von Christopher Bünte
Samstag, 24. November 2007

Vom Nebendarsteller zur Hauptfigur: John Constantine gehört seit langer
Zeit zum festen Repertoire der US-Comic-Welt. Der Straßenmagier im
Trenchcoat und seine Serie
Hellblazer stehen für erwachsenen Horror und gute Qualität. Im September ist der zweite Band "Der Rote Tod" bei Panini erschienen.
Die
Serie über John Constantine weist eine Kontinuität auf, die meistens
nur Superhelden zuteil wird. Im nächsten Jahr feiert die Reihe ihren
zwanzigsten Geburtstag. Da erscheint dann in den USA Heft #240, der
erste Teil der brandneuen Story "The Laughing Magician". Bis
diese Geschichte dann in Deutschland erscheint, wird es wohl eine Weile
dauern. Solche Verzögerungen über den Atlantik sind nichts
Ungewöhnliches, insbesondere bei Serien, die in Deutschland eher am
Rande des Mainstreams liegen und ein spezielles Publikum haben. Umso
erfreulicher das Bemühen, die Serie auch hierzulande vollständig zu
veröffentlichen. Bei Panini ist man mit
Hellblazer 2 gerade erst bei
den US-Heften von Anfang 2003 angekommen. Im September ist "Der Rote Tod" erschienen. Er enthält die beiden Stories "Die Droge Leben" und "Der Rote Tod",
bestehend aus insgesamt sechs US-Heften (2+4). Die zwei Geschichten sind
locker miteinander verknüpft durch die Figur Gemma, Constantines
Nichte.

"Die Droge Leben"
spielt in Liverpool und dreht sich um ein verfluchtes Hochhaus, in dem
Menschen der untersten sozialen Schichten ihr Dasein fristen. Ein
grauer, von Alkohol und Fernsehen dominierter Alltag wird hier nur
gelegentlich unterbrochen, zum Beispiel, wenn sich mal wieder jemand
aufhängt. Constantine wittert, dass an diesem Ort irgendetwas faul ist.
Er kann nur noch nicht genau sagen, was. Während seiner Nachforschungen
lernt er nicht nur die attraktive Kellnerin Angie kennen, sondern muss
auch mit dem Stress und den Sorgen seiner Schwester Cheryl fertig
werden. Und dass der Striptease-Killer noch immer auf freiem Fuß ist
und sein Unwesen treibt, entspannt die Situation nicht gerade. "Die
Droge Leben" wurde von Steve Dillon (
Preacher) gezeichnet. Die
Geschichte erschien erstmals im September und Oktober 2002 unter dem
Titel "High on Life" (Hellblazer #175-176) bei DC Vertigo.

Für
"Der Rote Tod"
wechselt John Constantine den Ort. Der kettenrauchende Magier reist
nach London, um seine Nichte Gemma zu finden. Die hat sich in ihrem
naiven Wunsch, die Wege der Magie besser kennen zu lernen, in die Hände
des skrupellosen Großgrundbesitzers Fredericks begeben, ohne dabei zu
ahnen, dass sie nur als Druckmittel dienen soll, um ihren Onkel gefügig
zu machen. Denn Fredericks hat nicht vor, Gemma zur Magierin
auszubilden. Er hält sie als Geisel, um mit Constantines Hilfe an den
Roten Tod zu kommen, ein tödliches Artefakt aus Indien, das ebenso
legendär wie mächtig ist. Und Fredericks ist nicht der einzige, der
nach dem Roten Tod sucht. Constantine braucht eine Weile, um sich einen
Überblick über die Situation zu verschaffen, und gerät dabei zwischen
die Fronten. Der Leser folgt ihm von Puzzlestück zu Puzzlestück. "Der
Rote Tod" wurde von Marcelo Frusin (
Loveless) gezeichnet und erschien zum ersten Mal von Dezember 2002 bis März 2003. Der Originaltitel lautet "Red Sepulchre"
(Hellblazer #177-180).

Die beiden Geschichten in "Der Rote Tod"
passen ins
Hellblazer-Universum und treffen den angenehm
düster-verrauchten Grundton der Serie. Es geht um Gewalt, um Macht, am
Rande auch um Geld, da fällt insbesondere bei Frusins Zeichenstil die
Verwandtschaft mit
100 Bullets auf. Zu den besten Szenen in "Der
Rote Tod" gehört sicherlich Constantines Gespräch mit Fredericks, einem
dicken, Zigarre rauchenden Ex-Kolonialisten, unsympathisch durch und
durch. Sie treffen sich im Savoy, Fredericks hat gerade sein Frühstück
beendet, um darüber zu verhandeln, was Constantine tun muss, um seine
Nichte zu retten. Trotz seiner schwächeren Position gelingt es dem
Magier, seinen Widersacher so in Rage zu versetzen, dass er von ihm mit
einer Gabel angegriffen wird. Das ist John Constantine in Reinform,
dreckig und unverschämt, lässig und zu allem entschlossen. Neu erfunden
wird die Serie von Autor Mike Carey dabei nicht, aber er bleibt in der
Spur und erzählt tollen Horror, ohne auf den blanken Effekt zu
reduzieren.
Woran man das festmachen kann? Zum Beispiel an einer Anzahl
interessanter Nebenfiguren. Oder an dem spannend inszenierten Ende,
wenn das letzte wichtige Puzzlestück ans Licht kommt. Auch der Dämon –
einer muss in einem
Hellblazer-Vierteiler schon vorkommen – ist
dramaturgisch logisch und am richtigen Punkt des Spannungsbogens
eingesetzt. Obwohl stellenweise ein wenig vorhersehbar, ist "Der Rote
Tod" ein Comic für alle, die die Serie mögen oder gerne guten Horror
lesen. Und
100 Bullets-Freunde dürfen auch einen Blick riskieren.
Hellblazer 2 – Der Rote Tod
Panini Comics, September 2007
Autor: Mike Carey
Zeichnungen: Steve Dillon, Marcelo Frusin
148 Seiten; vierfarbig; Softcover; 16,95 Euro
ISBN: 9783866074934

Abbildungen: © DC Comics / Panini Comics
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