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(Vortrag/Diskussion)
von Benjamin Vogt Dienstag, 18. Oktober 2011
Mit Die Bekehrung legt der Schweizer Comickünstler und Architekt Matthias Gnehm sein neuestes Buch vor, an dem er immerhin drei Jahre gearbeitet hat. Über 300 Seiten entstanden im Zuge dessen. Es ist Gnehms Versuch, seine eigenen Erfahrungen mit der Zersiedelung des Schweizer Mittellandes zu verarbeiten und sie in eine emotionale Geschichte über Familie, Religion, erste Liebe und Missbrauch zu verweben.
Nach dem Lesen des umfangreichen Bandes bin ich der Meinung: Zum einen funktioniert die geplante Vernetzung der beiden thematischen Fäden nicht wirklich, zum anderen beweist sich Matthias Gnehm hier erneut als brillanter Geschichtenerzähler und Zeichner.
Aber der Reihe nach. In Die Bekehrung dreht sich alles um Kurt Koller, einen Architekturkritiker, der sich 2009 in sein schweizerisches Heimatdorf zurückbegibt, um den Verlauf der Zersiedlung seit den 80er Jahren bis heute zu dokumentieren. Dabei begegnet er einem alten Freund aus Kindheitstagen und dem Leser wird nach und nach das Leben des 14-jährigen Kurt durch Rückblenden enthüllt.
Es ist die Geschichte einer jungen Liebe: Der pubertierende Kurt schwärmt für die ein Jahr ältere Patricia. Um ihr näher zu kommen, beschließt er, sich der Bibelgruppe des leicht fanatischen Pfarrers Obrist anzuschließen. Daraus resultiert schließlich hohes Konfliktpotential zwischen den nichtgläubigen Eltern und der Religionsgemeinschaft, welches sich durch schlimme Vorkommnisse in Patricias Familie noch umso mehr verschärft. Der unsichere Kurt steht zwischen allen Fronten, möchte sich vom Bann des Pfarrers lösen, aber eben nicht von Patricia.
Matthias Gnehm gelingt die Darstellung des zerrissenen Kurt hervorragend, noch besser glückt ihm in diesem Comic nur die Darstellung des Pfarrers Obrist, der von seiner ganzen Mimik und Sprache eine gespenstische Ausstrahlung besitzt. Obrist wird hier nicht als Böser charakterisiert und auch bis zum Ende des Buches von Gnehm nicht mit seinen Fehlern konfrontiert. Umso deutlich wirken religiöser Wahn und angedeutete Perversität, die womöglich unter der freundlichen Oberfläche brodeln, beim Betrachter nach.
Die Bekehrung ist ein emotional höchst aufgeladener Comic, der das Geschehen in der kleinen Dorfgemeinschaft mit viel Nachdruck aufdeckt, ohne explizit auf die Probleme hinzuweisen.
Relativ lose, und leider wesentlich expliziter, schwingt nebenher die Thematik der Zersiedelung. Immer wieder zeichnet Gnehm breit angelegte Landschaften aus der Vogelperspektive, desöfteren wird man mit der Nase auf den Missstand der überbordenden Bebauung hingewiesen. Zum Schluss verabschiedet sich Kurt Koller gar mit seinem Bedauern darüber, wie sehr sich hier, in seinem Heimatort, doch alles verändert habe.
So schön der Schweizer Künstler auch Landschaften zeichnen kann und so sehr sein privates und berufliches Interesse an diesem Thema auch nachvollziehbar sein mag, hätte er sich doch lieber auf einen Bereich beschränken sollen.
Dann hätte auch der erwachsene Kurt Koller nicht Architekturkritiker sein müssen und man hätte nicht das Gefühl, dass Matthias Gnehm hier seine eigene Kindheit verarbeitet (was in Ordnung wäre, wenn der Comic als autobiografische Erzählung angelegt worden wäre).
In dieser Form fällt das Thema Zersiedelung jedenfalls eher als Störvariable auf, denn als zweiter ernstzunehmender Handlungsbogen. Man muss in diesem Zuge auch berücksichtigen, das nicht jeder Leser über Schweizer Landbebauung so gut Bescheid weiß und demnach auch nicht emotional daran gebunden ist. Gnehm setzt seine eigentlich fast schon poltische oder aufklärerische Intention nur ansatzweise um und schafft es nicht, diese für den Leser richtig greifbar zu gestalten.
Abseits davon ist Die Bekehrung ein ausnehmend gut gemachter Comic, weitaus weniger komplex und verstörend als das Vorgängerwerk Das Selbstexperiment, dafür sehr realistisch und emotional.
Wertung: ![]()
Gefühlvolle Erzählung über Religion, Pubertät, Familie. Nur die Zusatzintention scheitert an ihrem eigenen Anspruch
Die Bekehrung
Edition Moderne, April 2011
Text und Zeichnungen: Matthias Gnehm
304 Seiten, s/w, Softcover
Preis: 28,00 Euro
ISBN: 978-3-03731-074-8
Leseprobe
Abbildungen: © Matthias Gnehm / Edition Moderne















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Rezensionen




Mit ihrer Graphic Novel Exit Wounds (so der Originaltitel) hat die
Isralin Rutu Modan international etliche Preise eingeheimst. Nun ist
bei der Edition Moderne eine deutsche Ausgabe erschienen. Blutspuren
ist eine Geschichte aus dem Israel von heute, in der der Nahostkonflikt
als Hintergrundrauschen mitschwingt, aber niemals in den Mittelpunkt
der Handlung tritt.
Ein Unwetter zieht auf. Unrasiert und deprimiert liegt Asterios Polyp in seinem Bett in einem schmuddeligen Apartment. Plötzlich kracht es fürchterlich, ein Blitz hat eingeschlagen und brennt das Zuhaue des 50-jährigen, desillusionierten Architekten nieder. Ohne Obdach und vom Regen durchnässt kauft sich Asterios vom letzten Bargeld ein Busticket in die Kleinstadt Apogee.
Wer Martin Luther King begegnen möchte, muss zu einer
Zeitreise antreten. Nur wer in das historische Ringen um Veränderungen in die
Süd- und Nordstaaten der USA eintaucht, kann ermessen, welche Rolle MLK darin
gefunden hat. Die Graphic Novel Martin Luther King von Ho Che Anderson
ermöglicht seinen Lesern diese Zeitreise in die 60er-Jahre - als Afroamerikaner
noch festgenommen wurden, wenn sie es wagten, sich im Bus vorne hinzusetzen ...
Der Name Rich Koslowski dürfte in Deutschland weitgehend unbekannt
sein, dabei ist er in den USA seit Jahren eine feste, wenn auch nicht
besonders prominente Größe als Animator, Comiczeichner und -autor. Neben
Arbeiten für Archie Comics, Marvel und der selbst erschaffenen Comedyserie
Three Geeks, für die er 2003 den Ignatz-Preis erhielt, kreierte Koslowski auch mehrere Graphic Novels - eine davon
gibt es jetzt auch auf Deutsch.
- 12.09.2008
Es ist 1984, Ulli ist gerade 17 geworden und lebt mit ihrer älteren
Schwester in Wien, wo sie sich vor allem in der Punk-Szene bewegt. Auf
Schule und Ausbildung hat sie gerade keine Lust, sie will
experimentieren und das Leben möglichst spontan kennenlernen. Kein
langes, rationales Abwägen, "Jetzt oder nie" heißt die Devise. Das gilt
auch, als ihre neue Bekanntschaft, die ein Jahr ältere Edi, vorschlägt,
man könne doch einfach mal nach Italien fahren. Und zwar ohne Geld,
ohne Gepäck und ohne Papiere. Was folgt, ist ein zweimonatiger Trip,
der mit dem Wort "Abenteuer" nur unzureichend beschrieben ist. Mehr als
20 Jahre später hat Ulli Lust aus ihren Erlebnissen von damals eine
autobiographische Comicerzählung geformt, die den Leser in mehrfacher
Hinsicht zum Staunen bringt.
- 24.12.2009