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(Vortrag/Diskussion)
von Frauke Donnerstag, 08. Januar 2009
Die Gesellschaft dieser Zukunft hat ein Problem: Es gibt viel zu viele Menschen, für die die vorhandenen Ressourcen nicht mehr ausreichen. Allein in der europäischen Riesenmetropole Centrum leben über eine Milliarde Menschen. Also hat sich die Regierung was einfallen lassen. Jedes Jahr werden eine Million Bürger rein zufällig ausgelost, die von Killerkommandos, den so genannten Frettchen, liquidiert werden. Es kann jeden jederzeit treffen, von den Obdachlosen in den "Nekrozone" genannten Slums bis hin zu Geschäftsführern von Megakonzernen.
Der Protagonist Juan wundert sich zwar ein wenig, warum er als einer dieser Killer so oft in der Nekrozone unterwegs ist, schiebt dies aber auf die Bevölkerungsverteilung - schließlich leben 98% der Bürger Centrums dort. Juan erhält jeden Morgen eine Liste seiner aktuellen Aufträge und arbeitet diese im Lauf des Tages stoisch ab. Schließlich ist sein Job bei der Volkskontrolle so normal wie der anderer Leute bei der Müllabfuhr.
Natürlich passiert eines Tages etwas, was unser Frettchen ein wenig aus der Fassung bringt, sonst würden das recht eintönige 144 Seiten werden. Ein ehemaliger Kollege sucht ihn in seiner Wohnung auf und sät den Samen des Zweifels in ihm, dass das Losverfahren doch gar nicht so zufällig verfährt, wie es den Einwohnern von Centrum glaubhaft gemacht werden soll. Er kann Juan aber keine Details seiner Vermutungen erzählen, denn dummerweise steht er selber auf Juans Liste und ... Auftrag ist Auftrag. Juan lässt der Gedanke aber nicht los, und so macht er sich nach einigem Zögern auf, der Geschichte nachzugehen. Als dann noch der Name seiner Nachbarin Jos, an die er sich vorsichtig annäherte, auf seiner To-Do-Liste erscheint, eskaliert die Situation.
Andrevon gelingt es, die Einsamkeit, die man in einer Milliardenstadt empfinden kann, überzeugend darzustellen, und geht damit mehr auf die Menschen als auf die Technik der Zukunft ein. Kleine Details tun ihr Übriges: Als einzige Gesprächs"partner" können nur Juans Haustier, ein Fisch, und sein tragbarer Computer Jules herhalten. Die bedächtigen Beschnupperungsversuche des wortkargen Killers an die benachbarte Prostituierte Jos wirken unbeholfen und unsicher, und immer wieder kommt es zu Rückziehern.
Die Handlung des Comics selber wirkt aufgrund der Ähnlichkeiten zu bereits vorhandenen Erzählungen im Ganzen nicht besonders innovativ, wobei das Ende ungewöhnlich und erstaunlich offen daherkommt. Problematisch für den Leser ist, dass das Erzähltempo stark schwankt und man die ursprünglichen drei Einzelbände herauslesen kann. Der erste Teil ist sehr bedächtig. Juans Arbeitsalltag wird ausführlich beschrieben, man bekommt ein Gefühl für die Stadt und den nicht übermäßig sympathischen Protagonisten vermittelt. Dieses elegische Erzählen reicht noch bis in den zweiten Band hinein, wo auf einmal das Tempo angezogen wird - als ob dem Autor eingefallen ist, dass er ja auch noch einen Plot behandeln wollte (z.B. wird in einer Rückblende ein kurzer Ausschnitt aus Juans Vergangenheit schnell abgearbeitet, von der man hätte mehr erfahren wollen). Bei der anschließenden Jagd nach dem Geheimnis der Auslosung kommt man nur schwer hinterher, und die Auflösung wird so rasch runtergekurbelt, wie ich es selten erlebt habe.
Hier hätte eine etwas ausgewogenere Gewichtung der Erzählung und den Lesern gut getan.
Die Stimmung wird gut durch die meist düstere Farbpalette und die ausführlichen Stadt-Hintergründe des Zeichners Afif Khaled transportiert. Die im Comic des öfteren vorkommenden ganzseitigen Panels im Großformat sind sehr hübsch anzuschauen. Ein großes Manko von Khaled ist allerdings seine inkonsistente Darstellung von Menschen. Wenn er gut drauf war, könnten seine Figuren aus einem moderneren Zeichentrickfilm entnommen worden sein, was durch die Cellshading-Kolorierung noch verstärkt wird. In schlechten Panels wirken die Menschen wie bessere Amateur-Zeichnungen, umrahmt von eintönigen Tuschelinien, die viel zu viel eingesetzt wurden und bei denen man kaum eine Abwandlung in der Strichstärke erkennen kann. Dies führt direkt zu einem weiteren Manko: Seine Zeichnungen lassen an Dynamik fehlen, oft wirken die Szenen steif. Dies verstärkt natürlich einerseits den kalten Eindruck der Stadt und der Gesellschaft, ist aber in Actionszenen ärgerlich. In manchen Panels, wie z.B. einer Traumsequenz, lässt Khaled die Tusche einfach weg und, schwupps, ist das Ergebnis deutlich besser. Schade, von dieser Art Zeichnungen hätte ich gerne mehr gehabt in diesem Comic.
Einen Abend auf dem Sofa kann man bequem mit diesem atmosphärischen Comic verbringen, aber viel Neues oder gar einen Meilenstein sollte man nicht erwarten.
Die Chroniken von Centrum
Ehapa Comic Collection, November 2008
Text: Jean-Pierre Andrevon
Zeichnungen: Afif Khaled
144 Seiten, farbig, Hardcover, ca. DIN A4-Format; 39,95 Euro
ISBN: 978-3770432547

Die Chroniken von Centrum © Ehapa Comic Collection
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