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(Vortrag/Diskussion)
von Marc-Oliver Frisch Donnerstag, 30. Oktober 2008
Den Figuren des Comics - allen voran dem jungen Fotografen Marco, der sich mit dem unerwarteten Tod seines Vaters, dem Kinderwunsch seiner Freundin und einem Bruder auf Abwegen auseinandersetzen muss - verleiht der Autor eine Tiefe und Mehrdimensionalität, die nicht nur im Comic ihresgleichen sucht. Dass Larcenet das alles bis ins kleinste Detail durchdacht und verzahnt hat, ahnt man nur, denn sowohl die Geschichte als auch die Zeichnungen zeugen von einer verblüffenden Leichtfüßigkeit.
Es kommt vor, dass der Franzose bei diesem Balance-Akt stolpert und seinem Publikum zu wenig zutraut. "Ich hab meine ganze Jugend über geglaubt, Worte sind ein Zeichen von Schwäche," sagt Marco an einer Stelle. Das ist, beim besten Willen, dann doch zu viel Rosamunde Pilcher, und es bringt Marco als glaubwürdige Figur kurzzeitig zum Flimmern. Ähnliches passiert an anderer Stelle, wenn er einen Psychiater aufsucht. So bedauerlich diese Ausrutscher sein mögen, so schnell sind sie aber auch schon wieder vergessen, denn die meiste Zeit über beweist Larcenet ein ausgezeichnetes Gespür dafür, welche Linien, Wendungen oder Zeilen notwendig sind und welche nicht.
Was "Kostbarkeiten" in seinen besten Momenten - und derer gibt es viele - auszeichnet, sind das schier unerschöpfliche Verständnis und die Großherzigkeit, mit denen Larcenet seinen Figuren begegnet. Marco und Co. begehen mal größere und mal kleinere Fehler, rasten komplett aus und sind gemein zueinander. Aber wenn's drauf ankommt, kriegen sie dann doch meistens irgendwie die Kurve und nehmen sich selbst und ihre Macken nicht allzu ernst. Ein befreiendes Lachen über die eigene Engstirnigkeit hier, eine kurze, kaum merkliche Berührung da - Larcenet trifft die richtigen Töne zur rechten Zeit. Das Ensemble der Geschichte wirkt dadurch authentisch, vertraut und menschlich, und insgesamt sympathisch auf eine unangestrengte und unaufdringliche Art. Man fühlt sich eingeladen, mit diesen Figuren - nein: Leuten - mitzudenken und zu fühlen, sich mit ihnen zu wundern und mit ihnen über Dinge zu grübeln, die uns doch alle irgendwie was angehen.
Zu dieser Wirkung trägt neben Larcenets eigener Arbeit auch die seiner Helfer bei. Die Farbgebung bemüht sich meist dezent um Realismus, ist aber auch mal so frei, die Innenwelt der Figuren nach außen zu transportieren. Die Übersetzung - auch das ist ein großes Kompliment - liest sich, als wäre sie keine (einzige Ausnahme: Ein Fotoapparat macht doch eher "Klick" als "Klack", oder? Insbesondere in einem Werkzeugschuppen, wo's genug andere "klackernde" Sachen gibt). Das gelungene Lettering und Design des Bandes runden das Gesamtbild ab.
Ich finde den Begriff der graphic novel nun im Allgemeinen völlig untauglich, und weder Herr Larcenet noch seine Verleger scheinen ihn beanspruchen zu wollen. Findet man sich aber einmal kurz damit ab, dass das Etikett "grafischer Roman" innerhalb der Comic-Branche zu einem beliebten Werbeinstrument geworden ist, dann verdient "Kostbarkeiten" es wohl mehr als so mancher Band von doppelter oder dreifacher Seitenstärke.
Mitte November erscheint übrigens der vierte und letzte Band "Gewissheiten" (Leseprobe bei Reprodukt). Zum Abschluss der Serie kann man diesen auch mit einem Schuber erhalten bzw. alle vier Bände mit Schuber erwerben.
Der alltägliche Kampf 3: Kostbarkeiten
Reprodukt, 2006
Text und Zeichnungen: Manu Larcenet
Farben: Patrice Larcenet
Übersetzung aus dem Französischen: Barbara Hartmann
Lettering: Dirk Rehm
Gestaltung: Minou Zaribaf
Album, Softcover, 64 Seiten, farbig; 13,- Euro
ISBN: 3-938511-73-7

© der dt. Ausgabe: Reprodukt
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