JoomGallery Stats for JoomGallery MVC BETA

  •   1287
Comicgate RSS-Feed Comicgate RSS-Feed

Rezis nach Kategorien

Comicgate-Tweets

Eigenveröffentlichungen

Wir publizieren auch im Print!

Comic-Kalender

April 2012 Mai 2012 Juni 2012
Mo Di Mi Do Fr Sa So
1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31
Neue Veranstaltung einsenden Neue Veranstaltung einsenden
Zum Kalender

Partnerlinks





 



 

Home Rezensionen

von Thomas Kögel Mittwoch, 24. August 2011

Cover Gingerbread Girl Schonmal vom "Penfield Homunculus" gehört? Der Neurochirurg Wilder Penfield visualisierte mit einer grotesk aussehenden menschlichen Gestalt die Anatomie des Gehirns – welche sensorischen Reize werden an welcher Stelle des Gehirns wahrgenommen und wie stark sind diese Empfindungen? Dieser Homunculus spielt eine zentrale Rolle in Gingerbread Girl.

So heißt der Comic vom Ehepaar Paul Tobin und Colleen Coover (Banana Sunday), der zunächst als Fortsetzungsgeschichte auf dem Webcomicportal von TopShelf Productions veröffentlicht wurde und nun beim selben Verlag als gebundenes Buch erschienen ist. Es geht um Annah, eine 27-jährige, lebenslustige junge Frau, die sich noch nicht entschieden hat, ob sie eher auf Männer oder auf Frauen steht und die für den Abend, an dem wir sie begleiten dürfen, gleich zwei Dates vereinbart hat: eins mit der lockenköpfigen Chili und eins mit Jerry, der aber das Nachsehen hat, weil er später eintrifft als Chili.

Seite aus Gingerbread Girl Viel mehr äußere Handlung gibt es nicht: Ein Abend in Portland, Oregon, an dem zwei Frauen, die ein bisschen verliebt ineinander sind, gemeinsam ausgehen. Dieser Plot spielt aber kaum eine Rolle, vielmehr soll der Charakter der Hauptfigur Annah und ihre Besonderheit erforscht werden: Sie behauptet nämlich, dass ihr als Kind von ihrem Vater, einem Wissenschaftler, der Penfield Homunculus entfernt und als eigenständiges Wesen zum Leben erweckt wurde. Seitdem hat Annah eine Art Zwillingsschwester, die sie "Gingerbread Girl", Lebkuchenmädchen, nennt. Wenn Annah etwas berührt oder berührt wird, fühlt sie kaum etwas, stattdessen kommen diese Empfindungen bei ihrer Schwester Ginger an. Diese ist allerdings seit Jahren verschwunden, genau wie Annahs Eltern. Es drängt sich also der Verdacht auf, dass Annah mächtig einen an der Klatsche hat.

Ist es ein Trauma, verursacht durch die Scheidung ihrer Eltern, ist es ein harmloses Hirngespinst oder ein schwerer psychischer Schaden, oder ist womöglich doch etwas wahres dran an Annahs Geschichte? Eine endgültige Antwort, soviel sei verraten, gibt der Comic nicht. Der Leser bekommt lediglich eine Menge Puzzlestücke angeboten, aus denen er sich sein eigenes Bild basteln muss. Dies geschieht in einer recht ungewöhnlichen Form, die den eigentlichen Reiz von Gingerbread Girl ausmacht: Der Leser wird nämlich fast durchgehend direkt angesprochen, zunächst von Annah selbst, später von Chili und weiteren Nebenfiguren, aber auch von gänzlich unbeteiligten Personen wie einem Wahrsager und sogar einer Taube und einer Bulldogge. Sie alle geben Informationshäppchen über Annah und ihre eigenartige Geschichte preis, geben Erinnerungen wider und stellen Vermutungen und Theorien auf. Niemand von ihnen weiß wirklich, was genau mit Annah los ist, aber am Ende hat man zumindest soviel Einblick in ihr Innenleben, um eigene Mutmaßungen anstellen zu können.

Seite aus Gingerbread Girl Leser, die eine endgültige Klärung aller offenen Fragen erwarten, werden von diesem Comic, der keine echte Lösung anbietet, enttäuscht sein. Man muss akzeptieren, nur Brotkrumen serviert zu bekommen. In einer Episode greift Chili zu einer passenden Metapher: Wirft man Tauben ein paar Brotkrumen hin, sind sie begeistert, mit einem ganzen Laib Brot dagegen können sie wenig anfangen. Und so ähnlich sei es auch bei unseren Mitmenschen: Wir können und wollen niemals alles von ihnen wissen, ein bisschen Rätselraten und Mysterium bleibt immer, und, so Chili, das sei auch gut so.

Paul Tobin und Colleen Coover gelingt es, diese Erforschung von Annah äußerst charmant und unterhaltsam zu gestalten. Der Kunstgriff, immer wieder die "vierte Wand" zu durchbrechen, indem die Figuren direkt zum Leser sprechen, funktioniert. Dass sich dabei zahlreiche verschiedene Figuren, darunter auch Tiere, die Klinke in die Hand geben, sorgt für Abwechslung, und – ganz wichtig – den nötigen Schuss Humor. Gingerbread Girl soll nämlich Spaß machen, auch wenn sich hinter der Oberfläche das Psychogramm einer möglicherweise kranken Person verbirgt. Für die gutgelaunte Grundstimmung sorgen auch die charmanten, Cartoon-artigen Zeichnungen von Colleen Coover.

ANZEIGE

Wie ein Ermittler in einem Krimi setzt man all die bruchstückhaften Informationen zusammen, die aus so vielen verschiedenen Blickwinkeln stammen und schafft sich sein eigenes Bild. Und so beginnt man am Ende der Lektüre, Annah ins Herz zu schließen. Man würde gerne noch länger bei ihr verweilen und mehr über sie erfahren. Und wenn ein Buch so etwas erreicht, ist es gelungen.

 

Wertung8 von 10 Punkten

"Slice of Life" trifft Psychologie: sehr charmantes Puzzlespiel zur Erforschung einer fiktiven Figur


Gingerbread Girl
Top Shelf Productions, Juni 2011
Text: Paul Tobin
Zeichnungen: Colleen Coover
112 Seiten, schwarz-weiß, Softcover
Preis: 12,95 US-Dollar
ISBN: 978-1-60309-080-3
Gingerbread Girl als Webcomic

 Jetzt beim Fachhändler Comic Combo anschauen und bestellen!    Jetzt bei amazon.de anschauen und bestellen!

Abbildungen © Colleen Coover, Paul Tobin, TopShelf



Trackback(0)
Kommentare (0)Add Comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser

security code
Bitte den folgenden Code eintragen


busy

Ähnliche Artikel

  • Sonnenfinsternis

     Mit dem 288 Seiten stolzen Gemeinschaftswerk von Fane und Jim erweitert der Splitter Verlag sein bisher eher von fantastischer und abenteuerlicher Genrekost geprägtes Programm um ein realistisches Personendrama. Fünf Männer und Frauen in ihren Dreißigern – einer von ihnen mit seinem neunzehnjährigen Internetdate im Schlepptau – kommen in einem abgelegenen Landhaus in Südfrankreich zusammen, um sich eine Sonnenfinsternis anzusehen und ihre Freundschaft aufleben zu lassen. Auch für die beiden Künstler bedeutet dieser Band weitgehend erzählerisches Neuland, machten sie doch bisher - unabhängig voneinander - eher mit anderer Art von Comickost auf sich aufmerksam.

     

    - 04.09.2009
  • Spunk
     Mit Spunk legt der israelische Künstler und Musiker Gabriel S. Moses seine erste Graphic Novel (so wird es auf dem Cover genannt) vor. Grob umrissen behandelt diese zwei Kernthemen:  Liebe und Punk. Im israelischen Städtchen Maccabim verliebt sich Fotograf B in das erst 15-jährige Punkmädchen JJ, beide sind Teil der örtlichen Hardcore-Punkszene. Kurz darauf begeht JJ Selbstmord. - 28.09.2010
  • Meine Beschneidung

    Riad ist acht Jahre alt, lebt in Syrien und möchte gerne ein cimmerischer Krieger sein, so wie Conan der Barbar. Beim gemeinsamen Pinkeln stellt er fest, dass sein Pimmel anders aussieht als die seiner Cousins. Denn, so wird es ihm erklärt: "Du hast nicht wie wir das Rad der Schmerzen ertragen." Dies soll sich aber bald ändern, denn Riads Vater eröffnet ihm, dass auch er bald beschnitten werden soll. Was so eine Beschneidung genau ist, was dabei passiert und welchen Zweck sie erfüllen soll, erfährt Riad allerdings nicht. Er muss es sich also selbst zusammenreimen.

    - 07.12.2010
  • Halbe Wahrheiten

     In Ben Tanakas Leben läuft gerade nicht alles so, wie er es sich vorstellt: Das Kino, das er leitet, wird kurzzeitig geschlossen, seine Freundin Miko zieht alleine nach New York um sich beruflich weiterzuentwickeln und von der der Beziehung eine Auszeit zu nehmen und auch seine beste Freundin, die lesbische Studentin Alice, zieht es in den Big Apple. Für Ben, der seinem Umfeld ohnehin mit Engstirnigkeit und Sarkasmus entgegentritt, Grund genug, sich immer mehr in Pessimismus und Hoffnungslosigkeit zu verlieren.

    - 24.07.2008
  • Die sechs Schüsse von Philadelphia

     Die sechs Schüsse von Philadelphia ist der fünfte Band der Kollektion Levitation, die im Avant-Verlag erscheint. Und man muss sich positiv wundern, dort einen deutschen Comicschaffenden vorzufinden, ist doch diese wunderbare Reihe bislang den beiden internationale Ausnahmekünstlern Joann Sfar (Pascin, Klezmer, Die kleine Welt des Golem) und Gipi (5 Songs) vorbehalten gewesen. Nicht minder überrascht es, dass man mit Ulrich Scheel einen hierzulande kaum bekannten Zeichner antrifft. Scheel hat zwar in Frankreich bereits einige seiner Comics veröffentlicht, aber Die sechs Schüsse von Philadelphia stellt sein Deutschlanddebut dar - umso bemerkenswerter, dass er dabei gleich ein 240 Seiten dickes Buch vorlegt.

    - 24.06.2008