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von Thomas Kögel Dienstag, 04. August 2009

 Ein Mann im Gummianzug, der bevorzugt im Wasser spazierengeht. Ein wohlhabender Händler, der sich nur mit einem Handtuch kleidet und im Freien schläft. Ein Mann, der Geräusche sammelt, die die Menschen beim Essen und Trinken machen, um daraus ein Wörterbuch zu erstellen. Ein Unternehmer, der den Eriesee mit Kohlensäure anreichern und das Wasser per Pipeline direkt nach New York leiten will. Diese skurillen Gestalten (und das sind längst nicht alle) bevölkern Ben Katchors Comic Der Jude von New York, der im Jahr 1830 spielt.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist New York eine Weltstadt im Aufbruch, bevölkert von Immigranten aus aller Welt, von Glückssuchern und Geschäftemachern, unter ihnen auch viele Juden. Ben Katchor, der selbst als "Jude in New York" geboren wurde, pickt sich einige von ihnen heraus und erzählt über sie in kleinen Episoden, die sich zum Ende des Buches hin mehr und mehr verknüpfen. Als Inspiration dienten Katchor historische Quellen wie Plakate, Zeitungsanzeigen, Wurfsendungen oder ein Theaterstück, das auch dem Comic seinen Titel gab. Diese Fundstücke sind auch im Band abgebildet.

 Doch mit historischen Fakten hält sich Ben Katchor nicht lange auf, lieber fabuliert er hemmungslos drauflos und entwickelt so ein buntes Panoptikum schillernder Charakterköpfe. Jede dieser skurillen Figuren versucht auf ihre Weise, ihr Glück zu finden. Bei aller Zukunftsgewandtheit und Aufbruchstimmung sind sie doch auch immer mit ihrem Glauben und dessen uralten Traditionen konfrontiert. Nebenbei erzählt das Buch auch von der Frühzeit des Kapitalismus, als alles möglich schien, und kein Vorhaben abwegig genug war, um nicht eine Geschäftsidee daraus zu machen.

Der Jude von New York ist anfangs eine recht anstrengende Lektüre. Viel Text, skizzenhafte Zeichnungen und immer wieder Männer in Frack und Zylinder (überhaupt handelt der Comic zu 99% von Männern). Erzählt wird nicht geradlinig, sondern auf verschachtelte Weise mit vielen Rückblenden. Es dauert ein wenig, bis man sich auf die Stimmung und die Erzählweise des Comics eingelassen hat und man Zugang zu Katchors Figuren gefunden hat. Dann aber sind einem die kauzigen Vögel sympathisch und man beginnt sich für deren Schicksale zu interessieren.

 Katchors Episoden sind dabei auf eine sehr eigene Weise komisch. Die Komik entwickelt sich hier kaum durch offensichtliche Gags oder witzige Dialoge, sie entsteht vielmehr durch die Skurillität und Verschrobenheit der Protagonisten. Auf die Spitze getrieben wird dies bei Moishe Ketzelbourd, einem Trapper, der durch Biberpelzhandel reich wurde, aber im Lauf der Zeit dazu überging, mehr und mehr wie ein wildes Tier in der freien Natur zu leben. Außerdem verehrt er die Theaterschauspielerin Miss Patella, für die er im Wald kleine Altäre errichtet und täglich zu ihren Bildern onaniert. Eines Tages trifft er sie bei einer Theaterprobe tatsächlich – die Begegnung endet damit, dass er einen Schauspieler tötet und selbst erschossen wird. Anschließend landet er als ausgestopftes Modell in einem Museum, da er für ein fremdartiges Tier gehalten wird.

In den USA kam Der Jude von New York schon 1998 heraus, nachdem die Geschichte zuvor als Fortsetzungscomic im jüdischen Magazin The Forward erschienen war. Der Avant-Verlag bringt nun eine sehr sorgfältig übersetzte deutschsprachige Ausgabe. Ein großer Bestseller wird sie wohl nicht werden, dazu ist die Thematik zu abwegig und die Erzählweise zu sperrig. Wer sich aber darauf einlässt, bekommt ein vielschichtiges, sehr lebendiges und nicht zuletzt humorvolles Zeitportrait zu lesen, bei dem auch eine mehrfache Lektüre lohnt.



Der Jude von New York
Avant-Verlag
, Mai 2009
Text und Zeichnungen: Ben Katchor
Softcover mit Klappenbroschur; 100 Seiten; schwarz-weiß; 19,95 Euro
ISBN: 978-3-939080-33-6

Skurilles Zeitportrait voller schräger Figuren

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Abbildungen: © Avant-Verlag




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