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von Benjamin Vogt Montag, 20. September 2010


 Einen großen literarischen Klassiker in ein anderes Medium zu transportieren ist nicht immer leicht. Gerade Comickünstler, die ja unbebilderte Romane grafisch zum Leben erwecken müssen, laufen immer Gefahr, dass die Inhalte, die Atmosphäre und die Intentionen, die der Schrifsteller sich ursprünglich ausgedacht hat, durch eine Adaption in Comicform nicht korrekt erfasst oder gar trivialisiert werden. Auf der anderen Seite steht die Gefahr, dass am Ende ein Comicwerk entsteht, welches sich zu sklavisch an die Vorlage hält, der Künstler also nicht mutig genug ist, dem Stoff genügend Eigenständigkeit als Comic einzuräumen.

In der vorliegenden Adaption von Franz Kafkas berühmter Erzählung Die Verwandlung gelingt den Machern ein beeindruckender Spagat, der mich aber letztlich zwiespältig zurückgelassen hat. Der französische Szenarist Eric Corbeyran und der britische Zeichner Richard Horne halten sich nahe an der Vorlage, vor allem werden hier keine Experimente gewagt und auch beim Durchblättern erhält man bereits den (richtigen) Eindruck, dass die düstere, schwarzgeprägte Optik eine kafkaeske Stimmung erzeugen soll. Insofern kann von einer völlig freien Interpretation keine Rede sein und man merkt Recht schnell, dass ein solches Vorhaben wohl auch nicht funktioniert hätte.

 Eine spezielle künstlerische Freiheit stellte sich von selbst: Das Aussehen der Hauptfigur Gregor Samsa, der als „Ungeziefer“ (wie es Kafka in seiner Novelle nicht näher bezeichnet) in seinem Zimmer aufwacht, musste in irgendeiner Weise illustriert werden. Die Entscheidung fiel auf eine riesige Schabe. Sicherlich nicht das Verkehrteste, dies macht den Ekel und die Abneigung, die Gregors Familie ihm im späteren Verlauf entgegenbringt,  noch plausibler.

Die Verwandlung ist insgesamt ein sehr guter Comic geworden, der wohlgemerkt auch für diejenigen Leser interessant ist, die den zugrundeliegenden Stoff bislang nicht kennen. Die unerklärliche Verwandlung von Gregor Samsa und deren Nachwehen ergeben eine albtraumhafte Geschichte von Ausgrenzung, Abscheu und Angst. So gut es Corbeyran und Horne jedoch auch gelingt, einen tollen Comic vorzulegen, so schade ist es auch, dass das Gefühl der Angst, der Beklemmtheit, eben genau das, womit Kafkas Buch gekonnt spielt, sich bei dieser Adaption nicht so richtig einstellen will.

Paradoxerweise könnte man sagen, dass den beiden Künstler durch die Illustrationen automatisch ein Nachteil entsteht. Denn während sich Kafkas Leser seit Erscheinen des Buches stets nur in der subjektiven Vorstellung ausmalen konnten, wie Samsas Leidensweg als Ungeziefer aussehen könnte, bekommt man das Bild jetzt zugleich präsentiert. Ein Umstand, der diesen Klassiker natürlich ein wenig entzaubert.

 

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Die Verwandlung
Knesebeck, August 2010
Szenario: Eric Corbeyran (nach den Texten Franz Kafkas)
Zeichnungen: Richard Horne
48 Seiten, farbig, Hardcover; 19,95 Euro
ISBN: 978-3-86873-266-5
 

Gut gezeichnete, eigenständige Adaption, die lediglich mit der Atmosphäre der Vorlage nicht ganz mithalten kann

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Abbildungen: © Knesebeck

 



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