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(Vortrag/Diskussion)
von Daniel Wüllner Freitag, 27. November 2009
Um den Wust von hundert Jahren in eine anständige Form zu bringen und um sich selbst das Leben nicht schwieriger zu machen als es ohnehin schon ist, ordnet Schikowski die Geschichte der Comics in sechs Kapitel à fünf Künstler. Um trotzdem rechnerisch auf die angestrebte Anzahl von 34 Künstlern zu kommen, taucht der kürzlich verstorbene Will Eisner, auch bekannt als Vater der Graphic Novel, gleich zweimal auf, dafür ist das franko-belgische Kapitel mit Franquin, Peyo, Morris, Goscinny und Uderzo überproportional bevölkert. Die Einteilung der Kapitel, wie auch der Künstler, macht Sinn, da Schikowski so einen roten Faden erzeugt, auf dem er, wie angestrebt, die jeweiligen Eigenheiten der Künstler und ihre prägende Kraft für zukünftige Comicschaffende verzeichnen kann.
Ein einzelner Beitrag besteht aus vier bis sieben Seiten. Während der simpel strukturierte Aufbau dem Leser den Einstieg in die Welt der großen Künstler erleichtert, hält sich der Autor etwas zu sehr an sein Schema, das von einer Anekdote direkt zur Geburt und der weiterführenden Biografie überleitet. Hiernach folgen die wichtigsten Werke und anschauliche Erläuterungen des jeweiligen prägenden Einflusses. Gelegentlich hätte man sich für einen Künstler wie Hugo Pratt einen kleinen Ausbruch aus diesem Muster gewünscht.
Der gut zu lesende Text bietet sich nicht nur an, um Biografien und Werke einzureihen, sondern auch, um nette Anekdoten einfließen zu lassen. So erfahren Unwissende und Interessierte mehr über die Sprache der Schlümpfe, die bereits vor den kleinen blauen Gesellen entstand oder auch über Carl Barks' ersten Kontakt mit seiner eigenen Popularität. Ab der Mitte des Buches muss Schikowski leider immer öfter auf kleine Sprechblasen ausweichen, die den Text mittels Zusatzinformationen ergänzen, um der Verzweigtheit der Comichistorie Herr zu werden. Dabei variiert der Informationsgehalt der Sprechblasen: Von der simplen Ergänzung der Biografie bis hin zur kompletten Abhandlung über die deutsche Comichistorie umfassen die Blasen alles Weiterführende und drohen dabei vor lauter Informationen förmlich zu zerplatzen.
Trotz einiger kleiner Fehltritte gelingt Schikowski das waghalsige Unterfangen, von Rudolph Dirks zu Marjane Satrapi zu kommen, ohne den Leser dabei zu langweilen. Eine gute Mischung aus schönen Illustrationen der Künstler und einem strikten Aufbau bei der Präsentation der Künstler, der an manchen Stellen ein wenig mehr Freiraum auch gut zu Gesicht gestanden hätte, fordert den Leser auf einzusteigen und fördert seine Comicallgemeinbildung. Auf den Geist der Vollständigkeit, hier verkörpert durch die kleinen Sprechblasen und die noch kleinere Schrift, hätte Schikowski getrost verzichten können, denn am Ende wird dem Leser nicht der Erfinder der Splash Page in Erinnerung bleiben, sondern der Erzähler, der es geschafft hat, sein Publikum am besten zu unterhalten.
Die großen Künstler des Comics
Edel Verlag, November 2009
Autor: Klaus Schikowski
208 Seiten, Hardcover, teilw. farbig illustriert; 29,95 Euro
ISBN 978-3-941-37813-1
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Die alte Weisheit, nach der man ein Buch nie nach seinem Cover beurteilen solle, trifft hier in vollem Umfang zu. Der Umschlag glänzt (wortwörtlich) mit silbernen Glitzereffekten im Stil einer Diskokugel, dazu tanzt ein fröhlicher Snoopy, umrahmt von einem pinkfarbenen Titelschriftzug. Das wirkt von außen, als hätte man es hier mit einem lustigen "Spiel und Spaß mit den Peanuts"-Buch zu tun, gefüllt mit Rätseln, Spielen, Gags und ein paar Comics. Das Gegenteil ist der Fall.
Whatever Happened to the World of Tomorrow?
heißt der Comic von Brian Fies im Original. Was ist nur aus der Welt
von Morgen geworden? Eine Frage, die den Inhalt bereits gut auf den
Punkt bringt: Es geht um den Glauben an die Zukunft, um die Hoffnung
auf eine bessere Zukunft für alle Menschen durch technologischen
Fortschritt, um eine Utopie, die weite Teile des 20. Jahrhunderts
bestimmt hat, die aber letztlich ein uneingelöstes Versprechen blieb.
- 03.04.2010
Zum 25. Jubiläum feiert die Reddition, Deutschlands Zeitschrift für
Graphische Literatur, sich selbst und das Medium "Comic" mit einer
fast hundert Seiten starken Doppelausgabe (Band 49 und 50) und dem
Titelthema "Comics und Literatur". Seit 1984 liefert dieses
ambitionierte Projekt ausführliche Porträts und Dossiers über
europäische, amerikanische und auch japanische Comics und deren
Künstler. Dabei lag der Schwerpunkt der Publikation stets auf der exakt
aufgearbeiteten Präsentation von historischen Fakten über Comics,
interessanten Hintergrundinformationen über Künstler und original
Bildmaterial der entsprechenden Publikationen. Zum Jubiläum versuchte
man in gewohnter Qualität nachzulegen und auch endlich dem Untertitel
der Zeitschrift für Graphische Literatur mehr Aufmerksamkeit zu
schenken.
- 24.07.2009
Selten hat es ein Cover geschafft, die Essenz eines Buches so gut einzufangen, wie das Titelbild von Erotische Comics. Unser voyeuristischer Blick gleitet von den roten High Heels langsam über die Strapse nach oben. Er umspielt einen kleinen Augenblick zu lange das wohlgeformte Hinterteil; erst dann führt er uns weiter über das adrette weiße Kleidchen und über die süße Schleife hin zu einem wilden Rotschopf. Gelenkt von unserer male gaze nehmen wir Stück für Stück wahr, wie sich die einzelnen Details zu einer kompletten Frau zusammenfügen, die ihrerseits jemanden durch ein Schlüsselloch beobachtet. Obwohl nicht wir das Objekt ihrer Begierde sind, wird uns schlagartig klar, dass wir sie mit unseren Augen ausgezogen haben. Ein Gefühl der Scham setzt ein. Dieses ständige Spiel zwischen Subjekt und Objekt, zwischen Betrachten und betrachtet werden, verfolgt Autor Tim Pilcher über zwei Jahrhunderte und gibt dem geneigten Leser dabei einen interessanten Einblick in das stets wechselnde Verhältnis von Kultur und Sexualität.