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von Andreas Fisch Samstag, 24. Oktober 2009

spazierende_cover.jpgDer unermüdliche Pionier Jiro Taniguchi dringt erneut in schwer zugängliche Gefilde des Erzählens vor und erweitert wieder die Grenzen der Comicliteratur – im Buch Der spazierende Mann überaus gelungen.

Was erzählt die Geschichte? Keine Geschichte!

Was ist die Handlung? Keine Handlung!

Wer ist die Hauptperson? Ein gutsituierter Mann ohne Namen!

Gibt es Höhepunkte? Viele, aber so sanft erzählt, dass man sie übersehen kann, wenn man zu eilig liest.

spazierende_bsp1.jpgThema von Taniguchis Der spazierende Mann ist die Rückbesinnung darauf, die stillen, einzigartigen Momente im Leben zu erkennen und zu genießen. Das können Vögel, Schneeflocken, Kinder und vieles weitere sein, die man in ihrer Eigenart gespannt beobachten, hören, erleben kann, wenn man sie denn wahrnimmt. Das können spürbare Erlebnisse sein, sich einmal von Kopf bis Fuß nass regnen zu lassen oder „den Baum berühren, den Baum spüren, eins werden mit dem Baum" (nach ©TOMs Touché). Das sind günstige Gelegenheiten, auch als Erwachsener dem Drang, nachts verbotenerweise einen Zaun zu überspringen und nackt zu baden, oder alle Konventionen missachtend die Chance beim Schopf zu packen, auf dem Dach eines fremden Hauses auf den Sonnenaufgang zu warten.

Solcherlei Ereignisse der kleinen Art beschreibt Taniguchi in 18 Episoden und er schafft es, den Betrachter in die wachsame Aufmerksamkeit für die kleinen Dinge hineinzuziehen. So fügt er seine Bilder in ruhiger Gestaltung aneinander, oft wortlos und dem Schauen anheimgegeben. Wer dies aus der Meditation, aus Exerzitien oder aus einem wachsamen Spaziergang durch die Natur kennt, wird merken, dass diese Seite in ihm wieder zu klingen beginnt. Ein wunderbarer Weg mit diesem Comic, den ein Text mit seiner unvermeidlichen Wortlastigkeit kaum beschreiten kann.

spazierende_bsp2.jpgDer spazierende Mann ist einzigartig in seinem Thema und seiner Art, es zu präsentieren. Herausragend, meine ich, aber jeder Comicbegeisterte sollte prüfen, ob es die Lektüre ist, in die er sich versenken mag.

Jiro Taniguchi ist ein renommierter und in Japan und Frankreich bekannter Mangaka, im Geschäft seit 1972, seit 1974 preisgekrönt. Der spazierende Mann (1992) ist der 4. Band in der Carlsen-Edition zu Jiro Taniguchi. Die erste Graphic Novel bei Carlsen, Vertraute Fremde (1998 gezeichnet, 2007 auf Deutsch erschienen) ist 2008 denn auch zum besten Comic des Jahres gekürt worden - eine lange Zeit, bis ein guter Comic es schafft, in die deutsche Sprache überzusiedeln. Das zweite Buch bei Carlsen ist Die Sicht der Dinge (1994), das dritte Buch Träume von Glück (1992). Bekannt ist Taniguchi auch durch Werke beim Verlag Leser & Schreiber wie Der Wanderer im Eis (2004), Gipfel der Götter (2000) und Die Stadt und das Mädchen (1999); die Jahreszahlen geben das Entstehungsdatum des japanischen Originals an.


Der spazierende Mann
Carlsen Verlag, März 2009
Zeichnungen/Text: Jiro Taniguchi

Nachwort von Andreas Platthaus
165 Seiten, Softcover, s/w, 14 Euro
ISBN 9-783551-77791-1


Selten, herausragend, aber nicht für alle!

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Abbildungen: © Carlsen Verlag



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