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von Benjamin Vogt Dienstag, 24. Juni 2008

Cover Die sechs Schüsse von PhiladelphiaDie sechs Schüsse von Philadelphia ist der fünfte Band der Kollektion Levitation, die im Avant-Verlag erscheint. Und man muss sich positiv wundern, dort einen deutschen Comicschaffenden vorzufinden, ist doch diese wunderbare Reihe bislang den beiden internationale Ausnahmekünstlern Joann Sfar (Pascin, Klezmer, Die kleine Welt des Golem) und Gipi (5 Songs) vorbehalten gewesen. Nicht minder überrascht es, dass man mit Ulrich Scheel einen hierzulande kaum bekannten Zeichner antrifft. Scheel hat zwar in Frankreich bereits einige seiner Comics veröffentlicht, aber Die sechs Schüsse von Philadelphia stellt sein Deutschlanddebut dar - umso bemerkenswerter, dass er dabei gleich einen 240 Seiten dicken Comic vorlegt.

Der Band spielt im kleinen Dorf Philadelphia (in Brandenburg) in der damaligen DDR und erzählt von einer Clique Jugendlicher, die sich die Sommerferien 1980 vertreiben wollen. Anlass zur großen Aufregung, zur Unterbrechung des tristen Herumhängens liefert ein alter Weltkriegsrevolver, den die Clique in die Hand bekommt. Neugierde und jugendlicher Leichtsinn nehmen darauffolgend ihren Lauf und die Gefährlichkeit der Waffe nimmt konkretere Formen an.

Seite aus Die sechs Schüsse von PhiladelphiaUlrich Scheel inszeniert diese Geschichte sehr clever, indem er, aus den Augen des 15-jährigen Protagonisten Uwe Schmelzke, erst einmal die Darsteller seiner Erzählung vorstellt (Uwes kleiner Bruder, Kumpel Grolf, Freundin Sabine und der Dorftrottel Tobias), dann die Umgebung (ländlich, sowjetbesetzt) und dann aus rückblickender Sicht, im Stile eines Ferienaufsatzes für die Schule, über das berichtet, was vorgefallen ist. Scheel verzichtet dabei erfrischenderweise auf allzuviel Hintergründe, sowohl in optischer als auch inhaltlicher Hinsicht. Er konzentriert sich auf die Beziehung zwischen den Figuren, die ein Cliquengefüge darstellen und demnach ihre Freizeit gestalten. Mit dem Revolver kommt ein zusätzliches Element ins Spiel, das deutlich die Interaktion zwischen allen beeinflusst. Dies wird eindrucksvoll dargestellt. Die Spannung nährt sich bei dieser Erzählung aus der unvermeidlichen Frage, wann aus dem Spiel mit der Schusswaffe Ernst wird und ein Unglück passiert; zumal der Autor mit seinem Aufbau der Kapitel direkt anklingen lässt, dass im Folgenden nicht alles glimpflich ausgehen könnte. Jedes der sechs Kapitel ist nämlich so organisiert, dass sich, absichtlich oder nicht, jeweils ein Schuss löst (betitelt mit „Der erste Schuss“, „Der zweite Schuss“ usw.).

Seite aus Die sechs Schüsse von PhiladelphiaOhne zu viel von der Geschichte zu verraten, hätte ich mir bei diesem insgesamt sehr gelungenen Werk etwas weniger Radikalität gewünscht. So wunderbar dieses unbeschwerte Sommerfeeling, das Vertreiben der Langeweile mit der Gewinnung neuer Erfahrung transportiert und das Erwachsenwerden mit allen positiven wie negativen Seiten dargestellt wird, so hat mich doch die ein oder andere Stelle verwundert, respektive an den Motiven der Personen zweifeln lassen. Ein Aspekt, den man aus meiner Sicht durchaus weniger extrem oder zumindest nachvollziehbarer hätte gestalten können. So bleibt der Autor eine nähere Betrachtungsweise schuldig.

Nichtsdestotrotz, auf 240 Seiten lässt sich ein sehr guter Comic bestaunen, der gekonnt erzählt und mit grafischer Reduzierung (fast pure Konturen, wenig Hintergründe, leichter Brauneinfluss) überzeugt.

 

Die sechs Schüsse von Philadelphia
Avant Verlag, Mai 2008
Text und Zeichnungen: Ulrich Scheel
Softcover, 240 Seiten, Duotone (mit brauner Zweitfarbe); 19,95 Euro
ISBN: 9783-939080-31-2


Geschichte ums Erwachsenwerden mit Moral

 

 

 

 

 

 

 

 

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Abbildungen © Ulrich Scheel und Avant Verlag




 



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