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(Vortrag/Diskussion)
von Andreas Fisch Dienstag, 19. April 2011
Was wäre, wenn Gott wirklich existierte? Und wenn er sich auf der Erde blicken lassen würde, nicht wie beim ersten Mal in Jesus Christus, sondern höchstpersönlich? Welchen Medienrummel würde er auslösen? Welche Zweifel an seiner Authentizität wecken, welchen Zuspruch hervorrufen, welche Gegnerschaft auslösen? Marc-Antoine Mathieu wirft diese Fragen auf und zeichnet einen genauso kurzweiligen wie intelligenten Comic. Auf höchst raffinierte Weise kultiviert Mathieu einen feinen ironischen Humor, der die Lektüre durchgängig zum Vergnügen macht. Und mich mit Spannung warten ließ, wie diese Geschichte wohl enden soll ...
Zu den mitunter nur angedeuteten philosophischen Diskussionen, die diversen Seiten zugrunde liegen, findet man im Anhang einige Autoren von Albert Einstein bis zu Voltaire. Linke wie rechte politische Vereinnahmung Gottes bekommt ihr Fett weg, ebenso wie Gott als Frau oder Mann. Die Probleme „Warum Gott Leid zulässt, als Allmächtiger nicht für eine bessere Welt sorgt und wie er verantwortet, eine unvollkommene Welt mit Naturkatastrophen erschaffen zu haben“ finden sich vor allem im Kapitel „Der Prozess“, als die Stimmung sich nach erster Euphorie gegen Gott wendet. Hier kann man sich als Laie gut einfinden und als Fachmensch kennt man die Hintergrunddebatten zur Genüge, hat sie aber selten so apart zubereitet serviert bekommen.
Überhaupt ist nicht nur der Inhalt faszinierend, sondern auch die ironisch gebrochene Verknüpfung dieser ernsthaften Themen mit einer immer erfrischenden Variationsbreite der Darstellungsformen, die unsere Medienkultur gehörig auf die Schippe nimmt, wie man es nur von Umberto Ecos Die Entdeckung Amerikas als TV-Liveübertragung kennt. Hier sind Form und Inhalt genial verknüpft, denn die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen bleiben ständig präsent und angezweifelt. Ob man nun einer Gotteserfahrung mehr trauen kann als einer Doku auf RTL? Auch die allgegenwärtige Ökonomie- und Marketingdominanz in fast allen Bereichen der Gegenwart findet ihren Niederschlag und kontrastiert herrlich mit den feinsinnigen religiösen Erfahrungen. Das Ganze ist auch religiös sensibel inszeniert, nämlich mit Ehrfurcht vor dem Bilderverbot in den christlich-jüdischen Traditionen – man merke auf: in einem Comic!
Zwei Inspirationen entstammen meines Erachtens Douglas Adams’ fünfteiliger Trilogie Per Anhalter durch die Galaxis: Die Logikargumentation, dass ein beweisbarer Gott sich auflösen würde, findet sich als sich auflösendes Logikwölkchen schon bei Douglas und der Supercomputer M1 in Gott höchstselbst ähnelt dem Supercomputer mit der ultimativen Antwort auf den Sinn des Lebens, des Universums und dem ganzen Rest doch sehr stark. Nichtsdestotrotz bleibt der Band höchst originell beim Thema und weist mit Adams ja nun doch beste Referenzen auf. Douglas-Adams-Fans, aber nicht nur sie, werden auf ihre Kosten kommen.
Für Zweifler und Gottgläubige gleichermaßen eine Herausforderung, weil Mathieu durch den lakonisch kommentierenden Erzählstil nie perfekte Antworten vorgibt, sondern eher klassische Klischees bricht oder aber fundamentale religiöse Fragen originell aufwirft. Genießt selber und lasst Euch zu Gedankengängen verführen, in die sich nur Spinner oder ganz ernsthafte Wissenschaftler hineintrauen, aber verlauft Euch nicht darin!
Wertung: ![]()
Groteske mit Tiefgang, ungewöhnlich, originell, in Erzählung und Form überzeugend. Philosophie und Theologie ironisch gebrochen, ernsthaft, aber mit mehr als einem Schmunzeln!
GOTT höchstselbst
Reprodukt, Juni 2010
Text und Zeichnungen: Marc-Antoine Mathieu
125 Seiten, schwarz-weiß, Broschur
Preis: 20 Euro
ISBN: 978-3-941099593
Leseprobe
Abbildungen: © der dt. Ausgabe Reprodukt















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Rezensionen




Schon die Erscheinungsweise macht deutlich, dass Habibi ein außergewöhnliches Werk ist. Der neue Comic von Craig Thompson, der langerwartete Nachfolger seines großen Erfolgs Blankets, an dem er sechs Jahre lang gearbeitet hat, kommt gleichzeitig in englischer, französischer und deutscher Sprache auf den Markt – das ist selten auf dem Buchmarkt, und bei Comics erst recht. Dieser Sonderstatus setzt sich in der Aufmachung fort: Habibi ist ein voluminöser Klotz von 672 Seiten, der mit Goldverzierung auf dem Hardcover-Einband, Lesebändchen und schwerem Papier sehr edel daherkommt. Wird Thompsons Erzählung dem pompösen Auftritt des Buches gerecht?
"Rühr mich nicht an" bellt es immer wieder aus der Kehle der unschuldigen Blanche, während sie mit der Reitpeitsche auf ihre Verehrer einprügelt. Mit diesem Mantra als Titel, Fräulein-Rühr-Mich-Nicht-An, legen Hubert und das Künstler-Duo Kerascoët die ersten beiden (in sich abgeschlossenen) Bände eines erotischen Krimis vor, der gleichzeitig ein Sittenpanorama der wilden Dreißiger in Paris zeichnet.
- 30.08.2010
Es ist zweifellos eine sehr ungewöhnliche Geschichte: Ein junger deutscher Comicleser ist vernarrt in die Werke von Hermann (Comanche, Jeremiah, Die Türme von Bois-Maury) und schreibt ihm jahrelang Briefe. Bis dieser eines Tages zurückruft und aus einigen Telefonaten eine Freundschaft entsteht. Viele Jahre später darf jener Leser schließlich ein Comic-Szenario für sein Idol schreiben. Ein wahrgewordener Fanboy-Traum.
Aufzeichnungen aus Birma ist der dritte Teil der Trilogie von Guy Delisle, die mit
autobiografischen Berichten aus dem chinesischen Shenzhen und dem
nordkoreanischen Pjöngjang begann. Und es scheint mir das Dickste und Beste der Drei zu sein! Von daher meine empfohlene Lesereihenfolge 1. Birma,
2. Pjöngjang, 3. Shenzhen.
Alexandro Jodorowsky schickt seinen schrecklichen Papst in die zweite Runde. Giuliano Della Rovere ist nun Papst geworden und nennt sich Julius II. Berauscht von seiner Macht und vor Liebe zu seinem Liebling Aldosi provoziert er seine Familie, die er selbst mit Ämtern und Schätzen ausgestattet hat. Nachdem diese aus Rache Aldosi ermordet, dreht Julius durch. Mit allen Mitteln und ohne Gnade will er Italien einigen. Natürlich unter seiner Herrschaft. Zugleich beauftragt er niemand geringeren als Michelangelo mit dem Bau eines kolossalen Grabmals.