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03.06.2012
(Vortrag/Diskussion)
von Daniel Wüllner Donnerstag, 20. Januar 2011
Es ist immer wieder dieselbe, alte Geschichte: Junge trifft Mädchen. Junge und Mädchen verlieben sich. Mädchen will mit Junge davonlaufen, wird aber vom Vater des Jungen entführt. Vater gibt Mädchen an Jungen zurück und kidnappt stattdessen Viktoria I, Königin von England. Einmal abgesehen von diesem offensichtlichen Verstoß gegen den Knigge machen die Künstler Sfar und Guibert in Die Tochter des Professors alles richtig. Vielleicht sei noch zum Plot erwähnt, dass sich hinter den Mullbinden des Jungen niemand anderes als der mumifizierte Pharao Imhotep IV versteckt.
Versetzt ins neunzehnte Jahrhundert flaniert die quicklebendige Mumie aus dem ägyptischen Adelsgeschlecht mit der Dame ihres Herzens, Ms. Liliane Bowell, jener Tochter des Professors, durchs viktorianische London. Scheinbar ohne jegliches Ansinnen auf Realität oder Authentizität – immerhin lustwandelt hier eine über tausend Jahre alte Mumie im Park – verquickt Joann Sfar die episodenhaften Abenteuer von Imhotep IV und Liliane zu einer Geschichte mit kurzweiligen Slapstick-Einlagen und gelungen Spannungsbögen. Während der Tenor des Comics eher grotesk-romantisch ist, wirkt das Seitenlayout recht bodenständig: ein klassisches Sechs-Panel-Raster.
Der Austausch der viktorianischen Höflichkeitsformeln findet in Sprechblasen statt, die fein säuberlich von Hand mit dem Bleistift gezeichnet wurden. Unter die romantische Grundfärbung der Dialoge mischt sich einfühlsame Selbstironie, der die Protagonisten enger zusammenschweißt. Auf Lilianes naiven Beitrag „[Vater] sagt, Sie seien wertvoll“ kontert Imhotep IV charmant mit einem „Dasselbe sagt er von Ihnen“.
Anstatt wie üblich Tiere im Comic zu vermenschlichen, bemüht sich Sfar, die Menschen in Die Tochter des Professors immer wieder aufs Neue mit ihrer Dinglichkeit zu konfrontieren. Das Leben von Imhotep IV als wandelnde Museumsware mit Gefühlen spiegelt humorvoll die gesellschaftlichen Zwänge wider, die Liliane im zugeknöpften viktorianischen Zeitalter über sich ergehen lassen muss. In keinem einzigen Dialog versäumt Sfar versteckte Doppeldeutigkeiten einzubauen, was Die Tochter des Professors zu einem Feuerwerk verbaler Pointen macht.
Als Kontrast zu Sfars grotesk-komischen Dialogen taucht sein Studiokollege Emmanuel Guibert die Seiten in mit Wasser verdünnte Aquarelle, die synästhetisch der Stimmung der jeweiligen Szenerie angepasst sind. Vergessen sind sein hyperrealistischer Stil in Brune, seine klaren Konturen in Alans Krieg oder seine Interpretationen der Fotografien in Der Fotograf. Guiberts Zeichnungen in Die Tochter des Professors orientieren sich eher am Stil von Kapitän Scharlach, seiner Kooperation mit David B.
Beachtlich ist vor allem die Farbpalette. Mit seinen über die Konturen verfließenden Aquarellfarben verstärkt Guibert sowohl die knospende Liebesbeziehung des ungleichen Pärchens als auch die bedrohlichen Hafensequenzen. Während Guibert die Frühlingstage in warme Ockertöne einkleidet, taucht er das Milieu der Hafenarbeiter in ein kühles Blau. Das Spiel mit dem Pinsel endet nicht beim simplen Kolorieren der Hintergründe, sondern ist auch Teil der Charakterisierung der Figuren. Mit einem feinen Schwung nuanciert Guibert das Gesicht der Tochter aus gutem Haus, lässt ihre Augen unter dem dunklen Schatten des Hutes hervorschauen oder hinterlässt mit einem einzigen Pinselstrich ein überraschtes "Oh" in ihrem Antlitz. Die Gesichter von Imhotep IV und seinem Vater hingegen beweisen, dass man sehr wohl mit eingeschränkter Mimik und ganz ohne Augenbrauen Gefühle evozieren kann.
Die Tochter des Professors ist ein charmanter Comic, der ganz bewusst über die Grenzen geht; ob dies die Gesichtskonturen der jungen Damen sind oder auch die Grenzen der Realität. Geführt von Sfar und Guibert kann einem ebenso wenig passieren wie bei einem Spaziergang durch Kensington Park und mindestens ebenso viel Amüsement bei der Lektüre ist garantiert.
Wertung: ![]()
Ein Comic, der sich liest wie ein erquickender Spaziergang durch den Park
Die Tochter des Professors
Bocola Verlag, November 2010
Text: Joann Sfar
Zeichnungen: Emmanuel Guibert
64 Seiten, farbig, Hardcover
Preis: 14,90 Euro
ISBN: 978-3-939625-32-2
Leseprobe
Abbildungen © Emmanuel Guibert, der dt. Ausgabe: Bocola Verlag GmbH
Es ist immer wieder dieselbe, alte Geschichte: Junge trifft Mädchen. Junge und Mädchen verlieben sich. Mädchen will mit Junge davonlaufen, wird aber von Vater des Jungen entführt. Vater gibt Mädchen an Jungen zurück und kidnappt stattdessen Viktoria I, Königin von England. Einmal abgesehen von diesem offensichtlichen Verstoß gegen den Knigge, machen die Künstler Sfar und Guibert in Die Tochter des Professors alles richtig. Vielleicht sei noch zum Plot erwähnt, dass sich hinter den Mullbinden des Jungen niemand anderes als der mumifizierte Pharao Imhotep IV versteckt.















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Wer kennt sie nicht, die unerwünschten E-Mails, die
man Tag für Tag in seinem Spam-Ordner (oder, schlimmer, direkt im Posteingang)
findet. Meistens sind sie nur lästig, manchmal bergen sie aber auch unfreiwilligen Humor in sich. Nicolas Mahler schafft es wie kein
zweiter, das Absurde und Komische an Spam-Mails herauszuschälen und
legt mit SPAM ein Buch vor, das aus realen Betreffzeilen und
realen Absendernamen kleine Miniaturen macht, die umwerfend komisch
sind. Und ganz nebenbei gelingt ihm eine tragische Geschichte vom
Abenteuer Penisvergrößerung.
- 24.03.2009
Seine erste Lenore-Geschichte zeichnete Roman Dirge bereits im
Jahr 1992, der vorliegende Sammelband erschien 1999 in den USA. Weitere
zehn Jahre später liegen die Comics vom "süßen kleinen toten Mädchen"
auch auf Deutsch vor. Dies besorgt der kleine Verlag UBooks, der
unkonventionelle Literatur verlegt, u.a. auch Vampir-Romane,
Gothic-Bildbände und die norwegische Comicserie Nemi.
- 15.07.2009

An und für sich sind die Bayern ja oft ein Grund zur Freude, aber
manchmal ärgert man sich auch über sie - in meiner neuen
Stammkneipe in Idaho zum Beispiel. Bin ich den ganzen Weg hierher
gekommen, um dann Anfang Oktober plötzlich mit lautstarker Blasmusik
vom Fass beschallt und von Kellnern in Lederhosen belästigt zu werden,
die mir zudem noch Bratwurst und Sauerkraut andrehen wollen? Doch eher
nicht. Teil meines Marschgepäcks aus der Heimat war - pflichtbewusster
Rezensent, der ich nun einmal bin - der neue Comic von Moritz Reischl,
alias Mosbichler, und der ist leider auch so ein Fall.
Mit der vorliegenden, jetzt aber wohl endgültig letzten Ausgabe der Helden ohne Skrupel ist dem Verein Finix Comics nichts weniger als eine kleine Sensationspublikation geglückt. Noch vor der bereits im Jahr 2003 von Carlsen vorgelegten Nummer 0 ist Album 000 anzusiedeln. Das mag kurios klingen, wird aber, wie sich bei der Lektüre zeigen wird, dem schöpferischen Prozess der Reihe gerecht.
- 23.05.2011