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03.06.2012
(Vortrag/Diskussion)
von Thomas Kögel Donnerstag, 27. Oktober 2011
Schon die Erscheinungsweise macht deutlich, dass Habibi ein außergewöhnliches Werk ist. Der neue Comic von Craig Thompson, der langerwartete Nachfolger seines großen Erfolgs Blankets, an dem er sechs Jahre lang gearbeitet hat, kommt gleichzeitig in englischer, französischer und deutscher Sprache auf den Markt – das ist selten auf dem Buchmarkt, und bei Comics erst recht. Dieser Sonderstatus setzt sich in der Aufmachung fort: Habibi ist ein voluminöser Klotz von 672 Seiten, der mit Goldverzierung auf dem Hardcover-Einband, Lesebändchen und schwerem Papier sehr edel daherkommt. Wird Thompsons Erzählung dem pompösen Auftritt des Buches gerecht?
Bevor wir diese Frage beantworten, ein kurzer Blick auf den Plot: Habibi (arabisch für "Liebling") erzählt die Lebensgeschichte von Dodola und Zam, die in einem fiktiven arabischen Land namens Wanatolien zahlreiche Schicksalsschläge zu überstehen haben. Gleich zu Beginn wird Dodola als junges Mädchen von ihren Eltern als Braut verkauft, später landet sie auf einem Sklavenmarkt, wo sie auf den kleinen schwarzen Jungen Zam trifft. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht und sie leben einige Jahre auf einem alten Schiff, das einsam und verlassen mitten in der Wüste herumsteht. Um dort zu überleben, prostituiert sich Dodola für die vorbeiziehenden Nomaden. Eines Tages wird sie entführt und landet als Haremsdame im Palast eines mächtigen Sultans, Zam bleibt allein zurück. Und das ist noch längst nicht die letzte Leidensprüfung für die beiden Protagonisten.
Thompson erzählt eine epische Geschichte, die mal an ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, mal an trashiges Exploitation-Kino erinnert. Diesem relativ simplen Kern fügt er jedoch mehrere Ebenen hinzu, die Habibi dann tatsächlich zu einem besonderen Comic machen. Da ist zum einen die grafische Ebene: Craig Thompson entwirft nicht nur eine erstaunliche Vielfalt von Seitenlayouts, die stets bestens zur Handlung passen, er stattet viele Seiten überdies mit prachtvollen Ornamenten aus. Die wunderschön gestalteten Verzierungen schaffen ein orientalisches Flair, ebenso wie die vielfach verwendeten arabischen Schriftzeichen. Diese stellen dann auch die Verbindung von der grafischen zur inhaltlichen Ebene dar. Thompson hat sich intensiv mit arabischer Kalligraphie beschäftigt und verwendet die Schriftzeichen sowohl als visuelles, schmückendes Element als auch als Wörter, die einen bestimmten Inhalt transportieren.
Dies geschieht vor allem dann, wenn Dodola das tut, was sie am besten kann: Geschichten erzählen. Meist sind dies Geschichten aus der Heiligen Schrift, dem Koran. Die meisten davon werden aber auch dem christlich oder jüdisch geprägten Leser bekannt vorkommen, denn es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen Koran, Tora und dem Alten Testament der Bibel. Ein Umstand, den Craig Thompson auch deutlich betont. Man kann Habibi als Plädoyer für mehr Verständigung zwischen den Weltreligionen lesen, für einen Blick auf das Verbindende anstatt auf das Trennende (kurioserweise erschien das Buch in den USA am gleichen Tag wie Frank Millers Holy Terror, das ein komplett gegensätzliches Weltbild vermittelt).
Das andere große Thema, um das es Thompson geht, ist, wie schon in Blankets, das Thema schlechthin: die Liebe. Sie steckt hier bereits im Titel und zieht sich als Leitmotiv bis zur letzten Seite des Buches. Zam und Dodola verbindet zunächst eine Liebe wie zwischen Geschwistern oder zwischen Mutter und Kind, was sich aber mit dem Erwachsenwerden von Zam verändert. Als Dodola verschwindet, gibt es für beide keinen sehnlicheren Wunsch, als sich wiederzusehen. Die Liebe ist die Macht, die alles überdauert, die den Menschen Mut und Kraft gibt, auch schlimme Zeiten durchzustehen.
Der Autor vermischt seine grundlegende, an sich recht triviale Abenteuerhandlung mit der philosophisch-religiösen Ebene, indem er immer wieder unterbricht und abschweift. Das dient nicht gerade dem Lesefluss, funktioniert aber erstaunlich gut, auch weil Thompson die große Stärke der Kunstform Comic, die Verbindung von Text und Bild, sehr effektiv zu nutzen versteht.
Habibi kann die hohen Erwartungen also durchaus erfüllen. Sowohl das Thema als auch die künstlerische Umsetzung sind äußerst ambitioniert, damit ist dies zweifellos ein besonderer Comic, wie man ihn nicht allzu oft sieht. Trotzdem wäre es übertrieben, das Prädikat "Meisterwerk" zu vergeben, denn der Comic ist nicht frei von Schwächen. Zum einen kann man Thompson vorwerfen, dass er allzu tief in die orientalische Klischeekiste greift und nicht frei von Orientalismus ist (siehe dazu auch den Text "Can the Subaltern Draw?: The Spectre of Orientalism in Craig Thompson’s Habibi" im Blog The Hooded Utilitarian). Zum anderen ist dem Buch seine mühsame Entstehungsgeschichte anzumerken. Thompson litt zwischenzeitlich an einer Schreibblockade, verwarf viele Entwürfe und fing noch einmal von vorn an. Habibi entstand also nicht aus einem Guss, und genau so liest es sich auch. Im letzten Drittel der Geschichte, in dem Dodola und Zam wieder vereint sind, gibt es einen recht krassen Bruch: Vom Palast des Sultans, einer Welt, die sich märchenhaft und archaisch anfühlt, wechselt der Schauplatz zu einer modernen Großstadt mit Wolkenkratzern und extremer Umweltverschmutzung. Das will nicht recht zum Rest der Erzählung passen und fühlt sich ein wenig an, als habe der Autor das Bedürfnis gehabt, nochmal eine ganz neue Geschichte zu erzählen. Obendrein wedelt Thompson im letzten Drittel auch etwas zu sehr mit dem moralischen Zeigefinger.
Zudem würde man sich wünschen, der Künstler hätte auf die Ausformung seiner Figuren ebenso viel Mühe und Akribie verwendet wie auf die allgegenwärtige Symbolik. Schriftzeichen, Zahlen, Muster – alles bedeutet hier etwas. Auf die Dauer wirkt diese symbolische Überhöhung dann doch recht ermüdend. Die Figuren dagegen entwickeln sich kaum, obwohl wir sie über so viele Lebensjahre und so viele Seiten begleiten. Echte charakterliche Tiefe können die Protagonisten kaum zeigen – und die Antagonisten, überwiegend eindimensionale Bösewichte, erst recht nicht.
Trotzdem lohnt sich die Lektüre von Habibi, denn in weiten Teilen gelingt Craig Thompson ein bildgewaltiger und anrührender Comic, der vor allem eine Ode an die Liebe und eine Feier des Geschichtenerzählens ist. Und die Zeichnungen sind ohnehin eine Augenweide.
Wertung: ![]()
Zeichnerisch und gestalterisch meisterhaft, inhaltlich nicht ganz – trotzdem ein hochklassiger Comic.
Habibi
Reprodukt, September 2011
Text und Zeichnungen: Craig Thompson
672 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 39,00 Euro
ISBN: 978-3-941099-50-0
Leseprobe
Abbildungen: © Craig Thompson, der dt. Ausgabe: Reprodukt















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Rezensionen




In Hemingway führt Jason mit viel Humor durch ein recht pragmatisches Paris der Zwanziger Jahre. Der Comic bleibt trotz der fabulierten Geschichte und gerade wegen der kauzigen Charaktere bis zum Ende spannend.
"Rühr mich nicht an" bellt es immer wieder aus der Kehle der unschuldigen Blanche, während sie mit der Reitpeitsche auf ihre Verehrer einprügelt. Mit diesem Mantra als Titel, Fräulein-Rühr-Mich-Nicht-An, legen Hubert und das Künstler-Duo Kerascoët die ersten beiden (in sich abgeschlossenen) Bände eines erotischen Krimis vor, der gleichzeitig ein Sittenpanorama der wilden Dreißiger in Paris zeichnet.
- 30.08.2010
Wer kennt sie nicht, die unerwünschten E-Mails, die
man Tag für Tag in seinem Spam-Ordner (oder, schlimmer, direkt im Posteingang)
findet. Meistens sind sie nur lästig, manchmal bergen sie aber auch unfreiwilligen Humor in sich. Nicolas Mahler schafft es wie kein
zweiter, das Absurde und Komische an Spam-Mails herauszuschälen und
legt mit SPAM ein Buch vor, das aus realen Betreffzeilen und
realen Absendernamen kleine Miniaturen macht, die umwerfend komisch
sind. Und ganz nebenbei gelingt ihm eine tragische Geschichte vom
Abenteuer Penisvergrößerung.
- 24.03.2009
Auf einer
Podiumsdiskussion vor einigen Wochen im Münchener Literaturhaus wurde zum x-ten
Mal über das Für und Wider des Prädikats „Graphic Novel“ und seiner Stellung
auf dem Buchmarkt gesprochen. Ein nicht uninteressanter Vorschlag kam dabei von
Armin Abmeier, dem Herausgeber von Die
Tollen Hefte:
Man könnte doch anspruchsvolle Comics wie Romane behandeln und sie in die
jeweilige Genre-Kategorie in der Buchhandlung einordnen, um so Vorurteile gegenüber dem Comic zu überbrücken. Ein Comic mit dem Aufkleber „Graphic Novel“, der diesen
Weg hier exemplarisch gehen soll, ist Sascha Hommers neuer Comic Vier Augen aus dem Hause Reprodukt.
- 05.01.2010
Der Name Rich Koslowski dürfte in Deutschland weitgehend unbekannt
sein, dabei ist er in den USA seit Jahren eine feste, wenn auch nicht
besonders prominente Größe als Animator, Comiczeichner und -autor. Neben
Arbeiten für Archie Comics, Marvel und der selbst erschaffenen Comedyserie
Three Geeks, für die er 2003 den Ignatz-Preis erhielt, kreierte Koslowski auch mehrere Graphic Novels - eine davon
gibt es jetzt auch auf Deutsch.
- 12.09.2008