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(Vortrag/Diskussion)
von Simon Weinert Samstag, 04. November 2006
"Ach, sei still! Trink deinen Scotch aus, geh duschen. Und
komm vögeln!"
In Jacques Tardis neuester Romanadaption einer Vorlage von
Jean-Patrick Manchette geht es im Prinzip so zu wie in Frank Millers Sin
City. Sex, Gewalt und Rache sind bestimmende Elemente der Handlung, die
Optik ist schwarz-weiß und trostlos. In den Details aber unterscheiden sich das
von Tardi/Manchette gezeichnete Frankreich der Siebzigerjahre und die fiktive
Stadt der blutigen Sünde gewaltig voneinander.
Während in Sin City eine fast
schon rauschhafte, ästhetische Verklärung von Gewalt stattfindet, konzentriert
sich „Killer stellen sich nicht vor“ mehr darauf, das Geschehen in einem
Geflecht von Wechselwirkungen verschiedener Lebensbereiche zu zeigen, in einem
Zusammenspiel von persönlichen, familiären, gesellschaftlichen, national- und weltpolitischen
Ereignissen. Das Paris Tardis ist verstörender, in gewisser Weise hässlicher
als Sin City.
Nun habe ich mich vor lauter Begeisterung zu inhaltsschweren
Sätzen hinreißen lassen, sollte aber doch alles der Reihe nach abhaken. Darum
erst mal die Handlung: Georges Gerfaut ist Ingenieur, der für seine Firma
Elektrogeräte an den Einzel- und Großhandel verkauft. Sein Innenleben „ist
dunkel und konfus, in groben Zügen erahnt man linke Ideen.“ Als er einmal mit
seinem Auto unterwegs ist, beobachtet er, wie ein Citroen von einem Lancia von
der Straße abgedrängt wird. Er bringt den schwer angeschlagenen Fahrer in ein
Krankenhaus, ohne sich aber nach dessen Namen zu erkundigen.
Er ahnt nicht, dass die Killer Carlo und Bastien, die in dem
Lancia saßen, ihn nun für einen Mitwisser halten. Mitwisser von was? Sie hatten
nur von einem Monsieur Taylor - den wir vor einem aufgeschlagenen Playboy-Heft
masturbierend kennen lernen: „Er fristete ein elendes Dasein. Er lebte völlig
allein.“ - den Auftrag bekommen, den Fahrer des Citroens kaltzustellen. Nun
heften sie sich Gerfaut an die Fersen, und drei Tage später, während er mit
Frau und seinen zwei Kindern im Badeurlaub ist, versuchen sie ihn zu ertränken.
Der Anschlag misslingt, doch Georges ist so verstört, dass er seine Familie
sitzen lässt und zurück nach Paris fährt. Dort aber wird er von den Killern
entdeckt und gejagt. An einer Tankstelle kommt es zu einer haarsträubenden
Schießerei, bei der Carlo getötet wird.
Gerfaut flieht verletzt und versteckt sich in einem Güterzug,
der allerdings schon von einem Penner besetzt ist. Der Penner schlägt ihn
nieder, raubt ihn aus und wirft ihn in den Alpen aus dem Zug. Gerfaut wird von
einem alten Kauz gefunden, der ihn bei sich in einer Hütte wohnen lässt. Obwohl
er sich dort einen neuen Namen zulegt, wird er irgendwann von Bastien entdeckt.
Wieder kommt es zu einer Schießerei. Da beschließt Gerfaut, den Auftraggeber zu
finden und sich zu rächen.
Das vielschichtige, textreiche Szenario zeigt eindrucksvoll
die Labilität einer auf den ersten Blick normalen Existenz. Gerfauts gesamtes
Leben läuft aus dem Ruder. Nach dem ersten Angriff auf sein Leben kommt er erst nach fast einem Jahr
wieder zu seiner Familie zurück. Das scheinbar normale Leben, das er danach wieder aufnimmt, ist
aber eine Farce, denn mittlerweile hat er „mindestens zwei Männer getötet“.
Die Handlung wird immer wieder durch Details in den Bildern
oder durch Zeitungszitate ins Verhältnis zum Rest der Welt gesetzt. Es ist erschütternd
zu beobachten, wie indifferent Gerfaut dem politischen Klima seiner Zeit
begegnet, obwohl sein Fall durchaus politische Komponenten hat, wie sich später
herausstellt. So kehrt er nach seinem „blutigen Abenteuer“ wieder „in sein Nest“
zurück. Es hat sich nichts geändert, es ist alles nur noch ein bisschen
unerträglicher geworden.
Ein Leitmotiv, das den Comic durchzieht, ist Jazzmusik. Da
bin ich leider zu unbeleckt, um die Bedeutungsnuancen herauszufiltern, die
sicher auch in der häufigen Nennung gerade zu hörender Jazzmusiker intendiert
sind. Denn in den Panels von Jacques Tardi hat für gewöhnlich alles eine
Bedeutung. Jedenfalls geht die Durchdringung des Comics mit Jazz so weit, dass
das Röcheln eines Menschen, dem die Kehle zertrümmert wurde, mit Francois
Mauriac und Roland Kirk verglichen wird ...
Ein absurdes und komisches Moment - solche Momente fehlen
eigentlich so gut wie nie bei Tardi - ist Bastiens Begeisterung für
Superheldencomics. Diese Helden dürfen bei Tardi dann schon auch mal durch das
akribisch recherchierte Siebzigerjahre-Setting spazieren. Und am Grab Carlos
liest Bastien als Grabrede den Text des Vorsatzblattes von „Spider-Man“: „Bevor
er zum Kämpfer wider das Unrecht und zum gnadenlosen Rächer wurde ...“
Tardis kauziger Zeichenstil, seine Knollengesichter und die
manchmal fast unbeholfen wirkenden Darstellungen von Bewegung und Kämpfen gehen
eine ganz andere Richtung als zum Beispiel Millers durchchoreografierte Gewaltexzesse.
Figuren, Bewegungen und Hintergründe, so detailgenau sie auch recherchiert sein
mögen, sind bei Tardi immer zum Zeichenhaften, zur Literatur hin stilisiert. Das
verleiht ihm im bunten, bildverliebten Comicland Frankreich sicher eine
Sonderstellung, rückt ihn in die Nähe eines Hugo Pratt oder zahlreicher amerikanischer
Underground-Zeichner.
Um es kurz und bündig abzuschließen: Tardi bestätigt seit ungefähr zwei Jahrzehnten mit jedem neuen Album, dass er zu den unbestreitbaren Großmeistern seiner Zunft gehört. Seine Comics sind kein Augenschmaus, dafür sind sie politisch, unbequem, verstörend, kritisch, humorvoll, bitterböse und - schwarz-weiß: „Gerfaut war still, trank seinen Scotch aus, ging duschen und kam vögeln.“
Killer stellen
sich nicht vor
Edition Moderne, Oktober 2006
Adaption und Zeichnungen: Jacques Tardi
Nach einem Roman von Jean-Patrick Manchette
78 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover; 17,50 Euro
ISBN: 978-3-03731-008-3

Bildquelle: editionmoderne.de















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In der Werkausgabe von Jean Dufaux' Jessica Blandy bei Schreiber & Leser liegt mittlerweile der dritte Band vor. Diesmal sind sogar gleich vier Abenteuer enthalten, wobei nur zwei inhaltlich eng zusammen gehören. Alle Stories sind dabei deutsche Erstveröffentlichungen.
Als 1992 mit „Enola Gay“ das erste Jessica Blandy-Album in Deutschland erschien, war nach diesem einen Band auch gleich wieder Schluss. Nun unternimmt der Verlag Schreiber & Leser einen zweiten Anlauf, diesen Klassiker des franko-belgischen Comics in einer kompakten Ausgabe herauszubringen. Dabei sammelt jeder Band drei einzelne Alben der Serie. Im nun vorliegenden zweiten Band der Werkausgabe sind die Stories „Blue Nights“, „El Zamuro“ und „The Girl from Ipanema“ enthalten.
Der Wecker reißt dich an einem dunklen, nasskalten Arbeitstag früh morgens aus dem Schlaf, du wälzt dich aus dem Bett, schlurfst gähnend in die Küche, um dir ein heißes Getränk zu machen. Dann lässt du dich damit in einem bequemen Sessel nieder, kuschelst dich in eine Wolldecke, während der Regen ans Fenster prasselt, und setzt ein Headset auf. Weiter musst du nicht. Zur Arbeit geht nämlich dein Surrogat, eine perfekte technische Kopie. Die physische Idealausgabe von dir, die nicht müde oder krank wird, deren Muskeln nicht erschlaffen und deren Bauchumfang nie wächst. Und du steuerst diesen Fleisch gewordenen (bzw. fleischlich wirkenden) Avatar mittels deiner Gedanken, erlebst die Welt durch seine Augen und Ohren. Als ob du dabei wärst – und irgendwie bist du es ja auch. Nur ersparst du dir all die Unanehmlichkeiten des Alltags … Klingt verlockend, nicht wahr?
- 01.11.2009
Da man auch bei Ehapa feststellen musste, dass man
frankobelgische Alben nicht mehr unbedingt so leicht an den Mann bringen kann
wie noch vor einigen Jahren und einen erheblichen Einbruch erlitt, versucht man nun, solches Material behutsam wieder lukrativer
zu machen. Offenbar geht man aber nicht den Weg von z.B. Carlsen, Comics im verkleinerten Format
Manchen Lesern und Fans dürfte dieser Comic nicht gänzlich unbekannt sein, da er schon vorab in Fortsetzungen im Magazin Comix erschien. Nur hat man hier nun den kompletten Band in einer sehr viel schöneren Aufmachung vorliegen. Qualitativ ist an den Cross-Cult-Veröffentlichungen kaum etwas auszusetzen, was Papier, Bindung und Zusatzmaterial betrifft. Hier sind einige Anhänge zu den Storyhintergründen und eine kleine Galerie angefügt.