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von Benjamin Vogt Freitag, 08. Oktober 2010


 Als Mael in einem Krankenhaus aufwacht, ist er umringt von drei weiteren Jungen. Sie weihen ihn in eine geheime Verschwörung ein: Alle Patienten der Klinik sind von Krabben infiziert, sie wachsen in Bauch, Kopf oder im Bein heran, wuchern oder zirkulieren in der Blutbahn des menschlichen Körpers. Bernardino, einem der Kinder, musste gar ein Fuss amputiert werden, weil sich eine Krabbe festgesetzt hatte.

Laut Bernardino, dem Initiator der „Bruderschaft der Krabbe”, sind die Beweggründe der „Entkrabber” in der Kinderklinik jedoch nur Fassade. Er vermutet, dass das Personal aus den herausoperierten Stücken eine riesige Monsterkrabbe formen will.

Allein diese Geschichte wäre für eine französische Comicserie bereits mehr als abenteuerlich, doch Mathieu Gallié geht in seinem dreiteiligen Werk noch ein ganzes Stück weiter. Ob tatsächlich eine Verschwörung existiert, ob Krabben in Menschen hausen könnten, das bleibt offen. Womöglich sind es Hirngespinste, die sich aus der Verängstigung der vier Kinder speisen. Noch bevor man darüber ausgiebig nachdenken kann, unterbricht Mathieu Gallié den Plot radikal. Während der Narkose bei einem operativen Eingriff im Krankenhaus werden die Vier in ein scheinbar verlassenes Schloss transferiert. Mit Ballons mit Krabbensymbol, die an ihren Handgelenken befestigt sind, durchforsten sie die unheimliche Szenerie und treffen glatt auf allerhand blutrünstige Horrorgestalten.

 Realität oder Einbildung? Oder soll man Die Bruderschaft der Krabbe eher als Allegorie für Kranksein/Alleinsein deuten? Die beiden Hälften dieses Albums passen jedenfalls auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammen. Richtig Sinn ergibt nur wenig. Trotzdem ist dieser Comic großartig. Das liegt an zwei einfachen Dingen: Spannung und Atmosphäre. Schon die ersten Seiten konfrontieren den Leser mit einer unglaublichen Geschichte. Erzählt mit den naiven Worten eines Kindes wird das Mysterium nur umso spektakulärer, sollte es tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Für die jugendlichen Protagonisten tut es das, nicht umsonst bilden sie als Protestbewegung eine Bruderschaft. Das ist der eigentliche Clou.

Jean-Baptiste Andreae, der auch für das ebenfalls bei Splitter veröffentlichte Werk Die mechanische Welt verantwortlich zeichnete, unterstützt mit seinem feinen Strich und vor allen Dingen mit der seichten Aquarellkolorierung perfekt die dichte Atmosphäre. Allein grafisch wäre dieser Comic bemerkenswert, in Einklang mit der überzeugenden Story ist er schlichtweg großartig. Und das begeisterte mich von der ersten Seite an.

Die kolportierten Schauermärchen erzeugen ein bedrohliches, unheimliches Gefühl. Als die Handlung dann hinüberschwappt in die Horrorwelt (so will ich sie mal nennen, denn es bleibt ungeklärt, wo und was dieser Ort ist), kann man die Spannung förmlich greifen und es überkommt einem beim Lesen der blanke Schauer.

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Was man zu Beginn womöglich für eine Entwicklung in Richtung Fantasy hätte halten können, entpuppt sich urplötzlich als immens gruseliger Thriller. Der Augang ist völlig offen, sicher erscheint mir nur, dass man weitere große Überraschungen für die kommenden beiden Bände nicht ausschließen darf.

 

Die Bruderschaft der Krabbe - Erstes Buch
Splitter, September 2010
Text: Mathieu Gallié
Zeichnungen: Jean-Baptiste Andreae
56 Seiten, farbig, Hardcover; 13,80 Euro
ISBN: 978-3-86869-169-6 

Gut

Starke französische Serie, zeichnerisch anspruchsvoll und unheimlich spannend geschrieben

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Abbildungen © Splitter Verlag



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