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(Vortrag/Diskussion)
von Benjamin Vogt Montag, 20. Dezember 2010
Ein junges, rothaariges Mädchen sitzt in der Bibliothek. Sie nimmt Blickkontakt mit jemandem auf und es ergibt sich eine erste Annäherung an den Unbekannten. So beginnt die zauberhafte Liebesgeschichte in Bastien Vivès' neuem Comic In meinen Augen. Die Besonderheit: Der Leser selbst ist eben jener Unbekannte.
Zumindest mag man diesen Eindruck gewinnen. Erzählt wird ausschließlich aus der Perspektive des anonymen zweiten Protagonisten, den man nie zu Gesicht bekommt oder etwas sagen hört. Der Leser ist gezwungen, dem Comicgeschehen mit den Augen eines anderen zu folgen, die subjektive Sicht des Verliebten einzunehmen.
Die junge Frau ist die einzige Person mit einer Sprechrolle. Es ist nicht etwa so, als würde sie pausenlos monologisieren, vielmehr werden die Gesprächsanteile ihres Gegenübers ausgeblendet. In meinen Augen ist also ein Comicwerk über eine enge Beziehung zweier Menschen, die man zwar von außen verfolgen, sich aber lediglich aus Mimik, Gestik und dem Gesprochenen des einen Kommunikationspartners erschließen kann. Man muss sich demnach aus dem Kontext der jeweiligen Situation heraus selbst ein Gesamtbild konstruieren.
Die Idee ist so simpel, dass sie schon wieder genial ist. Verschafft uns Bastien Vivès hier doch eine unvergleichliche Einsicht und ein einzigartiges Lesevergnügen. Durch die konsequente Verwendung der räumlichen und emotionalen Ego-Perspektive verdichtet sich der Blick automatisch auf ein paar wenige Merkmale: ein Blick, ein Lächeln. Die rothaarige Studentin wird aus der Beobachtersituation heraus zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und damit zur zentralen Figur dieses Bandes.
Bastien Vivès, der bereits mit Der Geschmack von Chlor mit einer unkonventionellen Erzähltechnik überzeugen konnte, gelang nicht nur die Verwirklichung einer äußerst lebensnahen und lebendigen Lovestory, er spielt auch noch gekonnt mit den grafischen Bedingungen: So verschwimmen zum Beispiel Hintergründe wahlweise dann, wenn der Fokus der Ich-Perspektive auf ein näher stehendes Objekt gerichtet ist oder die Panels werden unscharf, wenn es dunkel ist oder etwas zu nah ins Blickfeld gerät.
Gekrönt wird dieses faszinierende Experiment des französischen Künstlers durch schraffierte Holzfarbstiftgemälde, die als kleine runde Motive die Außenwelt aufnehmen. Nur das hübsche Mädchen ist ganz zerbrechlich von hauchdünnen Tuschelinien umrahmt. Auch an diesem Punkt zeigt sich Vivès' brillante Inszenierung eines Wahrnehmungsmodells mit mehreren Ebenen.
Überraschend gefühlvoll, ungewöhnlich erzählt, zeichnerisch außergewöhnlich – kurzum: ein wunderschönes Buch
Wertung: ![]()
In meinen Augen
Reprodukt, Dezember 2010
Text und Zeichnungen: Bastien Vivès
136 Seiten, farbig, Klappenbroschur
Preis: 18 Euro
ISBN: 978-3-941099-58-6
Leseprobe
Abbildungen © Bastien Vivès, der dt. Ausgabe: Reprodukt















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Rezensionen




Die Britin Posy Simmonds, deren Name bei uns bisher kaum bekannt war,
kennt man in England vor allem durch ihre Tätigkeit als Cartoonistin
für die Tageszeitung The Guardian, wo ihre Arbeiten seit den 70er
Jahren erscheinen. Auch Tamara Drewe, ihre zweite lange Comicgeschichte
(und die erste, die nun in Deutschland veröffentlicht wird) erschien
zunächst als Fortsetzungs-Story im Guardian. Sie erzählt darin von
einer ländlich-bürgerlichen Idylle im kleinen englischen Nest
Stonefield, die eines Tages gründlich durcheinandergerät, als eine
junge, sehr attraktive Frau im Dorf einzieht.
- 11.03.2010
Ein Unwetter zieht auf. Unrasiert und deprimiert liegt Asterios Polyp in seinem Bett in einem schmuddeligen Apartment. Plötzlich kracht es fürchterlich, ein Blitz hat eingeschlagen und brennt das Zuhaue des 50-jährigen, desillusionierten Architekten nieder. Ohne Obdach und vom Regen durchnässt kauft sich Asterios vom letzten Bargeld ein Busticket in die Kleinstadt Apogee.
Paul Hornschemeier dokumentiert einen Besuch bei seinen
Eltern, während dessen er an einem Comic zeichnet, der ihm einfach nicht gelingen
will. Immer wieder verwirft er die Seiten und sieht sich mit der Frage
konfrontiert, wohin seine Geschichte um einen Jungen, der ebenfalls Paul heißt
und einen Zauberbleistift besitzt, eigentlich führen soll. Während seines
Aufenthaltes schweifen Hornschemeiers Gedanken aber auch immer wieder in seine
Jugend ab. 