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(Vortrag/Diskussion)
von Benjamin Vogt Donnerstag, 18. Juni 2009
Gleich mit zwei
bemerkenswerten Bänden stürmt der französische Künstler Blutch (alias Christian
Hincker) parallel die deutsche Comiclandschaft. Auffallend dabei ist die
inhaltliche Annäherung von Blutchs Figuren zu seiner eigenen Biografie. So
präsentiert sich in Blotch - Der König von Paris (erschienen im Avant-Verlag) ein
überzeichnetes Alter Ego des Franzosen,
in Der kleine Christian, das bei Reprodukt erschien, finden Anekdoten aus
Blutchs Vergangenheit ihren Platz.
Beiden Büchern ist aber ein gewisser offener Ansatz gemein, der den Leser rätseln lässt, welche Bruchstücke aus der Persönlichkeit des korpulenten Unsympathen Blotch oder eben des aufmüpfigen kleinen Christian direkt Aufschluss über die Realität des Künstlers geben. Allerdings kann man in diesem Fall stark davon ausgehen, dass viele Elemente der Kurzgeschichten um den kleinen Christian sich an den wahren Erlebnissen des Autors zumindest orientieren und weniger völlig frei erfunden sind.
Die Wahrnehmung des
heranwachsenden Fünftklässlers ist geprägt von medialen Einflüssen,
insbesondere von Comics und Fernsehen der 70er, völlig jungstypisch lauten
seine Idole John Wayne, Lucky Luke oder Marlon Brando. Coole Helden also, die
ihm als Vorlage dienen um seinen tristen Schul- und Familienalltag in Gedanken
aufzupeppen. Blutch benutzt die ausufernde Fantasie von Christian dermaßen
häufig als stilistisches Mittel, dass man kaum mehr Stellen findet, an denen
Geschehnisse ohne Einblendung der infantilen Gedankenspiele stattfinden dürfen.
Das ist letztlich aber genau der Punkt, der diesen Comic so interessant macht.
Er ist nicht wirklich ernst zu nehmen, er ist aber auch nicht lustig (auch wenn
sich ein subtiler Witz, der die Episoden durchzieht, nicht verleugnen lässt). Aber er weiß gekonnt mit überbordenden anarchischern Fantasiegeplänkeln
seitens der Hauptfigur zu verstören und gleichsam zu unterhalten. Der kleine
Christian ist auch eine Irrfahrt durch den kindlichen Geist, in dem
beispielsweise die Frage, wie es denn aussähe, wenn Micky Maus nicht mit Minnie,
sondern mit Klarabella zusammen wäre, durchaus auftauchen kann. Durch zahllose
mediale und kulturelle Referenzen wird das nicht immer geradinige Erzählen
anschaulich gemacht und das Lesen
dadurch noch amüsanter.
Blutchs Zeichnungen
lassen sich nicht leicht klassifizieren, immerhin können seine schwarz-weißen Bilder schon
mal mit unvorhersehbaren Details aufwarten oder vorherige Merkmale plötzlich
variieren. Verzerrte Gesichter, je nachdem, ob eine Fantasie- oder Traumsequenz
oder einfach nur eine spezifische Gemütslage ausgedrückt werden soll, sind da
ebenso wenig eine Seltenheit wie ausgedehnte Sprechblasen oder unbestimmt
eingeblendete Charaktere. Erst in der zweiten Hälfte des Bandes weisen die
Zeichnungen eine rote Schmuckfarbe auf, die optisch frische Akzente setzen
kann, aber wenig an dem verstörenden Gesamtkonzept ändert. Und das ist auch gut
so.
Der kleine Christian
Reprodukt, April 2009
Text und Zeichnungen: Blutch
120 Seiten, schwarzweiß mit Schmuckfarbe
Klappenbroschur; 18€
ISBN 978-3-941099-15-9















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Rezensionen

Annies Leben sieht ganz schön beschissen aus. Ihre Mutter ist tot, ihr Vater irgendwo auf Reisen und ihre große Schwester ein fieses Biest der Extraklasse. Gelebt wird in einem Trailer, was die Sache nicht eben besser macht. Auf so engem Raum ist Rückzug beinahe unmöglich. Hausherr Großpapa versucht mit Ruhe und Geduld die zerrissenen Geschwister daran zu hindern, sich gegenseitig zu zerfleischen. So sollte die Welt eines kleinen Mädchens nicht aussehen.
Stellt Euch einfach mal vor, Ihr bekämt die Zusammenfassung der Handlung (!) eines Pornofilms (hier: deutscher
Erotikfilm, auch als Lederhosenfilm bekannt) vorgesetzt, ohne diesen zu kennen. Könnte ja sein. Und nun sollt Ihr auf maximal sechs Seiten zeichnerisch umschreiben, was Ihr glaubt, worum es in dem Film geht. Verspricht spaßig zu werden, oder? Genau das haben sich die Jungs des Berliner Comicmagazins auch gedacht und ihr zweijähriges Epidermophytie-Zölibat pünktlich zum Comic-Salon 2008 gebrochen.
- 15.06.2008
Nachdem Band 1 und 2 der Indie-Krimiserie um einen mit ganz speziellen Geschmacksfähigkeiten "gesegneten" Sonderermittler der US-Lebensmittelaufsicht FDA so rundum überzeugen konnten, machten sich vor Band 3 leichte Zweifel beim Rezensenten bemerkbar. Würde Autor John Layman das hohe Erzählniveau halten können, das er für die ersten Folgen etabliert hatte? Würde die Geschichte nach dem (gefühlten) vorläufigen Höhepunkt auf der Südseeinsel Yamapalü in Band 2 merklich an Fahrt verlieren? Könnte bereits der Zeitpunkt erreicht sein, an dem das Konzept langweilig wird?
Auf einer
Podiumsdiskussion vor einigen Wochen im Münchener Literaturhaus wurde zum x-ten
Mal über das Für und Wider des Prädikats „Graphic Novel“ und seiner Stellung
auf dem Buchmarkt gesprochen. Ein nicht uninteressanter Vorschlag kam dabei von
Armin Abmeier, dem Herausgeber von Die
Tollen Hefte:
Man könnte doch anspruchsvolle Comics wie Romane behandeln und sie in die
jeweilige Genre-Kategorie in der Buchhandlung einordnen, um so Vorurteile gegenüber dem Comic zu überbrücken. Ein Comic mit dem Aufkleber „Graphic Novel“, der diesen
Weg hier exemplarisch gehen soll, ist Sascha Hommers neuer Comic Vier Augen aus dem Hause Reprodukt.
- 05.01.2010