die sich von einer freundlichen Helferin zur nymphomanen Schurkin und wieder zurück wandelt, dabei aber im Wesentlichen nicht mehr ist als schmückendes erotisches Beiwerk. Somit ist Kirihito zwar rasante und spannende Erwachsenen-Unterhaltung, der Begriff "Meisterwerk" scheint aber stark übertrieben für ein Werk, das letztlich eine klassische Abenteuergeschichte erzählt, bei der man Gut und Böse immer schön einfach auseinanderhalten kann.
Das besondere - und in dieser Hinsicht tatsächlich meisterhafte - an Kirihito ist jedoch, wie Tezuka seine Geschichte erzählt: Auf der Ebene der Bilder bewegt sich dieser Manga weit über dem Durchschnitt und bietet großartiges Augenfutter. Tezuka experimentiert mit waghalsigen Seitenlayouts, mischt realistische Zeichnungen mit grotesken Knollennasen-Cartoonfiguren, setzt Akzente mit Schwarz und Weiß, driftet in surreale Traumbilder ab und kehrt kurz darauf wieder zum Fotorealismus zurück. Kurz: Er nutzt ein enorm breites Spektrum grafischer Erzählmöglichkeiten für seine Geschichte. Das bereitet große Lesefreude und sorgt dafür, dass das Werk sehr gut gealtert ist; trotz seiner 40 Jahre fühlt sich dieser Manga niemals altbacken oder antiquiert an.
Damit ist Kirihito sicherlich ein wichtiger Baustein im Gesamtwerk von Osamu Tezuko. Einem Gesamtwerk, das auf Deutsch bisher nur in kleinen Bruchstücken vorliegt. Schon deshalb ist dieser Ausgabe ein Erfolg zu wünschen, denn jede verkaufte Ausgabe erhöht die Chancen, dass wir in absehbarer Zeit auch die wirklichen Meisterwerke aus seinem Spätwerk zu Gesicht bekommen: Black Jack (in dem Tezuka, selbst Doktor der Medizin, abermals einen Arzt in den Mittelpunkt stellt) und das leider unvollendet gebliebene Epos Buddha über Religionsgründer Gautama Siddharta.
Mittelprächtiges Werk eines großen Comickünstlers
Kirihito 1 und 2
Carlsen, Oktober 2009 und Januar 2010
Text und Zeichnungen: Osamu Tezuka
je 288 Seiten, Softcover mit Klappenbroschur, schwarz-weiß; 16,90 Euro
ISBN: 978-3-551-79180-1 (Bd.1)
ISBN: 978-3-551-79181-8 (Bd.2)
Abbildungen: © Carlsen Verlag















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Die französischen Künstler Pascal
Rabaté und David Prudhomme sind spätestens seit diesem
Jahr dem
deutschsprachigen Comicleser nicht mehr unbekannt. Von beiden wurde
unlängst je
ein Werk bei Reprodukt veröffentlicht, zum einen Rabatés Bäche und
Flüsse, zum
anderen Prudhommes Rembetiko. Die Plastikmadonna, eine Kollaboration,
erschien
nun bei Carlsen unter dem großzügig bedientem Graphic-Novel-Label.
- 08.08.2010
Eigentlich ist es verwunderlich, dass gerade der autobiografische Comic so starke Popularität erlangt hat. Es scheint ja irgendwie schwer vorstellbar, ein langweiligeres Thema für einen Comic zu finden als einen Comiczeichner. Was tun diese bedauernswürdigen Individuen denn schon Spannendes? Sie sitzen in ihrem Zeichenstudio und füllen weiße Seiten mit schwarzen Strichen. Den ganzen Tag lang. Spät nachts gehen sie schlafen, und morgens stehen sie wieder auf, um die selbe Prozedur des Vortages zu wiederholen. Nichts, worüber sich zu erzählen lohnen würde.
In den letzten Jahren gab es eigentlich nur einen Comic, der das Leben wirklich gerockt hat. Mit Scott Pilgrim fusioniert Bryan Lee O'Malley Manga mit westlicher Populärkultur, ohne dabei die Form des japanischen Comics zu leugnen noch die Freude an Rockmusik und Videospielen unter den Tisch fallen zu lassen. Pünktlich zum Filmstart im Herbst ist der ungewöhnliche Manga nun auch auf dem deutschen Comicmarkt erschienen.
Wirklich interessante Thriller bieten mehr als nur einen Mord- oder Kriminalfall. Im Fall von Das geheime Dreieck ist das eine ganze Menge, was da „mehr“ geboten wird. Die Autoren verknüpfen in ihrer typisch frankobelgischen Serie Realismus mit einem Hauch von Phantastik. Sie schlagen die Brücke von der Historie zur Gegenwart und experimentieren dabei auch noch visuell, indem sie konsequent jeweils zwei verschiedene Zeichner für die Gegenwart und die Geschichte zeichnen lassen.
Der unermüdliche Pionier Jiro Taniguchi dringt erneut in schwer zugängliche Gefilde des Erzählens vor und erweitert wieder die Grenzen der Comicliteratur – im Buch Der spazierende Mann überaus gelungen.