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von Thomas Kögel Freitag, 19. Juni 2009

 Mit dem englischen Wort "Changeling" bezeichnet die europäische Mythologie ein sogenanntes Wechselbalg, ein Baby also, das den Eltern ohne deren Wissen untergeschoben wird, während Elfen oder Geister das eigentliche Kind rauben. Ein solcher Changeling ist auch der kleine Peter Jobson, auch Scrubby genannt, von dem Pierre Dubois und Xavier Fourquemin in ihrem Comic erzählen.

Peter wächst bei seiner Familie in einer grünen Idylle auf, irgendwo auf den britischen Inseln während des 19. Jahrhunderts. Der Junge hat ein besonderes Verhältnis zur Natur, zu Pflanzen, Tieren und dem Wind. Eines Tages trifft er im Wald auf einen alten Magier, der ihm zeigt, dass es in der Welt zahlreiche Wesen gibt, die man auf den ersten Blick nicht sehen kann: Kobolde, Trolle, Elfen und so weiter. "Die Natur ist lebendig", sagt der weise Mann zu Scrubby, " die Wesen wohnen dort. Geh ein Bündnis mit ihnen ein und du wirst nie allein sein."

 Doch das harmonisch-idyllische Landleben währt nicht lange. Scrubbys Familie beschließt, wegen Dürre und Hungersnot in die Stadt zu ziehen, nach London, wo dank der Industrialisierung gerade ein Aufschwung stattfindet, allerdings auf Kosten der schlecht bezahlten Arbeiter. Die Jobsons landen in einem erbärmlichen Elendsviertel, das von der grünen Natur nicht weiter entfernt sein könnte. Doch Scrubby findet sich schnell zurecht: Während sein Vater an kommunistischen Arbeiteraufständen teilnimmt, entdeckt er auch in der großen Stadt viele Spuren von fantastischen Wesen. Allerdings gibt es darunter auch solche, die nichts Gutes im Schilde führen, und die Stadt hat eindeutig mehr Grausamkeiten zu bieten als die freie Natur ...

Die Legende vom Changeling ist eine äußerst angenehme Überraschung: Was äußerlich wie eine klassische Fantasygeschichte aussieht und zunächst auch so beginnt, entpuppt sich bald als ein Wechselspiel zweier Welten: der mystischen Sagenwelt und der harten Realität des Großstadtmolochs, wie sie z.B. auch Charles Dickens in Oliver Twist beschrieben hat. Beide Ebenen bringt Zeichner Xavier Fourquemin hervorragend zu Papier, sein bezaubernder Semi-Funny-Stil eignet sich bestens für diese Mischung aus fantastischen und realistischen Elementen, die durch die stimmungsvolle Kolorierung von Scarlett Mulkowski noch betont wird.

 Szenarist Pierre Dubois, der sich auch in anderen Publikationen schon eingehend mit Feen, Kobolden und anderen Fabelwesen beschäftigt hat, nimmt sich viel Zeit für die Einführung seiner Figuren und deren Lebenswelt. Das tut der Stimmung der Geschichte zwar gut, allerdings ist das Album, wenn die Handlung in Fahrt kommt und dramatisch wird, schon wieder zuende und lässt den Leser mit einem offenen Ende auf die Fortsetzung warten. Auf diese wird man zum Glück nicht lange warten müssen, der zweite Band (der aber noch nicht der letzte sein wird) erscheint bei Piredda bereits im August. Wenn Dubois und Fourquemin dann die Qualität halten, bekommt man mit ihrer Legende vom Changeling ein originelles Werk, das sich von gängiger Fantasy-Dutzendware abhebt und sowohl für (ältere) Kinder als auch für Erwachsene sehr lesenswert ist.


Die Legende vom Changeling 1: Die Missgeburt
Piredda Verlag
, April 2009
Text: Xavier Fourquemin
Zeichnungen: Pierre Dubois
Hardcover; 56 Seiten; farbig; 13,50 Euro
ISBN: 978-3-941279-27-8

Atmosphärische, originelle Fantasy

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Abbildungen: © Piredda Verlag




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