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von Daniel Wüllner Montag, 05. September 2011

Da die Veröffentlichungen und die entsprechenden Rezensionen der ersten beiden Bände bereits etwas in der Vergangenheit liegen, kann eine kurze Einführung in die Welt von Fräulein Rühr-mich-nicht-an sicherlich nicht schaden: Wir befinden uns irgendwann in den 1920ern in Paris. Nach dem Mord an ihrer Schwester Agathe hat sich die junge Blanche mit dem Pariser Nachtleben eingelassen, um den Fall aufzuklären. In zwei Bänden entbrennt ein erotischer Krimi, der mit gewitzten Dialogen und raschen Tempowechseln in der Erzählung aufwarten kann. Die stimmungsvolle Atmosphäre hält bis zum Showdown, was vor allem an der kontrastreichen Kolorierung der dunklen, abgründigen Nacht- und Kellerszenen und den hellerleuchteten Zimmern des Nobelbordells Pampadour liegt.  

 

Fräulein Rühr-mich-nicht-an 3 – Der Märchenprinz
Cover von Fräulein Rühr-mich-nicht-an 3 Zu Beginn der zweiten Storyline von Fräulein Rühr-mich-nicht-an gelingt Autor Hubert mit der Einführung des „Märchenprinzen“ eine erzählerische Auffrischung. Auch das Zeichnerteam Kerascoët erfindet das Paris der 1920er noch einmal neu, indem es ein helles Paris durch die schweren Vorhänge des Pompadour schimmern lässt.

Eigentlich hätte die Geschichte nach dem zweiten Band enden können. Die Mörder von Agathe wurden bestraft, somit scheint die Handlung abgeschlossen. Da Blanches Schulden im Edelbordell sich aber nicht so einfach in Luft auflösen, muss die schüchterne Vorzeigedomina gegen ihren Willen bleiben. Doch Autor Hubert hat sich eine sinnvolle Weiterleitung der Handlung ausgedacht und lässt Blanche nicht lang allein. Sie bekommt Besuch vom jungen Antoine, der nicht an ihren exklusiven Dienstleistungen interessiert ist, sondern lieber das Tanzbein mit Fräulein Rühr-mich-nicht-an schwingen möchte. Während alle Interna des Pompadour in den ersten beiden Teilen ausgereizt wurden, dringt nun das Außen ein.

Der Märchenprinz im Freudenhaus Auch grafisch finden sich diese Grenzüberschreitungen wieder. Für das Bordell verwendet das Zeichnerteam Kerascoët wieder schillernde Rot- und Purpurtöne. Doch diesmal wechselt sich diese bunte Pracht nicht mit dem Dunkel der Unterwelt, sondern mit den scheinbar freundlichen Pastelltönen der Außenwelt ab. Statt nur durch die Vorhänge des Pompadour nach draußen zu schauen, wird die Heldin auch in feine Gesellschaft eingeführt.

Diese grafische Dialogizität spiegelt sich auch in zweideutigen Unterhaltungen wider. Blanche, das unschuldige Mädchen vom Lande, muss sich nur nicht nur verbal mit unzüchtigen Hostessen schlagen, sondern auch mit dem versnobten Freunden von Antoine und seiner Familie. Obgleich der junge Mann Blanche seine Liebe gesteht, lebt der dritte Band von Fräulein Rühr-mich-nicht-an von eben diesem gewissen Gefühl der Ungewissheit. Man will unbedingt wissen, was das Problem mit Antoine ist.

Zum fulminanten Abschluss des dritten Band wird ein Ball im Bordell gefeiert, eine drogentrunkene Walpurgisnacht. Der Ball soll dem Plot noch eine letzte unerwartete Wendung geben, doch das Gegenteil ist der Fall: Es ist das Ende vom Anfang des Endes.

 

Wertungalt

Gelungene Weiterführung der Serie


Fräulein-Rühr-mich-nicht-an 4 – Bis dass der Tod uns scheidet

Cover von Fräulein Rühr-mich-nicht-an 4 Bedeutungsschwanger kommt der Untertitel des vierten und letzten Bandes  daher: „Bis dass der Tod uns scheidet“. Von einem vorzeitigen Ableben kann aber nicht die Rede sein, eher von einer schmerzhaften Trennung: Fräulein-Rühr-mich-nicht-an und das spannende Leseerlebnis gehen von nun an getrennter Wege.

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Es ist der Morgen nach der großen Feier und allmählich kommt die Erinnerung zurück: Hat Blanche nicht in den ersten drei Teilen von Fräulein Rühr-mich-nicht-an im Pariser Rotlichtmilieu den Mörder ihrer Schwester zur Strecke gebracht und die lang ersehnte Liebe gefunden? Obwohl all das kein Traum war, erwacht die junge Heldin zu Beginn des vierten Bandes in Fetzen gehüllt in irgendeiner Gasse von Paris. Während sie einen letzten Blick hinter die Kulissen des Pompadour wirft, setzt eine schmerzende Ernüchterung ein.

Das Finale kleidet sich zwar erzählerisch wie der Rest der Serie, doch sieht alles so fremd aus. An der Arbeit des Zeichnerduos Kerascoët kann es nicht liegen. Sie lassen die Heldin wie gewohnt vor jeder Gefahr zunächst hochachtungsvoll die Augenbrauen hochziehen, nur um sie dann behände in Aktion treten zu lassen. Es ist derselbe eingängliche Stil, der die Alben von Trondheim und Manu Larcenet bevölkert. Frei von allen Zwängen der École Marcinelle oder der Ligne Claire verleihen die Zeichner dem Strich eine Lebendigkeit, die gerade der ungestümen Heldin gut zu Gesicht steht. Nur die Hintergründe heute die bevorstehende Ernüchterung an: Immer weniger Details sind in den Panels zu sehen.

Das blasse Paris Das Setting, welches dem erotischen Krimi bisher seine würzige Note verliehen hat, scheint für Blanche für immer verschlossen zu sein. In „Bis dass der Tod uns scheidet“ steht sie vor der Tür des Nobelbordells Pompadour. Sie ist aber nicht mehr länger Teil des Etablissements. Gerade in dem Wechselspiel zwischen Edelprostituierter und unschuldiger Landmaus lag der Reiz der ersten drei Bände. Das interessante Nachtleben ist im vierten Band vollends dem langweiligen Alltag von Paris gewichen. Vorbei sind die nächtlichen Eskapaden im Pompadour, die humoresken Sexeinlagen und die dicken roten Vorhänge, hinter denen so manches Geheimnis steckt. Das letzte Geheimnis dreht sich auch gar nicht mehr um Blanche, sondern nur noch um ihren Märchenprinz, um Antoine.

Die Abenteuer, die Blanche bestehen muss, wirken auch nicht mehr spannend, sondern sind absehbar. Direkt und zielstrebig lüftet sie ein Geheimnis nach dem anderen. Doch ihr naiver Charakter zerbricht an der letzten entscheidenden Frage. Was hinter ihrer braven Fassade zum Vorschein kommt, ist eine engstirnige konservative Haltung, die den Leser der ersten drei Bänden erschrecken lassen muss. An die Stelle ihres verständnisvollen Blickes ist die selbstsüchtige Fratze eines kleinen Mädchens getreten, das ihr Spielzeug nicht bekommt.

Wie ein Soufflé sackt das große Finale von Fräulein Rühr-mich-nicht-an in sich zusammen. Natürlich kann man sich nicht erwehren, den Abschluss dieser Reihe zu suchen, doch liest sich Band vier eher wie ein überflüssiger Epilog denn wie ein spannendes Finale.

 

Wertungalt

Enttäuschendes Finale einer ansonsten schönen Serie

 

Fräulein Rühr-mich-nicht-an
Reprodukt
Text: Hubert
Zeichnungen: Kerascoët
je 48 Seiten, farbig, Softcover
Preis: je 12,- Euro
 

Band 3: Der Märchenprinz
Januar 2011
ISBN: 978-3941099654
Leseprobe

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Band 4: Bis dass der Tod uns scheidet
April 2011
 ISBN: 978-3941099876
Leseprobe

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Abbildungen © Kerascoët, der dt. Ausgabe: Reprodukt



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Kommentare (2)Add Comment
0
...
geschrieben von marmes, am 16. November 2011 um 10.08 Uhr
Soviel ich weiss wird Band 5 Ende dieses Jahres in Frankreich veröffentlicht, d. h. dass Band 4 keineswegs der Abschluss der Reihe ist. Sonst wäre das Ende tatsächlich sehr unbefriedigend.
daniel
...
geschrieben von daniel, am 16. November 2011 um 11.02 Uhr
Lieber Marmes,

du hast in gewisser Weise Recht, wenn man sich anhört was Hubert auf dem letzten Festival in Angoulême gesagt hat. Er und Kerascoët planen zwar zu Blanche zurückzukehren, doch ersten wenn die drei Lust dazu haben. In der Zwischenzeit widmen sie sich anderen Projekten (wie hier auf Französisch http://www.bdgest.com/forum/mi...2-280.html nachzulesen).

Somit kann man das Ende erstmal als Abschluss lesen, denn eine neue Idee, wie es weitergehen soll, gibt es scheinbar noch nicht.

Natürlich werde ich auch dem fünften Band eine faire Chance geben, wenn er dann erscheint.

Grüße,
Daniel

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