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von Thomas Kögel Mittwoch, 21. Juli 2010
Die Technik, die Flix für seinen Faust anwendet, ist eigentlich recht einfach: Er übernimmt Goethes Geschichte in ihren Grundzügen und überträgt sie aus dem 16. Jahrhundert ins heutige Berlin. Faust ist ein Geisteswissenschaftler ("Habe nun, ach ...") und, wie das heute so ist, verdient sein Geld als Taxifahrer. Sein Freund und Mitbewohner Wagner ist ein im Rollstuhl sitzender Schwarzer und Gretchen ist die Tochter eines türkischen Gemüsehändlers. Auch wenn Flix aus Goethes Tragödie eine gagreiche Komödie macht und sich allerhand erzählerische Freiheiten nimmt, bleibt das Handlungsgerüst seines Comics recht nahe an der berühmten Vorlage – bestimmt keine schlechte Idee, schließlich hat man in dem alten Geheimrat Goethe einen Szenaristen, der über alle Zweifel erhaben ist. Im Zentrum stehen, wie im Original, der Pakt, den Faust mit Mephisto abschließt, weil jener eine Wette mit Gott laufen hat, sowie die Liebesgeschichte zwischen Gretchen und Faust.
Flix nutzt also den Goethe'schen Rahmen für seine Geschichte und bringt dabei immer wieder augenzwinkernde Verweise auf das Original, wörtliche Zitate oder Anspielungen auf Johann Wolfgang von Goethe unter (so trägt beispielsweise der Pudel, in dem sich Mephisto materialisiert, den Namen Charlotte von Stein). Eine Form von Humor, die sich vor allem jenen erschließt, die den Original-Faust kennen und damit bestens geeignet für die bildungsbürgerliche Leserschaft der Frankfurter Allgemeinen. Doch zum Glück ist dieser Comic kein reiner Insidergag für Germanisten, sondern funktioniert auch allgemein als eine Art romantische Komödie, selbst für Leser, die gerade krank waren, als Faust im Deutschunterricht behandelt wurde.
Neben den Seitenhieben aufs Original wirft Flix einen satirischen Blick auf die Gegenwart, auf den Berliner Alltag, auf Multikulti-Ideale und -Probleme, auf den Krieg der Geschlechter und auch aufs Thema Religion. Das ist meistens witzig und unterhaltsam, aber auch arg zahnlos. Statt Biss und satirischer Schärfe gibt es harmlose Wohlfühl-Gags, manchmal auch arg platte Kalauer (wenn z.B. die Klingel an der Haustür von Gretchens türkischer Familie "Düng-Döng" macht). Der Flix'sche Humor ist niemals böse oder abgründig, er tut nicht weh. Er lässt sich leicht konsumieren und macht durchaus Spaß, bleibt aber zwangsläufig an der Oberfläche.
Akzeptiert man diese Schwäche, wird man an Faust - Der Tragödie erster Teil seine Freude haben. Zeichnerisch und erzählerisch beherrscht Flix sein Handwerk bestens. Da Faust als Fortsetzungscomic in kleinen Häppchen entstand, legt der Autor ein hohes Tempo vor und würzt den Stoff mit zahlreichen Pointen. Trotzdem gelingt es ihm, das große Ganze im Blick zu behalten. Die Buchausgabe wirkt zum Glück nicht wie eine Kette von Mini-Episoden, sondern als geschlossenes Werk aus einem Guss. Und auch die Aufmachung des Hardcover-Bandes als leicht angeschrabbelte Reclam-Ausgabe ist äußerst gelungen. Schade nur, dass hier alles ein bisschen zu brav bleibt. Mit mehr Biss und weniger Niedlichkeit wäre dieser Faust ein richtig großer Wurf geworden.
Faust - Der Tragödie erster Teil
Carlsen, März 2010
Text und Zeichnungen: Flix
96 Seiten, Hardcover, schwarz-weiß, 14,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78977-8
Hübsche Klassiker-Satire, die ruhig etwas bissiger hätte ausfallen dürfen
Abbildungen: © Flix, Carlsen















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