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von Thomas Kögel Dienstag, 31. Januar 2012
Ich muss gestehen, dass mir der Name Andreas Dierßen bislang nicht geläufig war. Dabei zählt dieser zu den "alten Hasen" der deutschen Comiclandschaft. Vor allem in den Neunziger Jahren war er aktiv, unter anderem mit Projekten bei Ehapa, Carlsen, fürs Schwermetall und bei Zwerchfell. Für den japanischen Verlag Kodansha schuf er unter anderem die Krimireihe Kunz, von der auch ein Band bei Carlsen vorliegt. Nach einigen Jahren Pause meldete er sich 2011 mit Die besten Zeiten zurück.
Leider enthält das Buch selbst keinerlei Angaben über Autor und Zeichner, so dass mancher potentielle Käufer, der im Laden hineinblättert, Dierßen fälschlicherweise für einen Newcomer halten könnte. Der Inhalt macht dagegen schnell klar, dass wir es hier keineswegs mit einem Anfänger zu tun haben. Artwork und Storytelling sind sehr routiniert und lassen auf eine Menge Erfahrung schließen.
Die besten Zeiten ist eine lose zusammenhängende Sammlung von Alltagsepisoden, die alle in der gleichen Stadt (Hamburg?) spielen. Sowohl die Geschehnisse als auch die Protagonisten wirken auf den ersten Blick gewöhnlich, fast banal, aber Dierßen gibt ihnen einen kleinen, behutsamen Twist: so wie zum Beispiel dem Herrn und der Dame, beide deutlich im Rentenalter, die gut gekleidet und mit höflichen Umgangsformen auf den Bus warten. Man könnte denken, dass sie ins Theater oder in die Oper gehen, stattdessen entpuppen sie sich als Taschendiebe.
Wir lernen außerdem kennen: einen stets gut gelaunten Mann, der für seinen stets schlecht gelaunten Kumpel eine Frau sucht, eine resolute Kneipenwirtin, einen gierigen Businesstypen und eine männliche Fee, die Wünsche erfüllen kann und den Businesstypen an der Nase herumführt. Dierßen lässt diese Figuren durch die Stadt streifen; es kommt zu flüchtigen Begegnungen oder aber zum zufälligen Aufeinanderprallen mit überraschenden Ergebnissen. Der Comic wechselt zwischen den Figuren und Episoden hin und her – sie haben nichts miteinander zu tun, sie finden auch nicht in einem großen Finale zusammen, aber sie geschehen gleichzeitig in der gleichen Stadt. Ein (fast) ganz normaler Tag im Leben von (fast) ganz normalen Leuten. Allerdings mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus und schwarzem Humor. Nicht alle, so viel kann man verraten, werden diesen Tag überleben.
Es ist ein ungemein trockener Witz, mit dem Andreas Dierßen seine Episoden garniert. Immer wieder setzt er kleine, manchmal fiese Pointen – keine Schenkelklopfer zum lauten Loslachen, eher leise, verschmitzte Schmunzler. Die besten Zeiten verbreitet eine sehr lakonische Stimmung, wie man sie etwa aus Filmen von Jim Jarmusch oder Aki Kaurismäki kennt: Alltagsroutinen mit einer leichten Verschiebung ins Absurde, Figuren, die lieber schweigen als reden, kleine, unaufgeregte Geschichten anstelle von großen Dramen. Die Graustufen, mit denen Dierßen seine Bilder versieht, passen bestens zu dieser Stimmung – in Farbe wäre dies ein völlig anderer Comic. Die Zeichnungen sind realistisch, verzichten auf allzu viele Details und konzentrieren sich aufs Wesentliche – und das sind die Figuren. Dierßen hat ein Händchen für markante Gesichter, denen er mit ganz wenigen Strichen eine große Vielfalt von mimischen Ausdrücken verleihen kann. Entsprechend setzt er diese Gesichter auch meist in Close-Ups in Szene.
Anders als Kaurismäki oder Jarmusch gelingt es Andreas Dierßen jedoch nicht, seine Figuren dem Leser wirklich nahe zu bringen. Sie bleiben uns fremd, wir erfahren nicht, wo sie herkommen und was sie bewegt. Von den meisten lernen wir noch nichtmal ihren Namen. Sie huschen vorbei, wie Passanten in einer großen Stadt, von denen man vielleicht ein paar Gesprächsfetzen aufschnappt, bevor sie um die nächste Straßenecke ziehen. Das hat durchaus seinen Reiz – wer ein Faible für lakonisch erzählte Großstadtepisoden hat, dem ist Die besten Zeiten auf jeden Fall zu empfehlen. Da Dierßen aber auf einen durchgehenden Handlungsfaden ebenso verzichtet wie auf eine spannende Dramaturgie und eine klassische Auflösung, wird nicht jedermann mit diesem Comic etwas anzufangen wissen.
Wertung: ![]()
Lakonische Großstadtepisoden mit sarkastischem Witz, aber ohne dramaturgische Höhepunkte
Die besten Zeiten
Carlsen Verlag, Mai 2011
Text und Zeichnungen: Andreas Dierßen
160 Seiten, schwarz-weiß, Hardcover
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 978-3-551-78837-5
Abbildungen: © Andreas Dierßen/Carlsen Verlag

geschrieben von Markus Freise, am 31. Januar 2012 um 16.21 Uhr














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Rezensionen




Der Autor dieses Comics, Pierre Dragon, heißt in Wirklichkeit ganz anders. Hauptberuflich arbeitet er nämlich beim Nachrichtendienst der französischen Polizei, den "Renseignements Généraux", kurz RG. Ein echter Geheimagent also. Dieser lernte 2006 (im Zusammenhang mit dem Konflikt um die Mohammed-Karikaturen) Joann Sfar kennen, den französischen Hansdampf in allen Comic-Gassen. Sfar war fasziniert von den Geschichten, die ihm Dragon aus seinem Arbeitsleben erzählte und brachte ihn mit dem Schweizer Zeichner Frederik Peeters (Blaue Pillen) zusammen. Wenig später erschien dann der erste Band von RG bei Bayou, der von Sfar betreuten Comic-Edition im Verlag Gallimard.
- 29.10.2009
Will Eisner – kann man ihn unvoreingenommen lesen, ohne gleich von seinem vorauseilenden Ruf in der Comicszene erschlagen zu werden? Dürfte man sich als Comicrezensent überhaupt herausnehmen, diesen „wichtigsten Zeichner Amerikas" (F.A.Z.) zu kritisieren? Ich habe versucht, den ersten Band der „Will Eisner Bibliothek" im Carlsen Verlag, Ein Vertrag mit Gott – Mietshausgeschichten so zu lesen, wie es ein unbescholtener Textbücher-Leser tun würde, dem plötzlich dieser voluminöse Band in die Hände fällt – und war schlichtweg begeistert!
- 25.10.2010
"Die Reichen berauben, um es den Armen zu geben." Im Grunde genommen ein grundsolides und moralisch vertretbares Ziel, das sich Robin Hood gesetzt hat. Doch nach unentwegtem Beschützen von Witwen und Waisen ist auch der grüngekleidete Held in die Jahre gekommen. In seinem neuesten Comic Die wundersamen Abenteuer von Robin Hood: Die Legende von Robin Hood weist Manu Larcenet in seiner bitterbösen Geschichte darauf hin, dass nicht nur das Fleisch, sondern auch der Geist schwach werden kann.
- 29.05.2010
2007 erschien im Berliner Tagesspiegel erstmals eine Episode mit dem Titel Da war mal was ... Zeichner Flix gab darin eine persönliche Erinnerung an die Zeit zum Besten, in der es noch ein geteiltes Deutschland gab. Daraus wurde eine Serie, deren einzelne Folgen bis heute regelmäßig im Tagesspiegel erscheinen. In einer Buchausgabe vom Carlsen-Verlag kann man nun den Großteil davon auch gesammelt lesen.
- 06.10.2009