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von Benjamin Vogt Dienstag, 17. Januar 2012

Cover Ganz allein Woche für Woche fährt ein kauziger älterer Seemann mit einem kleinen Boot raus aufs Meer, stellt zwei Kisten vor dem Felsen eines anonymen Leuchtturms ab und fährt wieder zurück. Der Grund dafür liegt in einem Versprechen begründet, das der Seemann vor langer Zeit den ehemaligen Wärtern des Leuchtturms gab: Nach deren Tod solle er für die Versorgung ihres Sohnes sorgen, der seitdem allein dort lebt.

Der Sohn, den niemals jemand mit eigenen Augen gesehen hat, wurde auf der winzigen Leuchtturminsel geboren und aufgrund seiner Missbildungen vor der Außenwelt geheim gehalten. Dort kennt niemand den wirklichen Namen des Einsiedlers, die wenigen, die von seiner Existenz wissen, nennen ihn nur „Ganz allein“.

Inzwischen ist Ganz allein ein alter Mann, der noch niemals Kontakt zur Außenwelt hatte. Einzig sein Goldfisch leistet ihm Gesellschaft. Wie kostbare Sammlerstücke drapiert er die wenigen Besitztümer im Leuchtturm, offenbar von seinen Eltern vererbte oder vom Meer angespülte Gegenstände, ein Tennisball, ein Schuh, ein Feuerzeug. Darunter findet sich auch ein zerfleddertes Lexikon, das er immer und immer wieder auf einen Tisch fallen lässt um so auf einer zufällig aufgeschlagen Seite einen neuen Begriff zu lernen.

Seite aus Ganz allein Christophe Chabouté benutzt hier einen ziemlich guten erzählerischen Trick: In einer äußerst wortkargen Story (die Hauptfigur selbst spricht so gut wie gar nicht) lässt er das Lexikon als zentrales Element, als Verbindung zu einer unbekannten Außenwelt sprechen. Da unter den Begriffen, die Ganz allein nachliest, vorrangig abstrakte Konstrukte stecken, die man ohne entsprechende Sozialisation nicht verstehen kann (z.B. „Metapher“, „Labyrinth“ oder „Symphonie“), sieht man seine Fantasie schweifen. Der einsame Leuchtturmbewohner malt sich die Bedeutung der Wörter auf kindlich-naive Weise bildlich aus.

Hinter dem Bedürfnis, Neues kennenzulernen steckt aber natürlich auch die Sehnsucht nach Kontakt zur Außenwelt. Chabouté benutzt einen jungen Kollegen des Seemanns als Vermittler, wenn dieser ab sofort hilft, die Kisten jede Woche abzuliefern und die Frage stellt, ob man denn so viele Jahre allein in einem Leuchtturm glücklich werden kann.

Das über 360 Seiten dicke Buch berührt. Im Mittelpunkt steht keine epische Handlung, sondern die Kostbarkeit des Lebens. Trotzdem lässt Christophe Chabouté seine schwarz-weißen Bilder zumeist in weiträumigen Panels wirken, die den Leuchtturm, dessen Innenleben und das Meer aus jedem erdenklichen Winkel porträtieren.

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Ganz allein ist ein Comic, der sich Zeit nimmt und eine wunderbare Atmosphäre schafft. Auch wenn man wegen des geringen Textanteils relativ schnell durch ist, macht jede Seite in diesem Buch unheimlich Spaß und Freude auf eine zweite Lektüre.

 

Wertung: 8 von 10 Punkten

Berührendes Werk, das wirklich außerordentlich gut erzählt ist

 

Ganz allein
Carlsen Verlag, September 2011
Text und Zeichnungen: Chistophe Chaboute
376 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 29,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78373-8

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Abbildungen: © der dt. Ausgabe: Carlsen Verlag



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